Fünf Thesen Die Zukunft des Fernsehens

"Flach" ist schön, aber ist das schon alles? Der Druck der Innovation verändert die TV-Landschaft von Grund auf. Das "Fernsehen der Zukunft" ist ein Gerät, die Zukunft des Fernsehens etwas anderes: Wir schauen in fünf Thesen nach vorn in die technische Zukunft eines alten Mediums.

Erstens: Die Zukunft ist groß

Mit dem neuen hochauflösenden Fernsehen und seinen im Vergleich zu bisherigen TV-Bildern bis zu viermal höheren Pixelzahlen wächst auch der Wunsch nach größeren Bildschirmdiagonalen. Beschied man sich bei der Röhren-Glotze noch meist mit 70 Zentimetern, haben sich bei LCD-Fernsehern schnell die Modelle mit knapp 82 Zentimeter Diagonale (32 Zoll) als Standard etabliert.

Doch selbst das ist vielen Anwendern noch nicht groß genug. So prognostiziert das auf den Bildschirm-Sektor spezialisierte Marktforschungs-Unternehmen DisplaySearch, dass im Jahr 2010 fast die Hälfte aller verkauften Geräte eine Bilddiagonale von 94 Zentimetern (37 Zoll) aufweisen werde. Die Tendenz geht jedoch zu noch größeren Formaten. So kündigte das koreanische Unternehmen Samsung jüngst an, in der ersten Jahreshälfte 2007 einen LCD-Fernseher mit 178 Zentimeter (70 Zoll) Diagonale auf den Markt bringen zu wollen. Solche Geräte sind, mit Preisen jenseits der 20.000 Euro-Marke, freilich kaum noch bezahlbar. Und doch ist ein Markt für die Riesen vorhanden.

Zudem profitiert die LCD-Technologie vom rasanten Ausbau der Produktionsstätten. Der LCD-TV-Weltmarktführer Sharp beispielsweise investiert Milliarden in den Bau neuer LCD-Fabriken, um die "Produktionskapazität weiter zu steigern und noch besser auf den Trend [zu größeren Displays] reagieren zu können", wie Hans Kleis, CEO von Sharp Electronics Europe, zu berichten weiß. Und das scheint auch nötig zu sein, denn wie Kleis bestätigt sind "gerade großformatige Geräte immer stärker gefragt."

Gerade im Bereich der Übergrößen hatten aber bisher die Plasma-Geräte, aufgrund ihres besseren Preis-/Leistungsverhältnisses die Nase vorn. Das scheint sich aufgrund der gestiegenen Kapazitäten und der damit einhergehenden Preissenkungen nun zu ändern. So werden LCDs bis zu einer Diagonale von 42 Zoll laut DisplaySearch bald auf demselben Preisniveau liegen wie Plasmas, die ihre Stärken zukünftig erst im Bereich ab 50 Zoll ausspielen können. Ein Luxus bleiben die TV-Giganten mit Preise ab ca. 4000 Euro so oder so.

Zweitens: Die Zukunft ist hochaufgelöst

Ohne HDTV geht bald gar nichts mehr. Auch wenn HD-Sender noch Mangelware sowie meist kostenpflichtig sind und HD-Filmkonserven gerade erst in homöopathischen Dosen in die Märkte geliefert werden, sollte man kein Gerät ohne HD Ready-Logo mehr kaufen. Schließlich liegt die durchschnittliche Nutzungsdauer eines TV-Geräts dem Branchenverband GFU zufolge bei 10,5 Jahren, einem Zeitraum innerhalb dessen man davon ausgehen kann, dass sich HDTV flächendeckend in der Medienlandschaft breit gemacht haben wird.

Ein wenig dürfte es jedoch noch dauern. Vor allem der anhaltende Streit zwischen Blu-ray Disc und HD DVD erweist sich als Hemmschuh. Da keines der beiden Formate signifikante Vorteile für sich verbuchen kann, werden hochauflösende Filme sich wohl erst durchsetzen, wenn Hybrid-Player verfügbar sind, die beide Formate beherrschen. Die entsprechende Technologie hat Ricoh bereits entwickelt und stellt darauf basierende Geräte für 2007 in Aussicht. Bis die für jedermann bezahlbar werden, dürfte es dann aber doch noch ein wenig länger dauern.

Ebenso wird der Umstieg auf hochauflösende TV-Programme nur langsam vonstattengehen. Ein Hemmschuh sind die nicht unerheblichen Kosten, die der Umstieg auf HDTV für TV-Produzenten und Sender mit sich bringt. Hier hinkt Deutschland deutlich hinterher. Denn während beispielsweise die BBC ihre berühmten Dokumentationen längst nur noch in HD produziert, um sie in aller Welt gut vermarkten zu können, wird hierzulande noch eifrig in PAL-Auflösung gedreht. Solches Material ist jedoch beispielsweise in den USA und Japan nahezu unverkäuflich.

Entsprechend werden noch einige Jahre vergehen, bis HDTV hierzulande wirklich so etwas wie ein Standard wird. Zudem werden sich HD-Glotzer auf absehbare Zeit entweder per Kabel (DVB-C) oder via Satellit (DVB-S) mit den wenigen verfügbaren hochauflösenden Programmen versorgen müssen. Das digitale Antennenfernsehen DVB-T ist dafür zwar grundsätzlich geeignet, leidet aber gerade bei HDTV unter seiner geringen Bandbreite. In einem Frequenzband, das für vier Standard-TV-Programme ausreicht, finden, je nach Kompressionsmethode, nur ein bis zwei HDTV-Angebote Platz. Der weltweit einzige Versuch, dennoch HDTV via DVB-T auszustrahlen, erfolgt in Australien.

