Zum Inhalt springen

Florida Der automatische Voyeur

Im US-Bundesstaat Florida nimmt der Überwachungswahn neue Formen an. Die Stadt Tampa hat ein System installiert, das Passanten abfilmt und ihre Gesichter in Echtzeit mit Verbrecherfotos vergleicht.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Stadt im Westen Floridas ist die Erste in den USA, die ein so genanntes Faceprint-System zur Überwachung im öffentlichen Raum einsetzt. Bei der Technik, die bereits von Casinos und Banken verwendet wird, nehmen Videokameras die Gesichter von Passanten auf. Die spezielle Software "FaceIt" erstellt dann in Echtzeit ein Datenprofil und vergleicht es mit entsprechenden Merkmalen gespeicherter Fahndungsfotos.

Wie die "Tampa Tribune" berichtet, werden mit 36 Kameras zunächst Kneipengänger im Vergnügungsviertel Ybor City beobachtet. Vorerst soll das System nur per Haftbefehl gesuchte Personen in der Menge aufspüren. Theoretisch könnte die Software jedoch auch nach vermissten Kindern oder minderjährigen Alkoholkonsumenten suchen. Die Behörden überlegten derzeit noch, wie weit sie die Überwachung ausdehnen wollen, so die Zeitung.

Bürgerrechtler sehen in dem neuen System einen Eingriff in die Privatsphäre, und auch Kneipenbesitzer melden Bedenken an. Die Polizei wiegelt jedoch ab: Die Software sei nicht verwerflicher als ein Polizeibeamter, der an einer Straßenecke steht und die vorbeigehenden Personen mit einem Fahndungsfoto vergleicht, meinte der Projektleiter Bill Todd.

Hergestellt wird "FaceIt" von der auf Biometrie-Anwendungen spezialisierten Firma Visionics. Nach Angaben des Unternehmens erstellt die Software aus bis zu 80 Gesichtsmerkmalen einen so genannten Faceprint, der ähnlich unverwechselbar sein soll wie ein Fingerabdruck. Der digitale Code soll es ermöglichen, gesuchte Personen selbst dann in einer Menge zu erkennen, wenn sie sich mit Sonnenbrillen oder einem Bart tarnen.

Allerdings gibt es Zweifel an der Unfehlbarkeit der digitalen Überwachung. So hätten sich Behörden anderer Städte bereits gegen vergleichbare Systeme entschieden, weil sie an der Genauigkeit und Effektivität der Methode zweifelten, heißt es in der Zeitung.

Die Gesichtserkennungssoftware eines Konkurrenten wurde in Tampa bereits im Januar erprobt. Beim Football-Endspiel Super Bowl, dem wichtigsten Sportereignis in den USA, nahmen Kameras die rund 75.000 Besucher des Stadions ohne ihr Wissen auf. Bei 19 Personen gab es eine Übereinstimmung mit der Verbrecherdatenbank. Zu Festnahmen kam es jedoch nicht: Die Entdeckten hatten alle nur kleinere Straftaten begangen.