Gadgets für Kinder Auf dem Friedhof der Offline-Kuscheltiere

Kuscheltiere mit Web-Avatar und TV-Mikroskope: Der US-Psychologe Warren Buckleitner testet seit 24 Jahren Technik-Spielzeug für Kinder. Die Branche boomt, produziert viel Mist. Buckleitner forderte auf der Hightech-Show CES einen Ethik-Kodex - und zeigte seine Lieblings-Gadgets.


Keiner der mehreren hundert Pädagogen, Analysten und Spielzeugfirmen-Manager in dem abgedunkelten Konferenzsaal hat so viel Spaß wie Warren Buckleitner: Der hagere, fast zwei Meter große Mann (und Doktor der pädagogischen Psychologie) steht in Krawatte und im dunkelgrauen Jackett am Rednerpult und tutet begeistert ins Mikrophon. Der Mittfünfziger probiert in Las Vegas sein Mitbringsel aus den Messehalten der Hightech-Show CES aus: Ein billiger, kleiner Geräuschemacher, der auf Knopfdruck wie eine Schiffshupe, ein Krankenwagen oder die Polizei lärmt.

TV-Mikroskop: Das Technik-Spielzeug EyeClops Bionicam vergrößert die Welt bis zu 400 Mal - auf dem Fernsehschirm oder dem integrierten Mini-Monitor
Jakks Pacific

TV-Mikroskop: Das Technik-Spielzeug EyeClops Bionicam vergrößert die Welt bis zu 400 Mal - auf dem Fernsehschirm oder dem integrierten Mini-Monitor

Buckleitner macht das beruflich. Er leitet das Testmagazin "Children's Technology Review" – den Ratgeber, den die meisten Lehrer, Bibliothekare und Eltern in den Vereinigten Staaten lesen, wenn sie erfahren wollen, welches Technik-Spielzeug Kindern Spaß macht und gut tut. Nun soll Buckleitner in Las Vegas, am Rande der Hightech-Show CES den Spielzeug-Machern erzählen, was sie besser machen können.

Eingeladen hat die gemeinnützige US-Organisation "Parents’ Choice", die Spielzeug und Medien für Kinder bewertet. Auf der in diesem Jahr zum ersten Mal stattfindenden Konferenz "The Sandbox Summit" will die Organisation Experten über Qualitätsmaßstäbe für Spielzeug und Regeln zur Mediennutzung diskutieren lassen. Buckleitner hat zur Demonstration eine Kiste mit seinen liebsten Kinder-Gadgets aus den Tests des vorigen Jahres mitgebracht: Ein Plastik-Stab mit einem blauen Zyklopenauge an der Spitze liegt darin, viele bunte Kegel, ein paar CD-Roms und ein Kuscheltier.

Spielzeug-Tester: "Viele Produkte enttäuschen"

Als Buckleitner vor 23 Jahren für seine Abschlussarbeit Technik-Spielzeug für Kinder teste, sahen die Gadgets ganz anders aus: "Das meiste waren Programme für den Apple II, den C64, den Comodore PET oder Atari-Computer." Buckleitner erinnert sich an Titel wie "Stickybear ABC": "Da konnten Kindern sich am Computer zwei verschiedene animierte Sequenzen vorspielen lassen, sie mussten nur irgendetwas auf der Tastatur drücken." Buckleitners Testurteil damals: "Einfach zu bedienendes Programm mit wenig Inhalt und keinen direkten Verbindungen zwischen den gedrückten Buchstaben und dem Spielgeschehen."

Obwohl die Grafik, der Klang und das Zubehör bei Technik-Spielzeug heute viel weiter entwickelt sind, haben viele Produkte dieselben Macken wie "Stickybear ABC", urteilt Buckleitner: "Firmen drängen immer dahin, die Entwicklung von Kindern mittels Technik zu fördern, was oft bedeutet, ihnen Dinge beizubringen, die gar nicht altersgerecht sind. Das ist heute noch so. Und die Qualität der Umsetzung variiert." Das Fazit des Berufs-Spielers: "Die Eltern sind oft enttäuscht von der Leistung dieser Produkte – gerade angesichts ihrer Preise."

Bezahl-Countdown lässt Kinder weinen

Seinen Zuhörern in Las Vegas – die meisten verkaufen solches Technik-Spielzeug – führt Buckleitner zur Abschreckung ein Video vor: Ein sechs Jahre alter Junge spielt ein kostenloses Online-Game auf der Webseite eines US-Kindersenders. Plötzlich beginnt ein Countdown zu ticken – bald sind die 30 Kostenlos-Minuten abgelaufen, danach muss man zahlen.

Der Kleine weint, kann unter dem Zeitdruck nicht weiterspielen, heult auf, seine Mutter schaut ratlos, will ihn beruhigen. Aber ohne zu bezahlen, wird das wohl nicht klappen. Angesichts solcher Tricks fordert Warren Buckleitner einen Ethik-Kodex für die Hersteller von Technik-Spielzeug (siehe Kasten unten). Anbieter wie den Kuscheltier-Hersteller Webkinz lobt Buckleitner hingegen: Mit den Online-Plüschtieren dieses US-Hersteller kaufen sich Kinder den Zugang zu einer Online-Welt. Der gilt allerdings nur ein Jahr, dann muss ein neues Tier her. Das ist zwar auch nicht gerade die feine Art, aber immerhin transparent.

Die Positiv-Beispiele holt Buckleitner aus seiner Spielekiste: das Mikroskop für den Fernseher, Online-Kuscheltiere, Renn-Spiele.

Günstiges, funktionierendes, intelligentes, spannendes Technik-Spielzeug - SPIEGEL ONLINE zeigt die Empfehlungen von Spielzeug-Tester Buckleitner.

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