Face-Recognition "Anschläge hätten verhindert werden können"

Die Hersteller von Gesichtserkennungssystemen versprechen vollmundig, ihre Technik könne Flughäfen sicherer machen - und hätte gar die Katastrophe vom 11. September verhindern können. Wissenschaftler und Bürgerrechtler sind mehr als skeptisch: Face-Recognition könne bisher nur trügerische Sicherheit bringen.

Von Jochen A. Siegle


Erkannt: So gut wie in der Demo, bemängeln Kritiker, funktionieren Face-Recognition-Systeme in der Realität noch nicht
Visionics

Erkannt: So gut wie in der Demo, bemängeln Kritiker, funktionieren Face-Recognition-Systeme in der Realität noch nicht

Osama Bin Laden und sein Terrornetzwerk al-Qaida haben weitere Flugzeugentführungen angekündigt. Die Angst geht um auf internationalen Airports, der Ruf nach noch mehr Sicherheit wird immer lauter. Nur, wo soll man ansetzen, über striktere Passagier- und Gepäckkontrollen hinaus?

Abhilfe versprechen Hersteller elektronischer Gesichtserkennungssysteme. Ihre Technologie könne potenzielle Terroristen bereits beim Betreten eines Flughafengebäudes identifizieren und Alarm schlagen, so die Protagonisten. Joseph Atick etwa, CEO von Visionics in Jersey City, wird nicht müde zu verkünden, der Einsatz seiner Software hätte sogar die Terrorattacken vom 11. September verhindern können. "Unser System kann die Sicherheit an Flughäfen sogar enorm erhöhen", erklärt Atick. "Wäre es an einem der betroffenen Flughäfen installiert gewesen, hätten die Anschläge mit großer Wahrscheinlichkeit vereitelt werden können. Das FBI hatte die Attentäter ja bereits seit August auf Fahndungslisten."

Aticks Firma zählt neben Visage Technology aus Massachusetts zu den Vorreitern im Bereich der Face-Recognition. Über eine Videokamera scannt die von Visionics entwickelte Software FaceIt in Sekundenschnelle die Gesichter von Passanten und gleicht diese Bilder mit in Datenbanken gespeicherten Fotos ab. "Die so gewonnenen Gesichtsabdrücke sind praktisch einzigartig", sagt Atick. "Unsere Software liegt in weit mehr als 50 Prozent aller Fälle richtig, in Flughafenumgebungen sogar bei fast 90 Prozent." Ein ideales System also, um sensible Sicherheitsbereiche, die in der Regel so oder so von Kameras überwacht werden, vor potenziellen Terroristen zu schützen.

Theoretisch zumindest. Wissenschaftler und Sicherheitsexperten sind nämlich mehr als skeptisch. "Unter optimalen Bedingungen erreicht man vielleicht 60 oder 70 Prozent, doch auf Flughäfen ist dies niemals der Fall", erklärt Takeo Kanade, Professor an der Carnegie Mellon Universität und seit mehr als 30 Jahren in der Gesichtserkennung tätig. "Es wird wohl noch einige Jahre dauern - vielleicht zehn oder auch mehr -, bis Face-Recognition-Technologien derart präzise arbeiten können."

Superbowl-Test floppte

Erste groß angelegte Praxistests lieferten ebenfalls nur wenig befriedigende Ergebnisse. Anfang des Jahres war im Rahmen des Superbowl in Tampa ein Gesichtserkennungssystem erstmals unter Real-Life-Bedingungen getestet worden. Immerhin seien beim American-Football-Finale 19 Personen herausgefiltert worden, die auf einer "Watch List" der Ermittlungsbehörden geführt wurden, lobten Befürworter die Technik.