Im zweiten Teil: Nicht nur das Gerät verändert sich, sondern auch die Art, wie, wann und wo wir damit umgehen. Das hat Rückwirkungen auf die Inhalte, die schon heute zu sehen sind, wenn man genau hinsieht. Weiter...

Drittens: Die Zukunft ist schärfer

Nachdem sich Flachbild-Fernseher einen festen Platz auf den Wunschlisten technik-affiner Hausherren erobert haben, gilt es nun, die letzten technischen Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Nicht ohne Grund bescheinigen TV-Tester den technologisch überholten Röhren-Geräten immer noch das beste Bild.

Das wollen die Hersteller natürlich ändern und arbeiten deshalb mit Hochdruck daran, die Darstellungsqualität ihrer Geräte zu verbessern. Laut Sascha Lange von Toshiba wird es beispielsweise "neue, sehr effektive Technologien zur Vermeidung von Bewegungsunschärfen bei LCD-Fernsehern geben. Unsere Technologie "Active Vision M100" ist hier ein fundamental neuer Ansatz." Zumindest für LCD-Geräte stimmt das, denn die Panels werden dabei mit 100Hz statt der bisher üblichen 50Hz angesteuert. In Röhren-TVs ist diese Methode zur "Beruhigung" des Bildes allerdings längst als 100Hz-Technik bekannt und erfolgreich.

Aber auch an der Qualität der Farbwiedergabe wird gearbeitet. Das Problem: aktuelle Flachbildschirme setzen Mischtöne zusammen, indem sie die drei Grundfarben Rot, Grün und Blau unterschiedlich hell darstellen. Auf diese Weise ist allerdings nur ein eingeschränktes Farbspektrum möglich. Brauntöne etwa gelingen damit kaum ansprechend.

Deshalb haben Manuel Aschwanden und Andreas Stemmer von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich ein Konzept erarbeitet, bei dem Nano-"Muskeln" die einzelnen Pixel derart manipulieren, dass sie das gesamte Spektrum des sichtbaren Lichts wiedergeben können. Noch aber stehen die Forscher erst am Anfang und gaben dem Fachmagazin "New Scientist" gegenüber an, derzeit mit Feldern von 10-Pixel Größe zu experimentieren. Mindestens acht Jahre, so Aschwanden, wird es dauern, bis daraus ein kommerziell verwertbares Produkt wird.

Viertens: Die Zukunft ist überall

Neue Übertragungswege werden das Ende der Couch-Potatoes einläuten. Statt nur im Wohnzimmer wird Fernsehen in Bälde überall sein. Wie das Aussehen kann, macht ProSiebenSat 1 schon heute im Kleinen vor. Zusätzlich zu seinen beiden Free-TV-Sendern Sat1 und Pro7 sind die Spartenkanäle sat.1 comedy und kabel eins classics nur gegen Gebühr und per digitalem Kabelnetz empfangbar. Darüber hinaus hat das Unternehmen mit maxdome bereits ein IPTV-Angebot, also Fernsehen über das Internet, gestartet. Sogar beim Handy-TV mischt die Sendergruppe schon eifrig mit und bietet neben 12 UMTS-Kanälen bereits zwei DMB-Programme an.

Dieses Beispiel zeigt, wohin die Reise geht. Egal, wo man sich gerade befindet, das Fernsehen wird schon da sein. Allerdings werden sich Produzenten, Sender und Netzbetreiber diesen Service auch bezahlen lassen. Der Medien-Spezialist und Unternehmensberater Werner Lauff glaubt an den Erfolg diesen Modells, wenn er sagt, dass Fachleuchte davon ausgehen, "dass das Medienbudget noch nicht ausgeschöpft ist. Das heißt, dass für Digitalfernsehen, für Pay TV, aber auch für Music-on-demand, für den Download von Videos und Ähnlichem noch ein erhebliches Reservoir ist."

Fünftens: Die Zukunft ist interaktiv

Und das wollen, ja müssen, die TV-Konzerne abschöpfen, denn die klassische TV-Werbung wird im Fernsehen der Zukunft nur noch eine Nebenrolle spielen.

Schließlich werden digitale Übertragungswege und vor allem digitale Videorekorder es leicht machen, Werbeblöcke per Knopfdruck zu überspringen. Stephen Jenzowsky, Vice President Strategy, New Business Innovation der Siemens AG glaubt daher, dass Interaktivität "in Zukunft eine immer stärkere Rolle spielen" wird. Durch Live-Diskussionen in Internet-Foren, integrierte Votings und so genannte Call-Ins, also Anrufe im Studio, werden die Zuschauer stärker in das Geschehen eingebunden, können möglicherweise die Storyline einer Soap-Opera oder die Fragen eines Talkmasters beeinflussen.

Dadurch wird nicht nur die Bindung der Zuschauer an einen bestimmten Sender oder eine bestimmte Sendung erhöht, sondern gleichzeitig die Attraktivität des Formats für Werbetreibende erhöht. Das dieses Konzept Erfolg verspricht, machen Sender wie Neun Live und DSF schon heute vor. Bleibt zu hoffen, dass künftige Varianten dieser Idee sich trotz flacher Fernseher auf einem höheren Niveau bewegen, als das, was man da heute zu sehen bekommt.

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