Elektrische Tinte Die Rückkehr der E-Bücher?

Alle Jahre wieder wird das Konzept des elektronischen Papiers und der eBooks entmottet. Diesmal jedoch scheint es ernst zu sein: Die Sony-Philips-Kooperation "LIBRIe" bietet echtes E-Papier, ein elegantes Design und beeindruckende technische Daten. Jetzt muss nur noch die Buchbranche mitmachen.

Das neue Zeitalter begann auf der Frankfurter Buchmesse 1998. Da stand ein schlaksiger, von der Hamburger PR-Agentur Faktor 3 angeheuerter Student völlig ahnungslos in einem Pulk von Leuten und beantwortete mangels Ahnung keine Fragen. Brauchte er auch nicht, denn das Produkt, das er als Weltneuheit vorstellte, erklärte sich quasi selbst: die Rede ist vom Rocket eBook.

Das, jubelten in den folgenden zwei Wochen ein paar aufmerksame Fachmedien, läute nun ja wohl endlich die lang erwartete Ära des elektronischen Papieres ein: Vorbei die Zeit der muffigen Bücher! Künftig würde ein Lese-Display wie das Rocketbook eine ganze Bibliothek beinhalten! Und Grüße an Jean Luc Picard!

Dann geschah erst einmal, was seit Mitte der Neunziger noch stets geschehen war, wenn sich jemand erkeckte, das Zeitalter der eBücher anzusagen: nichts.

Das Rocketbook schaffte es nicht auf den europäischen Markt, das Kurzzeitgedächtnis der Medien vergaß das Ding gleich wieder. Das hatte auch Vorteile, denn so konnte der Hersteller NuvoMedia das Rocketbook auf der Buchmesse 1999 gleich noch einmal als Weltneuheit vorstellen. Das Echo? Siehe oben.

Im Juni 2000 dann drängten endlich erste Produkte auf die Märkte. BOL stellte auf der Buchmesse 2000 das Rocketbook als Weltneuheit vor, war inzwischen aber nicht mehr ohne Konkurrenz.

In Amerika hatten sich "Softbook" und "EveryBook", Rocketbook und "Librius" bereits einen harten Verdrängungswettbewerb auf allerunterstem Niveau geliefert: Die wirklich verkauften Stückzahlen zu melden wagte aus Schamgefühl keines der Unternehmen.

Ein Satz mit X...

Längst drängten handlichere Notebooks auf den Markt, PDAs und Subnotes, und Microsoft und Co etablierten Darstellungsstandards für E-Literatur auf "normalen" Displays.

Blieb nur noch eine Frage zu klären: Wer wollte wirklich auf einem Laptop-Bildschirm (oder Artverwandten) ein Buch lesen? Das Feuilleton, das stets die Lufthoheit über alle Themen beansprucht, in denen das Wörtchen "Buch" auch nur erwähnt wird, hatte die Antwort parat: Niemand.

Publikumswirksam schilderte Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der "FAZ", im Mai 2000 in der "Süddeutschen Zeitung" seine akuten Orientierungsprobleme mit Buchseiten, die man nicht umblättern kann. Er offenbarte die wahren Schwächen des E-Book-Konzeptes:

a) "Außerdem kommt man sich - ehrlich gesagt - fast lächerlich vor, wenn man irgendwo mit diesem Gerät sitzt."

b) "Menschen, die Bücher lesen, wollen sie gern herzeigen, stellen sie ins Regal und in Schrankwände, tragen sie mit sich ins Cafe und in den Park. Dieser Spleen müsste zwar durch das E-Book nicht wegfallen, aber man müsste doch besser eine neue Sorte Container erfinden, mit Hüllen darin, die ähnlich aussähen wie CDs und auf denen elektronisch gespeicherte Bücher ausstellbar wären. Scheinbibliotheken, sozusagen."

Das hatte gesessen: Eine Schrankwand mit 500 Büchern beeindruckt halt mehr als ein E-Book mit 500 Büchern. Die eBooks verwehte der Wind des wechselnden Zeitgeistes. Das Thema der E-Bücher rückte dahin zurück, woher es gekommen war: Auf die Tech- und Wissenschaftsseiten.

