Freie Hardware Die Zukunftsbastler

Was macht ein Haufen hackender Nerds aus aller Welt in Taipeh - und warum zahlt ein großer IT-Konzern einen Teil der Zeche? Sie spinnen an der Zukunft und planen, die Welt zu verändern - mit freier Soft- und Hardware. SPIEGEL ONLINE sah sich vor Ort um.
Von Elisabeth Rank

Die Zukunft der Technik wird gemeinhin in den Entwicklungslabors der großen IT-Firmen entworfen. Spätestens seit dem Siegeszug von Linux aber hat sich gezeigt, dass es auch anders geht. Wenn - verteilt über die Welt - genügend Menschen ihre Phantasie in gemeinsame Projekte stecken, dann kommt dabei durchaus etwas Konkurrenzfähiges heraus. Längst hat die darum zunehmend selbstbewusstere Open-Source-Szene ihren Fokus erweitert - und nimmt nach freier Software auch die Entwicklung freier Hardware ins Visier.

In Taiwans De-facto-Hauptstadt Taipeh traf sich in der letzten Aprilwoche ein Kreis von rund hundert freien Entwicklern, viele davon Studenten, und bastelten gemeinsam an einer alternativen Technikzukunft. Unterstützt von Asus und zwei Universitäten kamen dort eben nicht IBM und Intel oder HP und Microsoft zusammen, sondern Vertreter der KDE-Entwickler (Linux-Benutzeroberfläche), von Open Pattern, der Berliner Initiative Freifunk, dem freien Geo-Informationssystem Open Streetmap oder der freien Mobilplattform OpenMoko.

Die Idee zur Veranstaltung hatten Jürgen Neumann von Freifunk und Joy Tang von der One Village Foundation vor zwei Jahren bei einem Treffen der Open Hardware Initiative im indischen Dharamsala entwickelt. Letztes Jahr im Sommer wurde die Konferenz konkret beschlossen. Asus übernahm einen großen Teil der Finanzierung, Organisation und Logistik. Der Rest wurde von den Teilnehmern finanziert.

Dass ein Elektronikkonzern in die Tasche greift, um auch das Knowhow der freien Entwickler zu nutzen, ist mittlerweile nicht mehr ungewöhnlich. So gehört der IT-Gigant IBM zu den Unterstützern der Linux-Szene und setzt das alternative Betriebssystem auch selbst ein. Asus größter Verkaufsschlager dieses Jahres - der EeePC - basiert ebenfalls auf Linux.

Taipeh Ende April: Prima Klima

Eine portable Kaffeestation empfängt die in den Konferenzraum strömenden Menschen. Die Becher sind heiß, die durch die Klimaanlage gekühlte Luft zieht einem in den Nacken. Jacken rascheln, draußen sind es 28 Grad, die Luft dicht und feuchtwarm: Aprilwetter in Taipeh, der erste "Open Tech Summit" beginnt, vier Tage Diskussionen stehen auf dem Programm.

Man sucht sich seinen Platz, der Raum ist nicht einmal halb gefüllt, viele der Anwesenden klappen sofort ihren Laptop auf. Auf den meisten Bildschirmen flirren helle Buchstaben auf dunklem Grund. Diejenigen, die nicht gerade lange Zahlen- und Buchstabenkombinationen in ihre Rechner tippen, stehen in Kleingruppen herum. Man kennt sich eben. Oder man wird einander vorgestellt, tauscht Visitenkarten und kennt sich dann.

Für den Außenstehenden, den Gast in dieser sonst weltweit verteilten Community, ist es mitunter mühsam.

Manchmal wechseln die Sprecher vorne auf der Bühne vom Englischen ins Chinesische. Aber auch in anderer Hinsicht sprechen diese Nerds eine andere Sprache als Normalsterbliche: Sie kennen die Maschinen, von denen wir Nutzer froh sind, wenn sie einfach nur funktionieren, bis ins letzte Detail. Auf dem Open Tech Summit 2008 dreht sich alles um Soft- und Hardware und vor allem darum, wie sich die einzelnen Komponenten auseinandernehmen und wieder so zusammensetzen lassen, dass etwas Neues entsteht.

Etwas Neues: Darum geht es. Der Reichweite und Möglichkeiten ihrer Ideen sind sich viele der Konferenzteilnehmer aber noch gar nicht wirklich bewusst. Ihnen geht es vor allem um den Austausch, um das Vorstellen ihrer Arbeiten. Da surrt autonom ein Open Source Roboter durch den Raum. Ein Workshop stellt ein Mesh Routing Protokoll namens B.A.T.M.A.N. vor, durch das es möglich ist, dass sich mehrere Router eigenständig zu einer Art Internetwolke verbinden.

Das klingt abstrakt, ist es aber nicht. Auf den Tischen winden sich Kabel, dazwischen liegen Laptops und Festplatten und USB-Sticks, da stehen Kaffeebecher während im Hintergrund aufgeregtes Fachsimpeln raunt, das von leisen Piepstönen untermalt wird, während draußen die Sonne unbarmherzig den taiwanesischen Sommer ankündigt. Drinnen interessiert das niemanden. Da wird geschraubt und programmiert, die IT-Weltverbesserung im Blick. Open Source hat immer auch eine Mission - und deckt darum auch Bereiche ab, in die die großen Konzerne nicht vordringlich investieren.