An der Aktion beteiligte Polizeibeamte bewerteten den ersten Großeinsatz in Florida jedoch als ordentlichen Flop. Nur eine Hand voll der vermeintlichen "Treffer" seien tatsächlich gesuchte Personen gewesen - und diejenigen, die "richtig" identifiziert wurden, nur kleine Gauner. Bei Untersuchungen des US-Verteidigungsministeriums lagen kommerzielle Face-Recognition-Programme in jedem dritten Fall falsch. Die Einwanderungsbehörde INS hat die Biometrie-Software an der mexikanisch-amerikanischen Grenze angewandt, das Verfahren jedoch nach wenigen Monaten wieder eingestellt.

"Die Technik ist alles andere als zuverlässig", moniert auch Barry Steinhardt, Assistant-Director der American Civil Liberties Union, die Effektivität der elektronischen Face-Prints. "Selbst wenn Osama Bin Laden höchstpersönlich erfasst würde, stünden die Chance, ihn zu identifizieren, nur 50 zu 50."

Schon über eine veränderte Frisur, Brille oder Bart seien die Systeme oftmals auszutricksen, so die Kritiker. Als weiteres Manko gelten Alterungsprozesse, die nur schwerlich berücksichtigt werden können. "Das ist seit Jahren eines der größten Probleme", bestätigt auch Kanade. Selbst Abgleichungen mit nur einem Jahr alten Fotos könnten schon zu Fehlern führen.

Atick weist diese Einwände weit von sich. FaceIt analysiere menschliche Gesichter, indem sie diese in einzelne Bereiche - vergleichbar einer Landschaft - aufbreche und jeweils markante Sektoren wie Augen, Nase oder Kinn mit gespeichertem Bildmaterial abgleiche. "Tarnungen sind wirkungslos, da sich ja etwa der Augenabstand nie verändert." Versuchsreihen der japanischen Polizei hätten außerdem gezeigt, dass Alterungserscheinungen eines Zeitraums von bis zu 14 Jahren die Wirksamkeit nicht beeinflussen können.

Ist Big-Brother auf Flughäfen bald allgegenwärtig?

"Gesichtserkennungssysteme sind ein Grundpfeiler der Sicherheitsmaßnahmen der Zukunft", sagt Atick. "Derzeit untersucht man Flugpassagiere am Körper und röntgt ihr Gepäck. In zehn Jahren wird unsere Technik an Airports allgegenwärtig sein." Ein Szenario, das vor allen Dingen auch Bürgerrechtler und Privacy-Advokaten erschaudern lässt. Der Aufbau riesiger Fotodatenbanken müsse zwangsläufig Missbrauch nach sich ziehen, kommentierte jüngst etwa das Washingtoner Cato Institute die Schattenseiten der Face-Recognition.

"Ich war selbst jahrelang in der Wissenschaft tätig", beschwichtigt Atick. "Nun habe ich etwas entwickelt, von dem die Gesellschaft wirklich einen Nutzen hat." Bislang profitiert jedoch nur ein sehr kleiner Kreis von der Technik: einige amerikanische Casinos und Verwaltungsbehörden. Außerhalb der Staaten wird FaceIt beispielsweise in Mexiko im Kampf gegen Wahlbetrug oder in Island von den Einwanderungsbehörden eingesetzt.

Einer der ersten Flughäfen, der die Gesichtserkennung einsetzt, ist der Airport im englischen Birmingham. Dutzende weitere werden in den kommenden Wochen und Monaten folgen. Im Zuge der Terrorattacken und der Drohungen, weitere Flugzeuge zu kapern, boomt die Face-Recognition-Branche wie nie zuvor. Visionics-Boss Atick startet seit dem 11. September seinen Arbeitstag sogar schon um 4 Uhr morgens, um die Anfrageflut aus den gesamten USA und Europa bearbeiten zu können. Und der Run wird allen Kritikern zum Trotz anhalten: Mit der Veröffentlichung von 22 Fotos mutmaßlicher Bin-Laden-Gefolgsleute hat die US-Regierung diese Woche ja auch zusätzliches Futter für die Fotodatenbanken geliefert.



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