Entfesselte Telefone Hilfe, mein Handy nervt

Mobilfunker pflastern Telefonmenüs mit Werbung zu, belegen Tasten mit teuren Direkteinwahlen ins Internet und schalten nützliche Funktionen ab. Doch die verhunzten Handys lassen sich von den Fesseln befreien: mit neuer Firmware, die ein Debranding-Dienst aufspielt.

Was würde der Autohersteller BMW wohl sagen, wenn ein Autohaus irgendwo in Deutschland den neuen 3er so umbaut, dass er nur noch 100 Km/h schnell fahren kann und ausschließlich Spezialbenzin tanken darf, das es exklusiv in jenem Autohaus zu kaufen gibt? Und wie würde der bayerische Autobauer wohl reagieren, wenn neben dem BMW-Logo auf dem Lenkrad der Namenszug des Händlers eingraviert wäre?

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De-Branding: Das Mobiltelefon tunen

In der Autobranche ist derartiges kaum vorstellbar - unter Mobilfunkern jedoch schon seit Jahren gängige Praxis. Vodafone, T-Mobile & Co machen aus den von ihnen verkauften Handys kleine Litfaßsäulen für die Hosentasche. Auf dem Gehäuse prangt das Providerlogo - gleich neben dem des Handyherstellers. Das Menü ist mit Werbung zugepflastert. Sondertasten kann der Benutzer nicht nach seinen Wünschen einrichten - ein Knopfdruck startet in der Regel eine teure Internetverbindung. Abändern lässt sich das nicht - die Handy-Firmware wurde im Auftrag der Mobilfunker entsprechend geändert.

Mit ärgerlichen Konsequenzen: Wer die Tastensperre vergisst, hat auf der nächsten Handyrechnung ein paar Euro extra, weil sich das Gerät beim Verstauen in der Tasche von allein eingewählt hat. Ein willkommenes Zusatzgeschäft für die Netzbetreiber, die über sinkende Pro-Kopf-Umsätze klagen?

Vodafone-Sprecherin Bettina Donges sagte SPIEGEL ONLINE, die sogenannte Vodafone-live-Taste sei auf Wunsch der Kunden eingeführt worden, "damit man nicht mehr so lange im Menü suchen muss". Versehentliches Einwählen könne schon mal passieren, am besten solle man immer die Tastensperre aktivieren, empfiehlt sie. "Oder besser noch einen Tarif mit Flatrate wählen, da kann nichts passieren." Der kostet natürlich extra - schließlich will Vodafone ja auch ein bisschen Geld verdienen.

Original-Firmware für 10 bis 30 Euro

Immerhin: Die Vodafone-live-Taste lässt sich meist durch gezielte Falscheinstellung bei den Einwahloptionen abschalten. Dumm nur, wenn man dann eines Tages tatsächlich mal mit dem Handy surfen will. Die weitaus bessere Lösung für das Problem lautet De-Branding. So nennen Anbieter im Netz das Aufspielen der Original-Handy-Firmware. Die speziellen Menüs von T-Mobile oder Vodafone - das sogenannte Branding - verschwinden so. Der Benutzer kann die Sondertasten dann meist mit der eigenen Wunschfunktion belegen.

Zwischen 10 und 30 Euro kostet der Dienst bei eBay . Jan Petermann aus Frankfurt am Main flasht seit August 2004 Handys, "aus persönlichen Gründen", wie er sagt. "Ich habe mich damals über das Branding beim SonyEricsson T610 geärgert." Mittlerweile besitzt Petermann drei Spezialgeräte zum Aufspielen der Original-Handy-Firmware: eins für Motorola-Handys, eins für Nokia und eins für Geräte von SonyEricsson und Samsung. Über seine Seite Smartmod.de  können Kunden das De-Branding ordern. Sie müssen ihr Handy einschicken oder können es vorbei bringen.

Kunden, die ihr Telefon lieber nicht aus der Hand geben wollen, können es auch selbst am heimischen PC de-branden. Für Sony-Ericsson-Geräte hat die niederländische Firma DaVinci Team  eine Software entwickelt, mit der jeder Laie sein Handy entfesseln können soll. Zehn Euro kostet der Dienst pro Flashvorgang. Petermann, aber auch eBay-Händler wie Markus Schwager  aus Berlin, nutzen den Service als Wiederverkäufer.

