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15. Januar 2003, 09:09 Uhr

Exklusiv-Interview mit Bill Gates

"Ich habe noch viele Jahre Arbeit vor mir"

Auf der Consumer Electronic Show in Las Vegas präsentierte Microsoft-Chef Bill Gates Surfbildschirme für die Wohnzimmercouch und intelligente Reisewecker. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er darüber, wie sich all das zur Vision vom digitalen Lifestyle zusammenfügt.

Mr. Microsoft: Bill Gates glaubt fest an die Vision vom "Digital Lifestyle"
[M] / AP

Mr. Microsoft: Bill Gates glaubt fest an die Vision vom "Digital Lifestyle"

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Mr. Gates, nach Ihren Worten leben wir in der "digitalen Dekade". Künftig tragen wir demnach vernetzte Armbanduhren mit Microsoft-Software, im Wohnzimmer übernehmen Windows-Media-Center-PCs das Kommando und über Windows-basierte Smart Displays sind unsere Digi-Fotos im ganzen Haus verfügbar. Wollen Sie uns eigentlich abhängig machen?

Bill Gates: Unsere Produkte werden überall dort zu finden sein, wo die Leute sie haben wollen. Das heißt also nur da, wo man sie auch für nützlich hält, wo sie Spaß bringen oder einfach zu bedienen sind. Wir reden hier ja über hart umkämpfte Märkte! Dieser Wettbewerb ist gesund und gut für den Konsumenten: Wir haben in den letzten Jahren doch erlebt, dass aufgrund der Konkurrenzsituation beispielsweise die Preise für Computer so stark gefallen sind, wie in keinem anderen Sektor. Also sind wir auch zuversichtlich, dass der digitale Lifestyle bezahlbar sein wird.

SPIEGEL ONLINE: Okay, aber auch nutzbar? Bisher kann doch keine Rede davon sein, dass Hightech benutzerfreundlich oder unkompliziert wäre. Beißt sich das nicht mit dem Anspruch, das Leben der Menschen vereinfachen zu wollen?

Gates: Mit Sicherheit ist das ein großes Problem, dass oft Produkte entwickelt werden, die nicht einfach zu bedienen sind oder die im Zusammenspiel mit anderen Geräten nicht so funktionieren, wie sie das sollten. Das beschränkt sich nicht auf den PC-Bereich. In den Wohnzimmern stellt sich etwa das Problem, dass man bei all den Fernbedienungen den Überblick darüber verliert, welche für was zuständig ist. Doch gerade durch die Integration von Software können Geräte besser aufeinander abgestimmt und einfacher genutzt werden.
Ein Videorekorder zum Beispiel ist doch wesentlich einfacher über einen großen Bildschirm zu programmieren, als über Tasten am Gehäuse. Das zeigt, wie simpel Technologie sein kann, sobald Bedienfunktionen auf Displays darstellbar sind und man die Rechenleistung eines PCs nutzen kann, um ein Nutzer-Interface zu erzeugen.

Kaufmann Gates: Smart Displays wie "Mira" machen die Couch zur Surfstation - wenn man sich das leisten kann
EPA/DPA

Kaufmann Gates: Smart Displays wie "Mira" machen die Couch zur Surfstation - wenn man sich das leisten kann

SPIEGEL ONLINE: Und das gilt dann auch für Armbanduhren und Reisewecker, wie die, die Sie auf der CES vorgestellt haben?

Gates: Die Spot-Uhr ist sogar ein sehr gutes Beispiel. Es wäre viel zu kompliziert, wenn man sich sein persönliches Informations-Menü, das auf der Uhr zur Verfügung stehen soll, über ein paar kleine Knöpfe zusammenstellen müsste. Daher setzt man sich an einen PC, gibt die ID der Uhr ein und wählt bequem am Bildschirm aus, welche Aktienkurse, Verkehrsinformationen oder Sportnachrichten man haben möchte, oder wessen elektronische Mitteilungen man empfangen will. Der Rechner teilt dann der Uhr mit, was sie anzeigen soll.

SPIEGEL ONLINE: Und das sollen dann auch völlige Computer-Laien können?

Gates: Das will ich schwer hoffen. Denn sollte das nicht möglich sein, würden wir unser Ziel verfehlen, Millionen von diesen Uhren zu verkaufen. Teil der Idee ist es ja auch, dass man die persönlichen Einstellungen nur einmal vornimmt und nicht für jedes einzelne Gerät. Nehmen wir mal an, Sie interessieren sich für das Wetter in einem bestimmten Skigebiet oder einer Stadt. Dann sollen diese Informationen ja nicht nur auf Ihrem PC verfügbar sein, sondern automatisch auch auf Ihrer Uhr und Ihrem Mobiltelefon erscheinen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Microsoft als Softwareunternehmen gegründet. Mittlerweile scheint es jedoch, als bewegten Sie sich mehr und mehr in Richtung Unterhaltungselektronik. Sind Sie dabei, Microsoft umzukrempeln?

Gates: Nein, wir sind ein Software-Unternehmen, und alles, was wir tun, dreht sich um die Magie der Software. Im Hardware-Bereich sind wir nur mit einigen wenigen Peripheriegeräten wie PC-Mäusen, Keyboards oder der Xbox vertreten, die wir außer Haus produzieren lassen. Wobei wir in das Geschäft mit der Xbox nur wegen der Software eingestiegen sind. Zum einen stellen wir Tools zur Verfügung, damit Entwickler Spiele für die Konsole schreiben können, zum anderen produzieren wir ja auch selbst welche. Sobald die Bedeutung der Xbox noch weiter zunimmt, sehen wir eventuell dieselbe Entwicklung wie im PC-Markt, wo viele Unterhaltungselektronikfirmen die Hardware produzieren und wir uns auf die Software konzentrieren können.

SPIEGEL ONLINE: Man sagt ihrem Unternehmen nach, mit harten Bandagen zu kämpfen. Auf dem Markt der Unterhaltungselektronik ist Sony Ihr größter Gegner. Das hindert Sie anscheinend nicht an Kooperationen.

Uhrenverkäufer: Alles vernetzt, Kommunikation wird allgegenwärtig
AP

Uhrenverkäufer: Alles vernetzt, Kommunikation wird allgegenwärtig

Gates: Wir haben viele Konkurrenten. IBM ist insgesamt wohl unser größter Rivale. Im Bereich der Online-Services ist es AOL, in der mobilen Kommunikation Nokia, bei Datenbanken Oracle. Die Xbox steht in Konkurrenz zu Sonys Playstation. Gut für den Konsumenten: Erst das forciert doch die Entwicklung immer neuer Generationen. Doch mit Unternehmen wie IBM oder Sony arbeiten wir teilweise auch zusammen, so zum Beispiel mit Sony beim Vaio-Computer. Wir liefern die Software, loten gemeinsam die Möglichkeiten für neue Hard- und Software aus und legen Standards fest, nach denen Geräte miteinander kommunizieren können. Und da es hier weiter sehr viel Handlungsbedarf gibt, werden wir künftig wohl noch öfter kooperieren.

SPIEGEL ONLINE: Obwohl sie augenscheinlich völlig entgegen gesetzte Strategien verfolgen? Sony-Präsident Kunitake Ando hat in Las Vegas im Gegensatz zu Ihnen nicht den PC, sondern den Fernseher als Schaltzentrale des digitalen Lifestyles im vernetzten Haushalt proklamiert.

Gates: Ich denke, weder unser noch Sonys Ansatz ist derart zu vereinfachen. Wir sind der Meinung, dass der PC der Ort ist, an dem etwa Fotos oder persönliche Videos aufbewahrt werden und es die Breitbandanbindung ans Internet ermöglicht, diese abzurufen oder mit Freunden zu teilen. Zudem können digitale Medien dort auch weiterverarbeitet werden. Gleichzeitig arbeiten wir daran, dass Fernseher und PC zusammenarbeiten, und haben mit Windows XP Media Center ja auch gezeigt, dass PCs künftig mit Fernbedienungen gesteuert werden können, mit TV-Guides ausgestattet sind und aufgezeichnete Sendungen auf TV-Schirme projizieren können.

SPIEGEL ONLINE: Sie sehen also keine Konkurrenz der technischen Ansätze?

Microsoft-Werbung: Die Marke Bill
Jung von Matt

Microsoft-Werbung: Die Marke Bill

Gates: Es wird sehr viel darüber diskutiert, wie Tech-Geräte miteinander konkurrieren, so etwa auch der PC mit dem Handy oder das Handy wiederum mit der Uhr. Wir sehen das jedoch anders. Im Zeitalter des digitalen Lifestyles werden wir TV-artige Wand-Displays haben, einen PC, Tech-Geräte in Taschenformat und Uhren. Und dann muss es beispielsweise möglich sein, vom Arbeitsplatz-PC aus den Videorekorder anzuweisen, bestimmte Sendungen aufzunehmen. Wir sind uns, ganz genauso wie Unterhaltungselektronik-Firmen wie Sony, sehr bewusst darüber, dass die Kommunikationsfähigkeit der Geräte sehr wichtig ist, um den Markt weiter zu entwickeln.

"WiFi ist die wichtigere Technologie": Gates zu Funktechniken und UMTS, zum Wohnzimmer der Zukunft, zum Luxus seines Hauses und zur Frage der Anbindung der Dritten Welt. Weiter...

SPIEGEL ONLINE: Welche Bedeutung haben da die Mobilfunktechnologien Wifi und UMTS für Ihre Vorstellung des "Smart Living"?

Gates: Wifi und 3G ergänzen sich. In mehrerlei Hinsicht ist Wifi dabei die wichtigere Technologie, da diese im Büro, zu Hause und an jedem Ort, an dem man sich längere Zeit aufhält, wie etwa auf Flughäfen, in Hotels oder Kongresszentren, verfügbar ist. Wifi wird bald an all diesen Orten sein und ist zudem ein äußerst wichtiger Teil unserer Vision, Daten überall im Haus abrufen zu können - so etwa auf kleinen Displays am Kühlschrank. Im Gegensatz zu UMTS wird Wifi allerdings nie flächendeckend verfügbar sein, entsprechend werden beide Technologien nebeneinander existieren.
Aber Wifi ist aufgrund der hohen Bandbreite, der niedrigen Kosten und der einfachen Installation eine äußerst attraktive Technologie. Wir unterstützen diese Technologie, sind da eines der aktivsten Unternehmen, setzen aber natürlich gleichzeitig auf UMTS, so etwa mit Mobiltelefonen der dritten Generation oder beim Tablet-PC.

SPIEGEL ONLINE: Schöne neue Welt: Alle denkbaren Gerätschaften in harmonisch funkender Kooperation. Wie sieht eigentlich Ihr Wohnzimmer aus?

Wohin, Gates?
AP

Wohin, Gates?

Gates: Interessanterweise wurde die erste Version von Windows XP Media Center für mein Haus entwickelt. Ich habe die Möglichkeit, im ganzen Haus über Touch-Screens Musik und Filme aufzurufen oder mich zu vergewissern, dass meine kleine Tochter ruhig schläft. Zudem verfüge ich über verschiedene Displays in der Art von Bilderrahmen, auf denen aus dem Netz übertragene Bilder dargestellt werden. Damit ist die Ausstattung meines Hauses nach wie vor noch ein bisschen weiter entwickelt als das, was derzeit auf dem Markt zu haben ist. Außerdem teste ich natürlich auch die meisten Produkte, die wir entwickeln - so etwa auch Tablet-PCs, die ich nun für alle meine Notizen benutze. Seit kurzem trage ich beispielsweise auch eine Spot-Uhr.

SPIEGEL ONLINE: Mit den "Smart Devices" kündigen Sie den Anbruch der digitalen Dekade gleich weltweit an. Bislang sieht die Realität jedoch so aus, dass eine tiefe digitale Kluft existiert. Glauben Sie wirklich, dass etwa die Dritte Welt von Ihren Entwicklungen profitiert?

Gates: Es existiert ja längst nicht nur eine große digitale, sondern eine ganz generelle Kluft. Als wir sagten, dass die Menschen bis Ende des Jahrzehnts den "Digital Lifestyle" leben, meinten wir natürlich die Industrieländer. So sehr ich es mir wünschen würde, dass alle Menschen auf der Welt so leben könnten. Immerhin verkleinern Technologien die Kluft, den Abstand zwischen Reich und Arm. So beispielsweise in Indien, wo Millionen von Arbeitsplätzen im Bereich der Software-Entwicklung geschaffen werden konnten. Das Internet macht es möglich, dass die Erste Welt ihr Wissen mit weniger entwickelten Ländern teilen kann und dort Jobs entstehen.

SPIEGEL ONLINE: Microsoft ist das mächtigste Softwareunternehmen der Welt. Gibt es da überhaupt noch Ziele?

Gates: Ich bin jetzt 47 und habe daher erst mal wohl noch zehn Jahre Arbeit vor mir. Der ursprüngliche Traum von Microsoft war es, den PC zu einem herausragenden Instrument zu machen, das alle möglichen Dinge verbinden kann. Diesen Traum konnten wir bislang nur zum Teil verwirklichen. Schließlich benutzt man nach wie vor das Telefon zum Telefonieren und nicht den PC. Auch die Art und Weise, wie wir Informationen finden und analysieren, ist noch lange nicht dort, wo sie sein sollte. Und die interaktive Unterhaltung ist bislang mehr oder weniger auf Videokonsolen beschränkt.
In zahlreichen anderen kleinen Bereichen wie in der Computersicherheit oder dem Schutz der Privatsphäre gibt es ebenfalls noch sehr viel zu tun. Daher hoffe ich, dass Microsoft in den nächsten zehn Jahren Software entwickeln kann, die diese Dinge ermöglicht.

SPIEGEL ONLINE: Und wie geht es mit Bill Gates weiter in dieser digitalen Dekade?

Gates: In meinem Privatleben unterscheide ich mich eigentlich nicht von anderen Leuten. Ich habe Kinder, mit denen ich möglichst viel Zeit verbringen möchte, und hoffe, dass meine Familie gesund bleibt. Ich bin mir ganz sicher, dass meine persönlichen Träume damit ganz genau dieselben sind wie Ihre.

Mit Bill Gates sprach Jochen A. Siegle im Las Vegas Hilton

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