Formatkriegs-Polemik Unter Erich gäb's kein Blu-ray

Anstatt sich auf einen Standard zu einigen, erfindet die Computerbranche laufend neue inkompatible Formate. Sehr zum Ärger der Kunden, die nicht wissen, was sie kaufen sollen. Was die freie Marktwirtschaft bis heute nicht hinkriegt, hatte der Sozialismus einst im Griff.

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Eins gleich vornweg: Nein, ich wünsche sie mir nicht zurück, die DDR. Die nach Schwefelabgasen stinkenden grauen Straßen meiner Heimatstadt Leipzig. Die gleichgeschalteten Zeitungen von "Neues Deutschland" bis zu "Junge Welt". Und die zum Teil sehr unangenehmenen Genossen, die einem immer wieder auf den Zahn fühlten. Darauf verzichte ich gern.

Erich Honecker: Ein Flashformat reicht doch
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Erich Honecker: Ein Flashformat reicht doch

Nur in einem Punkt hätte ich gern doch ein bisschen Sozialismus in der heutigen Zeit. Es geht um die unsäglichen Formatkriege, die sich Konzerne wie Sony, Philips, Apple oder Microsoft schon seit Jahren liefern.

Was für eine unsinnige Verschwendung von Ressourcen, Geld und Energie! Zwei oder drei konkurrierende Videokassettensysteme auf den Markt zu bringen, so wie einst VHS, Video 2000 und Betamax. Oder das x-te neue Flashkartenformat, das sich nur ein paar Millimeter von CF, SD oder Memory Stick unterscheidet.

Eins weiß ich: In der DDR wäre das kaum passiert! Zugegeben: Das System hat den Wettstreit mit dem Westen auch deshalb verloren, weil das kreative Moment der Konkurrenz fehlte. Wozu etwas Neues bauen, wo das Alte doch funktioniert und im Konsument-Warenhaus gekauft wird?

Würde die DDR heute noch existieren, dann gäbe es in den HO-Fachgeschäften wohl nur zwei oder drei verschiedene Digitalkameras zu kaufen. Stattdessen stehen bei den Discountern zwischen Flensburg und Zittau so viele verschiedene Apparate im Regal, dass man schreiend davon laufen möchte. Das ist zum Glück nur halb so schlimm, schließlich kann man sich ja beraten lassen - durch gute Fachmagazine oder hoffentlich kompetente Verkäufer.

Weniger wäre mehr

Aber dass jede Kamera ein anderes Flashformat benutzt - muss das sein? Wo bitte ist der Nutzen, wenn ich nicht weiß, auf welches Pferd ich setzen soll? Besteht der "Nutzen" darin, dass ich mir mit dem Kauf einer neuen Kamera zwangsläufig neue Speicherkarten kaufen muss? Wohl nur für die Flashkartenproduzenten.

Berücksichtigen die Manager bei Sony beispielsweise, dass ich mittlerweile ziemlich sauer bin über die Extrawürste, die der japanische Konzern laufend macht? Die erfinden die Mini-Disc, eine Videokassette namens MicroMV, Memory-Stick-Flashkarten, den MP3-Ersatz Atrac - und jetzt auch noch einen eigenen Nachfolger für die DVD namens Blu-ray.

Was aus den Sony-Eigengewächsen wurde? Die Mini-Disc ist praktisch tot, MicroMV ebenfalls. Atrac kennt kaum jemand. Ob Blu-ray je den Durchbruch schaffen wird - keiner weiß es. Denn als Alternative zu Sonys DVD-Nachfolger steht ja noch die HD-DVD bereit. Im vergangenen Jahr versuchten sich die beiden Lager noch auf einen Kompromiss zu einigen - erfolglos.

Bei Kaufmusik aus dem Internet das gleiche Theater. Auf der einen Seite steht Microsoft mit dem Format WMA. Apple vertreibt Songs in einem anderen Format, das ausschließlich der iPod abspielen kann. Konkurrierende MP3-Player dürfen nicht für Apples Kopierschutz geöffnet werden - da passt das kalifornische Unternehmen genau auf. Einmal iPod, immer iPod, heißt das Konzept.

Microsoft gibt sich im Vergleich dazu geradezu großzügig, denn es verbietet keinem MP3-Player-Hersteller, kopiergeschützte WMA-Dateien zu unterstützen. Als Kunde darf man sich also auch mal einen anderen MP3-Player kaufen, ohne dass die Musik verstummt wie bei Nicht-iPods.

Wo ist der Beschluss des ZK der DVD?

Solch absurde Formatkriege, wie sie sich die IT-Branche schon lange liefert, erlebt man in anderen Industrien zum Glück nicht ganz so häufig. Wie wäre es beispielsweise, wenn der neue Golf nur noch ein Spezial-Benzin schlucken dürfte, das exklusiv über die VW-Autohäuser vertrieben wird? Oder wenn Aldi Toastbrote herausbringt, die nur in den Aldi-eigenen Toaster passen?

Einheitliche Standards können ganz hilfreich sein, liebe IT-Manager. Ihr könnt von mir aus jeden Tag tausend neue Handys und zehntausend neue Digicams auf dem Markt werfen - aber bitte alle mit denselben Ladekabeln und Speichermedien. Ok?

Sonst kommen wir Konsumenten vielleicht noch auf die Idee, dass die freie Marktwirtschaft irgendwie besser geregelt werden muss, weil sie bestimmte Dinge von selbst nicht geregelt kriegt.

Wenn ich Manager bei Toshiba, NEC oder Sony wäre, ich würde mir die Sache mit Blu-ray und HD-DVD noch mal überlegen.

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