Durchsichtige Füße Na, Sohnemann, da strahlst du!

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2. Teil: Es kommt noch toller: Zu den "medizinischen" Anwendungen radioaktiver Materialien gehörte die Einnahme. Der gesundheitsbewusste Bürger beherzigte die Devise "Radon-Gas ins Trinkwasser" - findige Tüftler bauten die dafür nötigen Apparate. Weiter zum zweiten Teil...


Mindestens bis zum Anfang der siebziger Jahre hielten sich - Ignoranz sei Dank - Fluoroskope in so manchem Schuhgeschäft. Aus heutiger Perspektive mag das unglaublich erscheinen, aber es dauerte tatsächlich viele Jahre, bis sich die Gefahren von Strahlung, sogar der Radioaktivität in der Bevölkerung herumgesprochen hatten - und jeder daran glaubte.

Immerhin hatten zwei Generationen in der Überzeugung gelebt, es sei genau anders: Etwa ab 1920 war beispielsweise der "Revigator" in Mode gekommen. Dabei handelte es sich um Maschinen und Apparate verschiedener Bauart und Ausführung, die alle einem Zweck dienten: Radioaktives Radon-Gas ins Trinkwasser zu pumpen. So bereiteten sich Uroma und Oma ein prickelndes, angeblich gesundes, aber wohl kaum belebendes Mineralwasser-ähnliches Getränk.

Höllenmaschine "Ionic Charger": Radongas ins Trinkwasser

Höllenmaschine "Ionic Charger": Radongas ins Trinkwasser

Denn gerade Radon galt als heilbringend. In der Krankheits-Prophylaxe und in der Rehabilitation nach schweren Verletzungen wurde radioaktives Wasser etwa von 1920 bis Mitte der dreißiger Jahre in relativ hoher Konzentration oral verabreicht. "Radithor", das damals populärste Produkt, sorgte 1932 für Schlagzeilen und einen handfesten Medizin-Skandal. Das makabrerweise auch in der Tumor-Prophylaxe eingesetzte Mittelchen entpuppte sich als Auslöser von Krebserkrankungen im Kopf-, Rachen- und Halsbereich. Als der Nachweis eines durch Radithor verursachten Todesfalls gelang, verschwand das Mittel vom Markt.

Prickelnd, aber nicht belebend

Die Mode, Wasser radioaktives Gas zuzusetzen, war damit aber noch lange nicht am Ende. Noch 1965 brachte die "Ionic Research Foundation" einen obskuren Apparat auf den Markt, der die Verstrahlung des Trinkwassers perfektionierte. Der "Gable Ionic Charger" bestand aus nicht viel mehr als einer mit Radium-226 gefüllten Hohlwalze aus Blei, die mit einem Schlauch und Blasebalg verbunden war.

Im Prozess des Zerfalles entsteht aus Radium-226 das radioaktive Edelgas Radon-222. Das Ende des Schlauches hängte man nun in ein Wasserglas, während man den kleinen Blasebalg "einige Dutzend Mal" betätigte. Schon, so versprach die Werbung, konnte man "die Radon-Bläschen im Glas aufsteigen sehen".

Die Firma empfahl ihre Strahlenwalze nicht nur zur Aufbereitung von Trinkwasser, sondern auch "zum Wässern von

Pflanzen, von Saatgut und zum Tränken von Tieren". Guten Appetit.

Auch die Kundschaft wusste der Hersteller in markigen Worten zu beruhigen: Das Verfahren sei sicher, weil man ja nur das Gas einnehme, und "nicht das metallische Element". Überhaupt hätte "die derzeitige Generation von Fachleuten" durch das "bürokratische Geschrei über Fall-Outs" eine "Gehirnwäsche" erlitten und die Gesundheitsgeheimnisse "der berühmten Bäder vergessen".

Der "Gable Ionic Charger" hatte die Zeit nicht mehr, zu einem Markterfolg zu werden, wurde stattdessen zum letzten Apparat seiner Art. Kurz nach dem Beginn des Verkaufes warnten die US-Behörden vor dem Gerät und den falschen, gefährlichen Versprechungen seiner Hersteller. Den Warenbestand ließen sie beschlagnahmen.

Fuß-Fluoroskope verschwanden weniger spektakulär. Den letzten Apparat sah ich kurz nach einem Umzug an den Niederrhein im Jahre 1972. Ich erinnere mich an eine Szene, als ich versuchte, die Maschine zu aktivieren, aber sie hatte keinen "Saft" mehr. Einige Monate noch stand der mit hübschen Kinder-Aufklebern verzierte Apparat weiß lackiert und sicher in mehr als einer Hinsicht strahlend in dem Laden. Eines Tages war er einfach verschwunden.

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