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02. Oktober 2003, 16:08 Uhr

Durchsichtige Füße

Na, Sohnemann, da strahlst du!

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Das waren noch Zeiten: Ins Schuhgeschäft ging ich selbst als kleines Kind gern. Hinten gab es eine tolle Rutsche, und direkt davor stand der große Wunderkasten. Wenn ich lieb war, durfte ich mir darin meine Füße von innen ansehen. Im Ernst.

Wundermaschine: Das Fluoroskop (hier ein Modell um 1930/40)

Wundermaschine: Das Fluoroskop (hier ein Modell um 1930/40)

"Hm, ja, sehen Sie mal", sagte die nette Verkäuferin, "das passt doch schon ganz gut."

"Das drückt aber!", meckerte ich, und die Verkäuferin legte mir die Hand auf den Kopf. "Die musst du doch noch einlaufen!"

Während Mama in die Okkulare des Apparates starrte, musste ich stillhalten. "Ich will auch mal!", quengelte ich dann, und wenn ich lieb war, durfte ich auch: Gerade so eben konnte ich mich so weit hochziehen, dass ich oben hineinsehen und unten mein Körperinneres entdecken konnte. Filigran und weißlich-blass auf bläulich-grau malte sich dort mein Kinderfuß im ledernen Gefängnis des neuen Schuhs ab.

"Ne, den nehmen wir nicht", sagte Mama bestimmt. "Er soll ja auch was davon haben!"

Was wir Kinder in den fünfziger und sechziger Jahren und - entgegen offizieller Beteuerungen - wohl hier und da auch noch in den siebziger Jahren von dieser Art der Verkaufsberatung hatten, ist bis heute nicht erfasst. Was für ein Glück, ist von Radiologen zu hören, dass nur Füße geröntgt wurden. Das aber geschah überall - auch nur so zum Spaß.

Das "Fluoroskop": Vom Party- zum Werbe-Gag

Wer bis 1965 geboren wurde, hatte gute Chancen, in besseren Schuhgeschäften ein "Schuh-Fluoroskop" in Aktion erleben zu dürfen. Damit ließen sich direkt im Geschäft - und unter Verzicht auf Kleinigkeiten wie Strahlenschutz - Füße in Schuhen röntgen und direkt betrachten. Schuhverkäufer müssen damals im Dunkeln geleuchtet haben, so verstrahlt wurden sie: Spätestens an diesem Punkt wird klar, warum die amerikanischen Drehbuchautoren Al Bundy ("Eine schrecklich nette Familie") gerade diesen Beruf andichteten.

Doch Scherz beiseite: Füße röntgen war "in", und kein Mensch dachte an mögliche Folgen. "Das haben die damals vor allem bei Kinderschuhen gemacht, und bei Babyschuhen immer", erzählt meine Mutter heute. "Ihr Kleinen konntet ja nicht sagen, wo es drückt."

Ergebnis einer Fluoroskop-Untersuchung: Der Schuh passt

Ergebnis einer Fluoroskop-Untersuchung: Der Schuh passt

Der Witz am Fluoroskop war ja eben, dass sich damit das Röntgen direkt darstellen ließ. Mit modernen Fluoroskopen röntgt man heute allenfalls Koffer, nicht Kinder. Bei dem bereits 1896 erfundenen Verfahren macht man sich den Effekt zunutze, dass auftreffende Röntgenstrahlung bei bestimmten Phosphorverbindungen einen Leuchteffekt verursacht. Das Bild "leuchtet nach" und ist so für eine kurze Zeit sichtbar.

Die später im Schuhhandel weltweit üblichen Modelle der fatal-genialen Maschinen wurden wahrscheinlich gegen 1924 von Clarence Karrer erfunden. Sie wurden schnell zu wahren Publikums- und Kundenmagneten, gebaut wurden sie rund um den Globus von zahlreichen Unternehmen.

Das örtliche Schuhgeschäft machten sie zum Mekka durchleuchtungswütiger Halbwüchsiger, und schnell erkannten Händler wie Hersteller das Reklame-Potenzial, das in den Apparaten steckte. Fluoroskope waren ein Freizeitspaß, den sich vorher nur Reiche hatten leisten können: Ab der Jahrhundertwende kamen mobile Röntgenapparate in Mode, mit denen man sich auf Partys selbst und gegenseitig "fotografierte".

Von wegen exotisch: ein Massenmarkt

Neben ihrer Anwendung in der Medizin bekamen Fluoroskope dann erst im Schuhandel eine weitere "Nutzanwendung", die sich sachlich begründen ließ. Hersteller von Fuß-Fluoroskopen warben allerdings unverhohlen mit deren werblichen Wirkung: Neben Killerargumenten für den Verkauf

Werbung für ein "fahrendes Fluoroskop"

Werbung für ein "fahrendes Fluoroskop"

stellten die Maschinen demnach eine "Attraktion" dar, die schnell Laden und Kasse füllen würde. Über 10.000 Fluoroskope sollen Anfang der fünfziger Jahre in amerikanischen Schuhläden in Betrieb gewesen sein.

