E-Learning "Wir wollen den Markt revolutionieren"

Vor Tagen jubelten Politiker und Sponsoren, die Initiative "Schulen ans Netz" hätte nun bald alle Schulen erreicht. Da fehlen nur die Lehrer, eine notorische Offline-Spezies. Die Betreuungslücke will nun der Klett-Verlag füllen. Gegen Geld, versteht sich.


Mit dem kostenpflichtigen Lern-Portal "Klett-training.de" könnten Schüler von der Grundschule bis zur Oberprima stressfrei ihre Noten verbessern, sagte der Leiter des Projektes E-Learning bei Klett, Thomas Fahr, am Donnerstag in Berlin.

Neben den für das Netz aufbereiteten klassischen Lerninhalten stünden den Schülern bei Bedarf auch Lehrer zur Seite, die per E-Mail um Hilfe gebeten werden können. Das Abonnement kostet pro Fach im Monat 22 Mark und mit Beratung 44 Mark und kann nur von den Eltern bestellt werden. Für jeweils den doppelten Betrag werden alle Fächer abgedeckt.

"Wir wollen damit den Nachmittagsmarkt revolutionieren", sagte Fahr mit Blick auf die Konkurrenz der traditionellen Nachhilfe-Anbieter. Das Angebot solle nicht den Schulunterricht ersetzen, sondern lediglich ergänzen. Zurzeit könnten die Schüler ihr Wissen in den Fächern Deutsch, Englisch, Mathematik, Geschichte und Biologie verbessern. Damit Eltern und Lehrer sich über das Angebot informieren könnten, gebe es für sie auf der Website spezielle kostenlose Seiten.

Konzept mit Vorbildern

Kletts kommerzielles Angebot ist nicht ohne Vorbilder. Ganz ähnliche Dienste bieten staatliche Schulen in Großbritannien kostenlos an, die im "National Grid for Learning" sowie mehreren anderen Schulnetzwerken organisiert sind.

In England brachten staatliche Initiativen nicht nur Schüler, sondern auch Lehrer ans Netz. Manche Schulbehörden bieten ihren Angestellten finanzielle Anreize, um auch nach Dienstschluss noch für Schülerfragen zur Verfügung zu stehen. Auch so kann das gehen, wenn ein Staat seine Verantwortung für das Bildungswesen nicht allein privaten Initiativen überlässt. Beides lässt sich im Übrigen miteinander kombinieren. Entwickler und Hauptsponsor der meisten Software und Netzwerke im "National Grid" ist das Softwareunternehmen Oracle.

Für die technische Aufbereitung der Lerninhalte und den Einsatz von Multimedia-Anwendungen innerhalb des Klett-Dienstes war die mit 50 Prozent an dem Projekt beteiligte Internet-Firma Viviance GmbH new education zuständig. So können die Schüler beispielsweise ein Gedicht sich rezitieren lassen oder einen biologischen Entwicklungsprozess per Video verfolgen. Schickten Schüler ihren Aufsatz per E-Mail an ihre Lehrer beim Klett-Verlag, erhielten sie innerhalb von 24 Stunden Antwort, sagte Fahr. Derzeit stünden 20 bis 30 Fachpädagogen zur Verfügung.

Viviance-Sprecher Alexander Ross rechnet mit mehreren tausend Abonnenten im ersten Halbjahr 2001. Er sagte allerdings, Lernen mit Hilfe des Internets könne nie gänzlich den persönlichen Unterricht ersetzen.



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.