Technik für den schwächeren Teil der Welt

Eigentlich sei er an diesem sozialen Kram nicht so interessiert, meint Student Simon Wunderlich aus Chemnitz. Er leitet gemeinsam mit Wesley Tsai aus Taiwan Workshops und läuft den ganzen Tag mit einer Plastiktüte voller kleiner, weißer Router durch die Gegend. Aber wenn Joy Tang das Wort ergreift, hört er trotzdem aufmerksam zu. Denn die Gründerin der One Village Foundation weiß genau zu erklären, warum sie hier ist: "Wir haben das Potential zu einer Community, die global und lokal wirklich etwas bewegen kann."

Und mit Bewegung meint sie die Möglichkeiten, die freie Software und auch freie Hardware den Menschen eröffnen. Die Prinzipien von Open Source und damit freier Software sind relativ simpel. Quelltexte von Software sind nicht verborgen, sondern stehen zur Bearbeitung frei und lassen sich somit den eigenen Bedürfnissen anpassen, wenn man über die nötigen Programmierfähigkeiten verfügt. Das freie Betriebssystem Linux ist ein Beispiel dafür.

Versucht man, die Kriterien von freier Software wie Reproduzierbarkeit und Offenheit auch auf Hardware zu übertragen, wird es schon etwas schwieriger. Hier kommen große Firmen und Investitionen ins Spiel, aber auch die Chance, einen Paradigmenwechsel zu vollziehen, der vielen Menschen Zugang zu Wissen und einen Zapfhahn zum Informationsfluss dieser Welt geben könnte.

Hardware aber kostet viel Geld. Stellt eine Firma zum Beispiel einen Router her, lizenziert sie die Baupläne, damit niemand damit herumspielt, die Baupläne kopiert und für eigene Zwecke nutzt. Dabei kann das eine gute Sache sein, wenn sie Zwecken dient, die von der Industrie nicht bedient werden. Das aber ist schwierig, wenn Hardware nicht "frei" ist.

Netze für strukturschwache Gebiete

Man stelle sich einen Entwickler vor, der sich einen handelsüblichen Router kauft, diesen hackt und ein eigenes Programm auf dem Gerät zum Laufen bringt. Es genügt eine winzige Änderung in der Hardware von Seiten des Herstellers – und das Programm funktioniert nicht mehr. Nun kostet es den freien Entwickler Zeit und Mühe herauszufinden, was genau geändert wurde, denn viele Firmen dokumentieren Änderungen nicht ausreichend aus Angst davor, dass ihre Investitionen den Bach runtergehen, wenn sich Hacker ihrer Technik bedienen.

Doch mit Hilfe solcher gehackter Router können freie Netze in Gegenden aufgebaut werden, die nicht über Breitbandinternet oder andere Kommunikationsstrukturen verfügen. Wären ihre Baupläne "frei", fiele die Entwicklung von Systemen leichter, an denen es keine großen kommerziellen Interessen gibt. Hacken kann etwas Gutes sein.

Die Stiftung von Joy Tang hat sich freie Soft- und Hardware zunutze gemacht, um in Afrika und Asien Gegenden mit einer Kommunikationsstruktur auszustatten. Die wird dort von kleinen Erzeugern genutzt, um - nun munitioniert mit Kenntnissen über den Markt - fairere Preise zu erzielen. "Kommunikation ist schließlich ein Grundbedürfnis eines jeden Menschen", sagt auch Konferenz-Mitinitiator Jürgen Neumann. Und Technik kann Menschen aus ihren Abhängigkeiten befreien, sie kann sie emanzipieren.

Man darf sich also nicht abschrecken lassen von den gruselig klingenden Vortragstiteln und dem technischen Gewusel, von schlechtsitzenden Hemden oder durch die Luft fliegenden Fachbegriffen. Was hier so abstrakt diskutiert wird, ist von höchster Relevanz.

Eine Woche reden, schrauben, programmieren. Asus hält die Ohren auf, hat erkannt, wie konkret der Nutzen vieler Entwicklungen bereits ist. Selbst vor Ort entsteht noch Hardware: Auch den Franzosen von Open Pattern, die nächtelang an der Fertigstellung ihres offenen Netzwerkrouters "Modular Routing Board" gearbeitet haben, sieht man den Schlafmangel an. "Es geht nichts über face to face. Die guten Ideen, die Projekte mit Herzblut entstehen eben nicht über Mailkontakt", erklärt Xavier Carcelle am Ende. "So etwas passiert nur, wenn man Stunden miteinander verbringt, wenn man Zeit hat, sich hineinzusteigern, und arbeitet, bis es wieder hell wird. Bei Bier und Wein werden dann die Ideen geboren, die vielleicht mal die Welt verändern."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.