Folgenschwerer Hack Kopierschutz von HD-DVD geknackt

Lang bevor sich die DVD-Nachfolgestandards HD-DVD und Blu-ray am Markt durchsetzen konnten, scheint nun ihr Kopierschutz geknackt worden zu sein. Für die HD-DVD steht die Veröffentlichung eines entsprechenden Programms offenbar unmittelbar bevor.


Noch üben die Skeptiker unter den Technik-Freunden vorsichtige Zurückhaltung; noch hallen die Stimmen, die fragen, wofür man überhaupt schon eine DVD-Nachfolge brauche, lauter als die der Euphoriker; noch verhindern die Preise für HD-DVD und Blu-ray weitgehend deren Publikumserfolg, da ist der Kopierschutz der neuen Disks bereits geknackt. Gerade das, lästert da ein Nerd im Forum von Slashdot, könne den ungeliebten, weil mit heftigen DRM-Schutzmaßnahmen versehenen Formaten vielleicht sogar zum Erfolg verhelfen, denn prinzipiell herrscht nun wieder freie Fahrt für Produktpiraten und Privatkopierer.

Möglich soll das ein kleines, zunächst nur auf die HD-DVD zugeschnittenes Programm namens BackupHDDVD machen. Das knackt den Kopierschutz Advanced Access Content System (AACS) und ermöglicht das unverschlüsselte Zwischenspeichern eines HD-DVD-Filmes auf Festplatte. Von dort kann die Datei weiter verarbeitet und gebrannt werden. AACS liegt auch dem Kopierschutz von Blu-ray zugrunde, was darauf hindeutet, dass auch für dieses Format in Kürze ein entsprechendes Knackwerkzeug folgen sollte.

Die Veröffentlichung von BackupHDDVD soll unmittelbar nach Neujahr erfolgen. Das Programm ist nicht universell gegen jede HD-DVD einsetzbar, sondern muss mit einem Code eingesetzt werden, der für jeweils ein geschütztes Werk spezifisch ist. Die Erstveröffentlichung soll, darauf deutet ein bei YouTube veröffentlichter Film des Hackers und mutmaßlichen BackupHDDVD-Urhebers muslix64 hin, die Codes für mehrere Filme bereits enthalten. Szenen-Insider rechnen damit, dass sich entsprechende Freischaltcodes künftig über Internet-Foren mit großer Geschwindigkeit verbreiten werden.

Zumal der Hack selbst nicht aufwendig zu sein scheint. Muslix64 soll innerhalb einer Woche den Kopierschutz geknackt und sein Java-basiertes Kopierschutz-Knackprogramm geschrieben haben. Die Schilderung des Verfahrens scheint plausibel, Tests des Programms stehen allerdings noch aus. So wie Reaktionen von Seiten der Industrie, die über die Nachricht wohl wenig erfreut sein dürfte.

Kopien: Schädlinge mit positiven Nebenwirkungen

Dabei muss sich das Knacken eines Kopierschutzes oder die Verbreitung von Raubkopien für die betroffenen Firmen noch nicht einmal negativ auswirken. Den unbestreitbaren wirtschaftlichen Schäden durch entgangene Abverkäufe stehen dabei stets Nutzeffekte durch eine Popularisierung der betroffenen Formate oder Programme gegenüber.

Darüber, ob beispielsweise das Knacken des DVD-Kopierschutzes durch den legendären DeCSS-Hack dem DVD-Markt wirklich geschadet und ihn nicht vielmehr gefördert hat, könnte man debattieren. Dass etwa Microsoft heute nicht da wäre, wo es ist, wenn in den ersten 15 bis 20 Jahren des Unternehmens nicht mehr Raubkopien als Originale in Umlauf gebracht worden wären, dürfte da schon weniger umstritten sein. Die rapide Monopolisierung des Marktes für Betriebssysteme und Office-Software wurde nicht zuletzt durch Raubkopien ermöglicht - zum Nutzen des geschädigten Unternehmens. In Märkten mit hohen Entwicklungskosten rechnen sich Investments erst, wenn eine Massenverbreitung erreicht wird und möglichst viele Kunden an das zu verkaufende Format gebunden. Der Einsatz von Kopierschutz- und DRM-Systemen ist darum auch innerhalb der Industrie umstritten.

pat



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