Der zweite Anlauf: Näher an der Vision

Auf denen war bereits seit Mitte der neunziger Jahre von spektakulären Entwicklungen zu lesen. Von Xerox oder Philips erwartete man jeden Augenblick die Veröffentlichung des ersten echten E-Papiers: Darunter stellt man sich bis heute eine Art flexiblen, vielleicht aufwickelbaren Monitor vor, der immer wieder frisch mit neuen Inhalten befüllt werden kann. Prototypen funktionieren bereits. Irgendwann mag es ein Lese-Display geben, dass das alles in Farbe und gar unter Einbindung bewegter Bilder möglich macht.

Die Wartezeit dahin füllt nun Sony mit der Veröffentlichung des LIBRIe.

Auf den ersten Blick ist das die Wiederkehr der eBooks der Spätneunziger: Das LIBRIe ist ein festes Lesedisplay mit einem sechs-Zoll-Monitor. Der ist das eigentlich neue am LIBRIe, denn im Gegensatz zu den frühen eBooks verbaut Sony tatsächlich ein Lesedisplay, das auf "electronic ink", auf "E-Tinte" beruht.

E-Tinte wird marktfähig

Entwickelt wurde das von Philips im Verbund mit dem Unternehmen E Ink. Der Witz an der Darstellungs-Technologie steckt im Aufbau des Displays: Kern des Ganzen ist eine Schicht schwarz-weißer "Pigmente", die zwischen einer metallischen Grund- und einer transparenten Kunststoffschicht gelagert wird. Jedes einzelne "Pigment" kann einzeln angesteuert und "oben" oder "unten" positioniert werden - an der sichtbaren oder verdeckten Seite. Dann "steht" es auf dem Display, sichtbar als Schwarz, Weiß oder Graustufe. Und zwar gestochen scharf, ohne dabei noch Energie zu verbrauchen.

Im Gegensatz zu normalen Monitoren, die sich in der Regel mit einer Bildauflösung von 72 dpi begnügen, bringt es das E-Ink-Display so auf immerhin 170 dpi. Das, sagen Philips und Sony, komme der Klarheit eines Druck-Schriftbildes schon ziemlich nah.

Eine Übertreibung - denn "Print" arbeitet in der Regel mit mindestens 300 dpi - aber eine verzeihliche: 170 dpi sind Klassen besser, als das, was wir von unseren Monitoren, Handys und PDAs gewöhnt sind.

Was noch bekannt ist über das in Europa noch nicht erhältliche Produkt? Soviel: Dass es zuerst in Japan eingeführt werden soll, zu einem Einstandspreis von rund 375 US-Dollar. Bescheidene 13 Millimeter dick soll es sein und gerade einmal 190 Gramm wiegen. Damit wäre es - im Gegensatz zu Rocketbook und Co - wirklich in der Liga der Bücher angekommen - und zwar der schlanken. Auch das Fassungsvermögen hat es in sich. Bis zu 500 Bücher soll das LIBRIe fassen können.

Spätestens an diesem Punkt beginnen wohl wieder die Probleme - denn wie kommen die Bücher hinein und wer soll das bezahlen?

Spielt diesmal die Buchbranche mit?

Die erste Generation der eBooks war keineswegs an ihrer Technik gescheitert, sondern an ihren Preisen - sowohl für die Hard-, als auch für die Software. Ganz so wie beim Musikdownload boten die Verlage E-Versionen ihrer Produkte an, die oft keinerlei Preisvorteil gegenüber gedruckten Versionen boten und manchmal sogar teurer waren.

Vielleicht erlauben Sony/Philips auch deshalb den Download von Materialien aus dem Internet, denn zumindest dort sind Inhalte noch kostenlos oder zumindest preiswert zu haben. Ob das E-Buch-Konzept als solches mittelfristig Erfolg haben wird, entscheidet sich trotzdem daran, ob Verlage und Buchhandel inzwischen dazugelernt und ihre Paranoia abgelegt haben.

Auch das wird - siehe Musikindustrie - wieder von der Etablierung funktionierender Kopierschutz- und DRM-Maßnahmen abhängen. Bis dahin haben Hinweise auf die exorbitante Speicherkapazität von eBooks nur anekdotischen Wert: Bücher, die nicht angeboten werden, kann man auch nicht speichern.

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