SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

26. Oktober 2006, 10:31 Uhr

Dudelfunk ade

Die Zukunft des Radios

Von Tim Renner

Tim Renner, ehemals selbst Plattenboss und heute scharfer Kritiker der Musikindustrie, glaubt an die rettende Kraft des Digitalen. Ödes Formatradio gehöre bald der Vergangenheit an, prophezeit Renner in einem Gastbeitrag - denn die digitale Welt schaffe Vielfalt und Freiheit.

Solang es hierzulande Radiomacher gibt, werden sie sich erzählen, was im Juli 1999 in Hamburg um kurz nach Sechs in der Früh geschah. Oliver Bennet, der Moderator der Morningshow des Senders Mix 95.0, verschanzte sich in seinem Studio und spielte nur noch zwei Songs. Der eine war "No Milk Today" von Herman's Hermits, der andere Abbas "Dancing Queen".

Die Protestaktion gegen das Radioeinerlei wurde erst nach vier Stunden beendet (also ungefähr nach je 30x "No Milk Today" und "Dancing Queen"), als es dem Geschäftsführer des Senders gelang, das Studio über den Lastenaufzug zu entern und den DJ mit der eingeschränkten Repertoirebandbreite zu überwältigen. Die Zuhörer waren von Bennets Protesthaltung jedoch begeistert; der Moderator wurde erst beurlaubt und dann weiterbeschäftigt.

Sich vorzustellen wie Bennet feixend im Studio hockt und seine musikalische Endlosschleife abspielt, während der Geschäftsführer verzweifelt gegen die Studiotüre hämmert, wird auch nach dem Jahr 2012 komisch sein. Die Motivation des Moderators wird man dann aber nur noch schwer nachvollziehen können. Was für ein eigenartiges Programm haben die Kollegen bei Mix 95.0 in der Hansestadt denn damals gefahren und wer in Gottes Namen waren die Abnehmer dafür?

Menschen, die einen Einheitsbrei als Klangtapete bei der Arbeit oder im Auto wollen, sind doch mit ihrer eigenen Komposition viel besser bedient, als sie es mit einem normalen Radioprogramm jemals sein könnten. Der Soundteppich kommt entweder von ihrem eigenen MP3-Player, der auf Shuffle-Mode läuft und wo sie sicher sein können, dass ihnen jedes Stück gefällt, da sie es selbst überspielt haben. Oder sie werden eben über ihr mobiles Pandora oder Last FM bedient. Sie müssen dort nur einmal ihre Lieblingskünstler angeben, dann kommt ein endloser Stream, der stilistisch passt; ohne Werbeunterbrechungen und den Hörer anschreienden, zwangsvergnügten Morgenmoderator.

Nachrichten per Handy, Navigationsgerät statt Verkehrsfunk

Der Markt für das Mainstream-Radio, welches nur noch eine geringe Anzahl unterschiedlicher Titel (meist unter 300 Songs) rotieren lässt, die zudem alle entweder Hits waren oder so klingen, als seien sie welche gewesen, wird vorbei sein. Auf Flitzerblitzer und Staus braucht man auch nicht mehr zu achten. Davon erzählt einem nicht das Radio, dass weiß das Navigationsgerät per Satellit längst selbst. News hat man minutengenau auf dem Handy und wenn man will, auch mit Bild dazu. Passiert etwas, das von Interesse sein könnte, wird man per SMS vorgewarnt.

Wenn man das Radio einschaltet, geschieht dies nicht, um Altbekanntes zu hören, sondern um sich über Neues zu informieren. Das, was überrascht, guckt man sich, so es die Verkehrslage oder die Büroordnung am Arbeitsplatz zulässt, gleich als Video an. Gefällt ein Titel oder Interpret, ist der Download der Musik nur einen Knopfdruck weit entfernt.

Wie gesagt, wir befinden uns mindestens im Jahre 2013. Doch technisch ist das alles mit dem iPod oder Handys, die für die digitalen mobilen Rundfunkstandards DVB-H oder DMB ausgelegt sind und einem simplen Newsabo längst möglich. Das einzige, was es braucht, damit das alte Radio verschwindet und sich neue Nutzungsarten etablieren können, ist eine Explosion des Angebots und die Verbreitung von mehr Empfangsgeräten mit technischen Interaktionsmöglichkeiten für neue Geschäftsmodelle (wie z.B. Download-Verkauf). Die Vorraussetzungen dafür sind geschaffen: Ab 2012 soll das Radio in Deutschland prinzipiell und ausschließlich digital sein.

Der Werbekuchen kann nicht mitwachsen

Wird das genauso glimpflich ausgehen wie die Kappung des analogen TV Signals, welche sich in der Bundesrepublik seit 2003 vollzieht? Die etablierten Radiostationen hoffen darauf nicht. Denn mehr Wettbewerb bedeutet für sie automatisch weniger Einnahmen: der Werbekuchen, von dem ihr Geschäftsmodell abhängt, kann unmöglich proportional zur dann technisch möglichen Anzahl an Programmen wachsen.

Ihre nicht unberechtigte Hoffnung, dass das Jahr 2012 ohne Umschaltung an ihnen vorbeigehen möge, beruht auf der großen Anzahl analoger Radioempfänger. 216,2 Millionen sind es zur Zeit in Deutschland - also fast sechs pro Haushalt. Die alten Empfänger würden nicht nur auf den Müll wandern, sie müssten vorher teilweise auch aus dem Auto ausgebaut werden. Das klingt nach hohen Folgekosten und somit Volkszorn. Gut möglich, dass man da aus politischen Gründen einknickt.

Doch mit der Digitalisierung verhält es sich wie mit dem Wasser: sie sucht sich ihren Weg. Auch wenn man versucht, die Nutzung zu verhindern oder zu erschweren. Egal, ob mit preislichen oder rechtlichen Instrumenten, man wird den Fortschritt in der Kommunikation und Distribution durch Digitalisierung nicht stoppen können.

Die Musikwirtschaft hat das schon erleben müssen: Ihr Geschäftsmodell, auf CDs 12 Songs zu verkaufen, obwohl der Konsument vielleicht nur drei oder vier Titel des Interpreten haben wollte, war eine Lizenz zum Gelddrucken. Natürlich wollte man diese retten und sich nicht auf einen Download und freie Auswahl des Kunden einlassen. Aber da kein legaler Download angeboten wurde, besorgte sich der Konsument die Innovation eben, ohne dass der Produzent verdiente, von Gnutella, Limewire und Co. Die Industrie verlor binnen fünf Jahren fast die Hälfte ihres Volumens.

Das Angebot der marktführenden Mainstream-Radiosender wird längst durch Tausende von Podcasts und Internetradiostationen untergraben. Selbst in ihrer konservativ geführten Marktforschung merken sie schon, wie die Bereitschaft, ihnen zuzuhören besonders bei den jüngeren Nutzern erodiert. Je mehr sich Flatrates fürs Handy durchsetzen, desto dünner wird die Luft. Das Mobiltelefon hängt Dank Straßenverkehrsordnung ohnehin bereits an der Bordelektronik des Autos - und somit am Ort des höchsten Radiokonsums. Eine offene Tür für all diejenigen, die außerhalb von UKW senden. Egal, ob sie nun 2012 qua Gesetz kommt oder nicht: Oliver Bennets Geschichte wird sich nicht wiederholen, denn die Digitalisierung ist bereits da.

URL:



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung