Exotische Qualitätskameras Kleine Kameras mit großem Sensor

Für tolle Fotos braucht man keine Riesenkamera - kompakte Exoten wie die Sigma DP1, Leica M8 und Fujifilm S100 zeigen, dass hohe Bildqualität auch ohne Spiegelreflex gelingt. SPIEGEL ONLINE vergleicht drei außergewöhnliche Kameras.

Es klingt absurd: Jedes Jahr übertrumpfen sich Hersteller mit Hunderten neuer Digitalkamera-Modelle, aber an ein eigentlich recht naheliegendes Projekt wagt sich keiner - eine kompakte Kamera mit großem Bildsensor und guter Optik, die außergewöhnlich gute Bilder macht, auch bei Dämmerung.

Seit Jahren beklagen Fotografen ja, dass die Sensoren in den Kompakt- und auch den fast spiegelreflexgroßen Bridge-Kameras winzig sind. Die Folge: Je näher die Fotodioden auf dem Sensor beieinander stehen, umso stärker sind Störungen wie Rauschen auf dem Digitalbild.

Doch statt nach Wegen zu suchen, größere Sensoren in die Kompaktkameras einzubauen, nutzen die Hersteller verschiedene Software-Tricks, die das Rauschen schon beim Abspeichern einer Aufnahme in der Kamera herauszurechnen. Oft leiden darunter aber auch Schärfe und Detailtiefe der Aufnahmen.

Dabei geht es auch anders: Technisch ist es möglich, größere Sensoren in kleinen Kameras zu verbauen. Das - und die damit verbundenen technischen Kompromisse - demonstrierten einige wenige Kameramodelle mit Exotenstatus. Die Sigma DP1, Leica M8 und Fujifilm S100 sind für ganz unterschiedliche Nischen konstruiert, zeigen aber alle, wie viel Gestaltungsspielraum Kamerakonstrukteure abseits dieses eingefahrenen Schemas hätten:

  • Spiegelreflex (groß, teuer, generell besser)
  • Knipsen (mal billig, mal teuer, Bildqualität durchwachsen, aber immer ein Kompromiss)
  • Bridge (mehr Brennweite als die Kompakte, gleiche Bildprobleme)

Messsucherkamera, Dreilagen-Sensor, Festbrennweite - SPIEGEL ONLINE vergleicht die Digital-Exoten.

Die drei Exoten-Modelle

Die günstigste der Exoten-Kameras ist die Sigma DP1. Diese digitale Kompaktkamera (ab 380 Euro im Handel) ist klein, leicht und hat einen Sensor, dessen Flächenmaß zwischen dem der Four-Thirds-Kamera Lumix G1 und dem einer digitalen Spiegelreflex wie der Nikon D90 liegt. Der Foveon-Bildsensor arbeitet anders als die sonst verbauten CCD- und CMOS-Sensoren. Sigmas Bildaufzeichner zeichnet das Licht der Grundfarben Rot, Grün und Blau in unterschiedlichen Schichten auf, weil der Silizium-Sensor die unterschiedlichen Wellenlängen unterschiedlich tief einfallen lässt.

Diese Konstruktion macht den Megapixel-Vergleich mit anderen Kameras schwierig. Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen der simplen Rechnung (2652 x 1768 Sensorelemente, also 4,7 Megapixel) und Sigmas Angabe (2652 x 1768 x 3 Sensorelemente, also 14,1 Megapixel). Abgesehen davon kann man Bildqualität auch nicht exakt in solchen Werten bemessen. Vermutlich wegen des aus kleinem Gehäuse und großem Sensor resultierenden Platzproblems und der bei Festbrennweiten (kein optischer Zoom!) oft besseren Bildqualität hat Sigma der DP1 ein festes Weitwinkel-Objektiv (28 mm kb-äquivalente Brennweite) verpasst.

Ausgefallene Qualitätskameras im Vergleich

Kamera Sigma DP1 Fujifilm S100fs Leica M8.2
günstigster Preis im deutschen Online-Handel
(laut geizhals.at, Stand 27.5.2009)
379 419 4990 (nur Gehäuse!)
7585 Euro (mit Objektiv Summilux-M 50mm 1.4)
Maße 11,3 x 6 x 5 cm 13,4 x 9,4 x 15,1 cm 13,9 x 8 x 3,7cm
Gewicht 250 Gramm 918 Gramm 545 Gramm (ohne Objektiv)
880 Gramm (mit Objektiv Summilux-M 50mm 1.4)
Brennweite 28 mm 28 - 400mm je nach Objektiv
Auflösung 2640 x 1760 Pixel in 3 Schichten 4032 x 2688 Pixel 3916 x 2634 Pixel
Sensorgröße (mm²) 285,66 58,08 486
Bilddateiformat JPEG / RAW JPEG / RAW JPEG / RAW
ISO-Bereich 50 - 800 64 - 10000 160 - 2500

Ein ganz anderer Fall ist die Leica M8.2. Diese deutsche Digitalkamera kann man angesichts des Preises (5000 Euro allein für das Gehäuse) nur aus Interesse und kaum als echte Kaufalternative vergleichen. Aber die M8.2 ist das derzeit einzig erhältliche Gerät eines hochspannenden Konzepts: kompaktes Gehäuse, großer Bildsensor und wechselbare Objektive. Samsung soll in diesem Jahr noch eine Modellreihe namens NX mit ähnlichem Funktionsprinzip auf den US-Markt bringen. Diese Geräte werden aber mit Sicherheit einen Autofokus haben - anders als Leicas Messsucherkameras, bei denen man seit 80 Jahren auf manuellen Fokus angewiesen ist.

Die Fujifilm S100 ist in dieser Gruppe die konventionellste Kamera: Das Bridge-Modell (fest verbautes Objektiv mit hoher Brennweite von 28 bis 400 Millimetern - also 14-fach Zoom) hat einen für diese Kompaktklasse erstaunlich großen, im Vergleich zur Sigma oder gängigen Spiegelreflexkameras aber doch kleinen CCD-Sensor (58 mm²).

Bedienung

Bei Leica-Kameras gehören revolutionäre Neuerungen zur Tradition, von der die Firma heute zehrt: Mit der ersten Sucherkamera 1924 machte der Hersteller es Fotografen möglich, ohne externen Entfernungsmesser, mit einer kompakten Kamera aus der Hand Fotos zu machen ohne auf Einstellmöglichkeiten zu verzichten. 1954 präsentierte Leitz die Leica M3 - ein recht kleines Gerät, bei dem man Objektive dank Bajonettverschluss schnell wechseln und mit dem Messsucher einfach fokussieren konnte.

Beliebt wurden diese Kameras bei berühmten Reportagefotografen auch, weil sie unterwegs so leicht zu transportieren und schnell zu bedienen waren. Angesichts dieser Geschichte verwundert die Bedienung heutiger Digital-Leicas schon ein wenig. Das Menü ist mustergültig einfach und verständlich aufgebaut, die Einstellrädchen für Blendöffnung (am Objektiv) und Verschlusszeit logisch plaziert und beschriftet. Alles wunderbar. Was an der M8.2 nervt, ist das manuelle Dogma.

Manueller Fokus ist eine Option weniger

Auf Autofokus aus Prinzip zu verzichten, ist nostalgisch. Natürlich hilft der Zwang, die Schärfte selbst einzustellen in vielen Fällen Fotografen dabei, sich mit dem Motiv, der Komposition und den Gestaltungsmöglichkeiten bewusst auseinanderzusetzen, nachzudenken, abzuwägen. Das tut Aufnahmen sicher oft gut, nur ist es als einzige Option doch sehr einschränkend. Dieser Verzicht auf in manchen hektischen Aufnahmesituationen sehr nützlichen automatische Hilfsmittel widerspricht auch der so oft beschworenen Leica-Tradition - die M3 wurde ja dank der durch technische Kniffe vereinfachten Bedienbarkeit so beliebt.

Das tatsächlich so genannte "Schnappschuss-Programm" der Leica M8.2 wirkt da wie eine Parodie: Der als Automatik bezeichnete Modus soll das "Fotografieren deutlich vereinfachen", verspricht das Handbuch. Das ist viel Wortgeklingel für ein Prinzip, das man sogar von billigen Webcams kennt: Sogenannte Fixfokus-Objektive legen einen möglichst großen Schärfenbereich fest - zum Beispiel alles im Abstand von einem Meter bis unendlich vom Objektiv. So funktioniert auch das "Schnappschuss-Programm" der M8.2: Eine Automatik schlägt dem Fotografen eine Blendenzahl und einen dafür nötigen Mindestabstand zum Motiv vor.

Das ist nett gemeint, aber kein Ersatz für eine brauchbare Autofokus-Option - wie verächtlich Puristen auch immer so einen Wunsch abtun mögen.

Sigma DP1 - reduziert und logisch

Die Sigma DP1 bietet einen bisweilen langsamen Auto- und einen für Kameras dieser Größe außergewöhnlich gut zu bedienenden manuellen Fokus. An einem kleinen Drehrad an der Kamerarückseite kann man mit dem rechten Daumen anhand des Displaybildes sehr präzise, sogar anhand mehrerer Spots manuell fokussieren. Ansonsten sind die Funktionen sehr logisch über den Vier-Wege-Schalter an der Geräterückseite und das Moduswahlrad aufzurufen.

Nur Details stören: So gibt es dankenswerterweise eine Belichtungsreihenautomatik (wichtig für HDR-Fotos), die ist allerdings im Menü recht weit hinten versteckt und wird zudem bei jedem Ausschalten der Kamera zurückgesetzt. Das ist wenig durchdacht, ebenso wie die leicht gewölbten Außenseiten der Kamera, die bewirken, dass man sie nicht hochkant auf einer Fläche abstellen kann (zum Beispiel, um eine Hochkant-Belichtungsreihe zu machen oder länger als 1/30 Sekunden zu belichten).

Bei der DP1 nervt die zum Teil behäbige Reaktion - manchmal vergehen Sekunden, bis eine RAW-Aufnahme gespeichert ist. Nichts für Schnappschüsse in schneller Folge.

Fujifilm S100 - ein Hoch auf die Drehschalter

Bei der ebenfalls mit Belichtungsreihen-Automatik gesegneten Fujifilm S100 fällt der Zoomring sehr positiv auf: Bei Bridgekameras zoomt man meist mit dem Zeigefinger an einem Schalterchen neben dem Auslöser - bei der S100 dreht man wie bei Wechselobjektiven am Objektiv selbst, was viel leichtgängiger, schneller und zugleich präziser geht. Sonst ist die Bedienung der Fujifilm-Kamera sehr logisch und mit etwas Kameravorwissen intuitiv verständlich aufgebaut.

Ausstattung

Alle drei Exoten-Kameras können im RAW- und JPG-Format fotografieren und bei allen drei Modellen sollte man auch dieses Format nutzen, um gute Ergebnisse zu erzielen. Sigma und Fujifilm legen kostenlos RAW-Entwicklungssoftware bei, die zum Umwandeln der Rohformate in JPG nötig ist. Unangenehm fällt bei der Fujifilm-Kamera auf, das der Anbieter einen Download der Software auf seinen Web-Seiten nicht anbietet. Hat man die CD einmal verloren, steht man erstmal blöd dar - so eine Einschränkung ist so unnötig wie unverständlich. Sigma zeigt mit kostenlosen, nicht beschränkten Downloadmöglichkeiten, wie es kundenfreundlicher geht.

Bei der Leica M8.2 begeistert die enorme Auswahl an großartigen (und teuren) Leica-Objektiven, die sich dank des M-Bajonetts allesamt auch an der M8.2 nutzen lassen. Ein Programm für automatische Belichtungsreihen bietet die M8.2 nicht.

Maue Displays

Auch die Sigma DP1 glänzt nicht mit besonderen Extras - keine Motivprogramme, immerhin Belichtungsreihen, ein durchschnittlicher Monitor, der im Dunkeln kaum zu gebrachen. Auf dessen Darstellung sollte man sich auf gar keinen Fall verlassen, um vermeintlich verrauschte Aufnahmen zu löschen - unbedingt vorher an einem brauchbaren Monitor prüfen.

Die Fujifilm S100 hat ein im Dunkeln ähnlich krisseliges LCD-Display - interessantes Extra hier: Das Display kann bis zu 90 Grad vom Gehäuse weg geneigt werden, zur Seite drehen lässt es sich allerdings nicht.

Bildqualität - mit RAW-Aufnahmen tolle Bilder

Bei den drei Kameras ist es unbedingt empfehlenswert, das Gerät Aufnahmen im Rohdatenformat digitalisieren zu lassen. Die JPG-Umrechnung in der Kamera liefert durchweg schlechtere Farbwiedergabe, mehr Rauschen, weniger Details als die am Computer bei der RAW-Entwicklung angefertigten JPG-Dateien.

Das gilt selbst für die M8.2 Bei einer 5000 Euro teuren Kamera kann man eigentlich eine bessere JPG-Qualität erwarten - bei aktuellen Fotos unter Zeitdruck haben Fotografen nicht unbedingt Zeit, JPGs zu entwickeln. Aber mal ehrlich: Es ist nicht anzunehmen, dass Fotojournalisten mit der M8.2 arbeiten - das ist bei Leica Geschichte.

Die Bildqualität der Leica (und der Leica-Objektive) beeindruckt: Tolles Bokeh, wenig Rauschen auch bei hohen ISO-Empfindlichkeiten, hoher Dynamikbereich und Kontrastumfang. Das alles gelingt aber nur, wenn man sich viel Zeit für ein Bild lässt und im Rohdaten-Format fotografiert.

Erstaunlich ist die Bildqualität der Sigma DP1: Die Kamera wiegt ein Viertel der M8.2 mit 50-mm-Festbrennweite und kostet etwa sieben Prozent. Doch die Fotos sind unter bestimmten Voraussetzungen für die Gerätegröße überragend gut, ja sogar mit Spiegelreflex-Qualität vergleichbar. Bei Kunstlicht ist die Farbwiedergabe der DP1 oft wenig brauchbar, bei natürlichem Licht jedoch ist alles wunderbar: hoher Dynamikbereich, in der Dämmerung auch bei hohen ISO-Empfindlichkeiten wenig Rauschen, kaum Bildfehler wie etwa chromatische Abberationen.

Das kann man von der Fujifilm S100 leider nicht behaupten. Trotz (leicht) größeren Bildsensors ist das Bildrauschen bei ISO-Empfindlichkeiten von ISO 400 und mehr nur leicht besser als bei Kompaktkameras wie etwa der Canon G10. Da ist die kleine Sigma DP1 der Fujifilm S100, aber auch allen anderen Kompakt- und Bridgekameras weit voraus.

Hinzu kommen bei der S100 die chromatische Abberation genannten lila Ränder bei starken Hell-Dunkel-Kontrasten (Haus vor hellem Himmel), die sogar bei RAW-Aufnahmen auftauchen. Dennoch: Die Kombination aus gutem Objektiv und größerem Sensor bringt den Bildern mehr Detailreichtum und höheren Dynamikumfang - da ist die Bridge-Kameras den neuen Super-Zoomern von Olympus und Kodak deutlich voraus.

Fazit - viele ungenutzte Chancen

Die drei Exoten-Modelle zeigen, wie viele Möglichkeiten Kamera-Konstrukteure heute ungenutzt lassen oder ungenutzt lassen müssen, weil Exoten-Kameras wie die Sigma DP1 sich vielleicht nur schwer vermarkten lassen (kein Zoom, 4 Megapixel - was kann die denn?). Die Bildqualität der winzigen Sigma DP1 beeindruckt - auch wenn sich diese etwas lahme Kamera vor allem für Landschaftsaufnahmen nutzen lässt.

Wer auf Bergwanderungen keine Spiegelreflex mitschleppen will, sollte unbedingt die DP1 ausprobieren. Ebenso könnte die Fujifilm S100 für den Tag im Zoo oder eine Safari-Tour ein würdiger Spiegelreflex-Ersatz sein - tagsüber.

Allein die Leica M8.2 kann man sich im Hobbyfotografen-Alltag kaum vorstellen. Das ist eine teure Kamera für eine sehr, sehr kleine Nische. Es gibt Menschen, die viel Freude an der M8.2. haben und wunderbare Aufnahmen mit diesem Gerät schaffen. Doch dem Reportage-Mythos der M3 wird diese Technik nicht gerecht, eine Revolution wie die M3 ist diese Kamera gar nicht, eher Modellpflege mit viel Nostalgie und wenig neuen Ideen. Da muss man wohl auf Samsungs NX-Reihe oder die lang versprochene Olympus-Kompaktkamera im Micro-Four-Thirds-Standard warten, die kompakte Geräte mit großen Sensoren und Wechselobjektiven etablieren könnte.

Fototechnik - die Fachbegriffe kurz erklärt

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