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18. Januar 2001, 12:08 Uhr

"Ginger"

Die "Revolution" hat einen Namen

Von Christian Radler

Eine Meldung versetzt die Hightech-Branche in Aufruhr: Der Erfinder Dean Kamen hat angeblich eine bahnbrechende Neuerung entwickelt. "Wichtiger als das Internet" soll "Ginger" sein - oder doch nicht?

Die Techie- und Gerüchte-Site Inside.com brachte die Geschichte zuerst: Ginger kommt und wird alles umkrempeln. Der US-Verlag Harvard Business School Press hat angeblich eine viertel Million Dollar für die Rechte an dem Buch "IT" geboten, in dem Kamen seine neueste Erfindung eingehend beschreiben soll. Ghostwriter soll Steve Kemper, ein Autor des populären Wissenschaftsmagazins "Smithsonian", sein.

Dean Kamen: Hat er das Ei des Kolumbus gefunden - oder sich schlicht einen PR-trächtigen Gag erlaubt?
AP

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Auch seriöse Publikationen wie das "Wall Street Journal" sprangen umgehend auf die Meldung an. Über das Produkt selbst wurde bislang offiziell nur bekannt, dass die Einzelteile in einer Tragetasche Platz finden und in zehn Minuten zusammengebaut werden können. Ab 2002 soll die mysteriöse Erfindung für unter 2000 Dollar auf den Markt kommen.

Seit er 1970 die erste tragbare Insulinpumpe baute, ist Kamen ein angesehener Erfinder. Zu seinen jüngsten öffentlich gewordenen Konstruktionen gehört der elektrische Rollstuhl "IBot", der Treppen steigen kann. Besucher in Kamens Forschungslabor DEKA in Manchester, New Hampshire, waren vor allem davon beeindruckt, dass "IBot" sich zwei Meter hoch aufstellen und perfekt balancieren kann - dabei aber lediglich an zwei Punkten den Boden berührt. Wegen dieser Erfindung wurde Kamen im Vorjahr sogar ins Weiße Haus eingeladen und mit dem Nationalen Forschungspreis ausgezeichnet.

Kamen beschäftigt bei DEKA rund 150 Mitarbeiter. Der 49-Jährige umgibt sich mit der Aura des geheimnisvollen Nerds, hat eine Stiftung gegründet, die Nachwuchserfinder fördert und träumt nach eigenen Angaben davon, dass Nerds einmal die neuen Popstars werden. Der Ingenieur, der morgens mit einem seiner zwei Helikopter zur Arbeit fliegt, veröffentlichte eine Pressemitteilung zum Thema Ginger. Darin stand wenig mehr als "Ja, wir arbeiten an Erfindungen" und "Kein Kommentar zu dieser speziellen".

Apple-Gründer Jobs und Amazon-Chef Bezos investieren angeblich in Ginger

Auch andere klangvolle Namen aus der Hightech-Branche fielen im Zusammenhang mit dem Projekt Ginger. Im Laufe der Woche formte sich dieses Bild: Kamen hat Apple-Gründer Steve Jobs, Amazon-Chef Jeff Bezos und dem Risikokapitalgeber John Doerr bereits einen Prototyp Gingers vorgeführt. Die drei seien begeistert von dem Produkt gewesen und hätten Millionen Dollar für die Weiterentwicklung gegeben, hieß es. Jobs sei überzeugt, dass "ganze Städte um diese Maschine herum gebaut" werden. Bezos bedenkt das Produkt mit der kraftvollen Vokabel "revolutionär".

Die Anlageberater von der Credit Suisse First Boston sehen für Ginger einen Markt, der bereits im ersten Jahr mehr einbringen könnte, als jemals eine technologische Innovation zuvor. Innerhalb von fünf Jahren werde Erfinder Kamen damit reicher sein als Bill Gates, hat Credit Suisse nach Angaben von Inside.com berechnet.

Kamen goss selber Öl ins Feuer: Nach seinen Worten soll die Erfindung "großen Einfluss auf Multi-Milliarden-Dollar-Industrien" haben. Damit könnte die Autoindustrie gemeint sein, spekulierten prompt einige Technologiesites.

Würde Kamens Unternehmen an der Börse gehandelt, wären seine Aktien jedenfalls vergangene Woche durch die Decke gegangen. Seit der PC- und Internet-Markt sich als überschätzt erwiesen haben, ist die Technologiebranche und der Anlegermarkt ausgehungert nach einem neuen Hype. Mindestens ein Wunder muss her, um den depressiven Märkten wieder Leben einzuhauchen. Das Ginger-Gerücht versprach scheinbar genau dies, Superlative inklusive.

Eine gewisse Ernüchterung folgte allerdings umgehend: Kamen ging am Freitag erneut an die Presse und bemühte sich, Erwartungen zu relativieren. Das Lob von Jobs und Co. sei außerhalb des eigentlichen Kontextes und vor allem bar ihrer Einwände wiedergegeben worden.

Recherchen bei den Patentämtern beförderten indes eine 56-seitige Patentanmeldung Kamens vom 14. Dezember 2000 bei der Weltorganisation für geistiges Eigentum ans Licht. Darin wird ein Transportmittel beschrieben, auf das die dürftigen Informationen passen, die bisher über Ginger öffentlich wurden. Abbildungen der - unbenannt bleibenden - Erfindung zeigen ein einachsiges Skateboard, so etwas wie die elektrischen Scooter vom vergangenen Jahr und weitere Eigentümlichkeiten. All das wird unter dem Topos "Transportmittel für ebene und unebene Strecken" gehandelt.

War das Ganze vielleicht doch nur ein Scherz? "Wenn dies Ginger ist", meint jedenfalls Paul Saffo vom Zukunftsmuseum im kalifornischen Menlo Park zu den Patentunterlagen, "dann kann ich mir nicht helfen: Irgendwo lacht sich gerade jemand halbtot. Ich weiß nur nicht, wer es ist."

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