Geschäftsidee Online-Pornografie, Lektion eins

Die Dot.com-Krise treibt skurrile Blüten. In den USA hat ein gescheiterter New-Economy-Unternehmer jetzt eine Akademie gegründet, an der er seinen Schülern beibringt, mit Internet-Sex Geld zu verdienen. Zielgruppe des Angebots: Ebenfalls gescheiterte Dot-Commies.

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Was zählt, ist nackte Haut: Wieviel Know-How brauchen Online-Pornografen?

Was zählt, ist nackte Haut: Wieviel Know-How brauchen Online-Pornografen?

Beim ersten Hinhören klingt die Geschichte von Philip Brandes, 26, so wie die von Hunderten oder Tausenden anderen Opfern der Dot.com-Krise. Vor gut einem Jahr war er als Miteigentümer einer Firma, die Seniorenresidenzen mit Internetzugängen ausstattete, noch dick im E-Business. Im August 2000 kam dann das Aus. Firma pleite. Job weg. Hoffnungslos. Doch Brandes hatte eine Idee.

Der gebürtige Kanadier, der nach eigenem Bekunden aus einer konservativen Familie stammt, entschied sich, ins Internet-Sex-Geschäft einzusteigen. Doch nicht als Anbieter von schlüpfrigen Bildern, sondern als Berater für Menschen, die im Business mit der nackten Haut Fuß fassen wollen, machte er sich auf die Suche nach dem Erfolg. "Wegen meiner Familie habe ich mich entschieden, anderen beizubringen, wie sie in diesem Bereich erfolgreich sein können, anstatt selbst dort zu agieren", sagt Brandes im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Ein Stückchen vom Kuchen abbekommen

Marktforschungsinstitute wie Nielsen/Netratings und Jupiter MMXI gehen davon aus, dass mindestens jeder vierte Internetnutzer regelmäßig Sexangebote ansteuert. Trotz wirtschaftlicher Probleme in der letzten Zeit ist die Branche noch immer eine der profitabelsten im Netz, ist sich Brandes sicher. An der "Adult Webmaster School", also der Webmasterschule für Erwachsenenangebote, will er nun vor allem Ex-Kollegen aus der IT-Industrie zeigen, wie sie seiner Meinung nach ein Stückchen vom Kuchen abbekommen können.

"Leute, die entlassen wurden, haben es zurzeit schwer, einen neuen Job zu finden. Während sie auf der Suche sind, bringen wir ihnen bei, wie sie sich ein Zusatzeinkommen mit Erwachsenen-Webseiten verdienen können. Dann werden sie sehr schnell mitbekommen, dass dies auch ein guter Vollzeit-Job sein kann", wirbt Brandes für sein eigenartiges Angebot.

Für 140 Dollar sind Interessenten bei der "Adult Webmaster School", die ihr Hauptquartier im kalifornischen Berkeley hat, mit dabei. Gelernt wird nicht im Klassenzimmer, sondern zu Hause. Mit einem Lehrbuch, Videokassetten und in internen Chaträumen bekommen die angehenden Online-Pornografen sechs Monate lang ihr Handwerkszeug vermittelt.

Die Idee von Brandes und seinen Mitstreitern ist denkbar einfach. Es geht darum, möglichst professionelle Lockseiten mit vermeintlichen Appetithäppchen einzurichten, mit denen Surfer zu den Angeboten der großen Sex-Sites im Netz gelotst werden. Diese wiederum revanchieren sich bei den Webmastern - zumindest in der Theorie - mit Provisionen.

Sex-Sites kürzen die Lock-Provisionen

Doch sorgt die Dot.com-Krise auch hier für knappere Gewinne. Zuletzt hatte die Firma Cybererotica ihre Belohnung für Locksites im April um zehn Prozent nach unten korrigiert. "Die Kürzungen erfolgen, um das Unternehmen den veränderten Marktbedingungen besser anpassen zu können", hieß es damals.

Doch für Brandes zählen solche Einwände nicht. Auf seiner Webseite bejubelt er einen Artikel des Magazins "Forbes", der besagt, dass Internet-Sex ein praktisch rezessionsfester Wirtschaftszweig sei. "Die Webmaster von Erwachsenenangeboten werden weiterhin Gewinne einfahren", ist er sich sicher.

Und das, sagt Brandes, liege daran, dass der Sex im Netz seinen Tabu-Charakter verliere. "Die Online-Pornografie wird immer mehr zum Mainstream. Viele Firmen werden in nächster Zeit mitbekommen, dass die Sex-Seiten Millionen von Menschen anziehen und dass dies ein sehr effektiver Platz für Werbung ist."

Dass diese Aussage mit etwas Vorsicht zu genießen ist, beweist nicht zuletzt der Clinch um Porno-Angebote bei Yahoo!. Das Unternehmen hatte sich für kurze Zeit auch im Geschäft mit dem Online-Sex versucht, nach massiven Protesten, etwa von der American Family Association, aber bereits nach wenigen Tagen den Rückzug verkündet.

Etwas blauäugig erscheint auch Brandes' Vision vom "sauberen" Online-Sex. "Die Mehrheit der Webmaster da draußen halten sich an strikte Moralcodes, wenn es um ekelhafte und illegale Formen der Pornografie geht, also um Kinderpornografie, Gewalt gegen Frauen oder Vergewaltigungen. Wenn jemand von uns so etwas zu Gesicht bekommt, verständigen wir sofort die Behörden. Wir sind alle sehr professionell, und es gibt keinen Grund, dass diese Art von Inhalten im Netz verbreitet wird."



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