Für Deutschland sind keine Zahlen zu finden. Die Geschichte der durchsichtigen Füße ist längst Teil der makabren Anekdotensammlung aus einer blind technikgläubigen Zeit. Wohl aber steht die Aussage im Raum, dass Fußdurchleuchtungsapparate in den frühen Sechzigern, kurz nach ihrem Verbot in den USA, auch aus hiesigen Geschäften verschwunden seien. Das aber stimmt definitiv nicht.

Es kommt noch toller: Zu den "medizinischen" Anwendungen radioaktiver Materialien gehörte die Einnahme. Der gesundheitsbewusste Bürger beherzigte die Devise "Radon-Gas ins Trinkwasser" - findige Tüftler bauten die dafür nötigen Apparate. Weiter zum zweiten Teil...

Mindestens bis zum Anfang der siebziger Jahre hielten sich - Ignoranz sei Dank - Fluoroskope in so manchem Schuhgeschäft. Aus heutiger Perspektive mag das unglaublich erscheinen, aber es dauerte tatsächlich viele Jahre, bis sich die Gefahren von Strahlung, sogar der Radioaktivität in der Bevölkerung herumgesprochen hatten - und jeder daran glaubte.

Immerhin hatten zwei Generationen in der Überzeugung gelebt, es sei genau anders: Etwa ab 1920 war beispielsweise der "Revigator" in Mode gekommen. Dabei handelte es sich um Maschinen und Apparate verschiedener Bauart und Ausführung, die alle einem Zweck dienten: Radioaktives Radon-Gas ins Trinkwasser zu pumpen. So bereiteten sich Uroma und Oma ein prickelndes, angeblich gesundes, aber wohl kaum belebendes Mineralwasser-ähnliches Getränk.

Höllenmaschine "Ionic Charger": Radongas ins Trinkwasser

Höllenmaschine "Ionic Charger": Radongas ins Trinkwasser

Denn gerade Radon galt als heilbringend. In der Krankheits-Prophylaxe und in der Rehabilitation nach schweren Verletzungen wurde radioaktives Wasser etwa von 1920 bis Mitte der dreißiger Jahre in relativ hoher Konzentration oral verabreicht. "Radithor", das damals populärste Produkt, sorgte 1932 für Schlagzeilen und einen handfesten Medizin-Skandal. Das makabrerweise auch in der Tumor-Prophylaxe eingesetzte Mittelchen entpuppte sich als Auslöser von Krebserkrankungen im Kopf-, Rachen- und Halsbereich. Als der Nachweis eines durch Radithor verursachten Todesfalls gelang, verschwand das Mittel vom Markt.

Prickelnd, aber nicht belebend

Die Mode, Wasser radioaktives Gas zuzusetzen, war damit aber noch lange nicht am Ende. Noch 1965 brachte die "Ionic Research Foundation" einen obskuren Apparat auf den Markt, der die Verstrahlung des Trinkwassers perfektionierte. Der "Gable Ionic Charger" bestand aus nicht viel mehr als einer mit Radium-226 gefüllten Hohlwalze aus Blei, die mit einem Schlauch und Blasebalg verbunden war.

Im Prozess des Zerfalles entsteht aus Radium-226 das radioaktive Edelgas Radon-222. Das Ende des Schlauches hängte man nun in ein Wasserglas, während man den kleinen Blasebalg "einige Dutzend Mal" betätigte. Schon, so versprach die Werbung, konnte man "die Radon-Bläschen im Glas aufsteigen sehen".

Die Firma empfahl ihre Strahlenwalze nicht nur zur Aufbereitung von Trinkwasser, sondern auch "zum Wässern von Pflanzen, von Saatgut und zum Tränken von Tieren". Guten Appetit.

Auch die Kundschaft wusste der Hersteller in markigen Worten zu beruhigen: Das Verfahren sei sicher, weil man ja nur das Gas einnehme, und "nicht das metallische Element". Überhaupt hätte "die derzeitige Generation von Fachleuten" durch das "bürokratische Geschrei über Fall-Outs" eine "Gehirnwäsche" erlitten und die Gesundheitsgeheimnisse "der berühmten Bäder vergessen".

Der "Gable Ionic Charger" hatte die Zeit nicht mehr, zu einem Markterfolg zu werden, wurde stattdessen zum letzten Apparat seiner Art. Kurz nach dem Beginn des Verkaufes warnten die US-Behörden vor dem Gerät und den falschen, gefährlichen Versprechungen seiner Hersteller. Den Warenbestand ließen sie beschlagnahmen.

Fuß-Fluoroskope verschwanden weniger spektakulär. Den letzten Apparat sah ich kurz nach einem Umzug an den Niederrhein im Jahre 1972. Ich erinnere mich an eine Szene, als ich versuchte, die Maschine zu aktivieren, aber sie hatte keinen "Saft" mehr. Einige Monate noch stand der mit hübschen Kinder-Aufklebern verzierte Apparat weiß lackiert und sicher in mehr als einer Hinsicht strahlend in dem Laden. Eines Tages war er einfach verschwunden.

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