Die Software hat allerdings durchaus ihre Tücken: So muss der Anwender die passende Firmware aus einer langen Liste auswählen und diverse Parameter einstellen - das sind Fehlerquellen zuhauf. Auch ein Test für SPIEGEL ONLINE ging zunächst schief - "falsche Firmware ausgesucht", meinte Schwager und ermöglichte einen zweiten Versuch, der dann glückte.

Blockierte Funktionen freigeben

"Wenn irgend etwas beim Flashen schief läuft, können die Leute ihr Handy an mich schicken", erklärte er. Monatlich habe er inzwischen eine dreistellige Anzahl von Kunden. "Da sind auch einige Stammkunden darunter, die offenbar immer wieder Handys von Freunden und Bekannten flashen." Ärger mit Mobilfunkanbietern habe er bislang noch nicht gehabt.

Mit der neuen Firmware verschwindet nicht nur Werbung aus den Menüs - es werden auch manche von den Mobilfunkern abgestellte Funktionen aktiviert. Zum Beispiel jene, eigene MP3s als Klingelton zu verwenden, statt diese teuer zu kaufen. Oder die Möglichkeit, Klingeltöne per Bluetooth an andere Handys zu senden.

"Bei Klingeltönen ist das eine Rechtefrage", begründet Vodafone-Sprecherin Donges die auferlegten Beschränkungen. Dass dahinter auch geschäftliche Interessen stehen, leugnet sie nicht: "Natürlich freuen wir uns, wenn die Leute Klingeltöne kaufen."

Besonders stark sind die Einschränkungen beim sogenannten Walkman-Telefon von SonyEricsson W800. T-Mobile verkauft das Handy nicht nur als W800, sondern in identischer Hardware, jedoch in anderer Farbe und mit schlichteren Kopfhörern auch unter dem Namen D750. Ärgerlich beim D750 ist unter anderem die rudimentäre, im Vergleich zum W800 regelrecht kastrierte MP3-Player-Software. Der integrierte Player hat nicht einmal eine Übersicht der Titel nach Interpreten. Mühsam muss sich der Benutzer Playlisten mit der Hand zusammenstellen, um schnell auf seinen Lieblingsalben zugreifen zu können. Nach dem De-Branding meldet sich das D750 an der USB-Schnittstelle des PC als SonyEricsson W800 - der Identitätswechsel ist geglückt.

Die Mobilfunknetzbetreiber sehen das Handy-Modding nicht so gern und warnen immer wieder davor, dass man danach die Gewährleistung verliert. Das Amtsgericht Potsdam wertete gebrandete Handys hingegen als "Sachmangel", wie es im März in einem Urteil gegen T-Mobile entschied. Das Unternehmen musste dem Kunden den Kaufpreis zurückerstatten, der wegen der Sondertastenbelegung geklagt hatte.

Radiergummi machtlos gegen Logo-Aufdruck

Auf welch verschlungenen Pfaden die Firmware von den Handyherstellern zu den De-Branding-Diensten gelangt, ist unklar. Es könnte sogar sein, dass mancher Produzent sogar ein bisschen nachhilft. Schließlich profitieren sie indirekt von den Flash-Angeboten, bei denen auch Sim-Locks entfernt werden, die Hand-Nutzer an einen Anbieter binden sollen. "Dadurch verdienen die Handyhersteller vielleicht sogar noch mehr, weil mehr Geräte verkauft werden", vermutet Schwager. Das Nachsehen haben die Mobilfunknetzbetreiber, die die Geräte subventioniert verkaufen.

Die einfachste Variante des De-Branding kommt übrigens ganz ohne Software aus. Stattdessen greifen Handybesitzer zu speziellen Radiergummis und rubbeln in minutenlanger Kleinarbeit die aufgedruckten Provider-Logos von den Telefongehäusen. Sehr gut funktioniert das beispielsweise beim SonyEricsson T610. Beim D750 verwendet T-Mobile inzwischen offenbar ein anderes Druckverfahren - der Radiergummi ist wirkungslos. "Da hilft nur ein Austausch der Schale", meint der Berliner De-Branding-Spezialist Schwager. "T-Mobile lernt dazu."