Green IT Es grünt so grün...

Die Cebit verleiht sich einen grünen Anstrich. Mit dem Schwerpunkt "Green IT" springt die Messe auf den Umweltzug auf, will zeigen, wie schnell sich Umwelt-Investitionen für Rechenzentren rechnen. Im grünen Bereich ist die IT-Branche deshalb noch lange nicht: Das Engagement kommt reichlich spät.

Von Helmut Merschmann


Auf einmal wollen alle grün sein. Dabei kann der IT-Branche bisher vieles nachgesagt werden, nur kein ausgeprägtes Umweltbewusstsein. Unaufhörlich gelangen neue Technik-Gimmicks auf den Markt: Handys, Spielekonsolen, Mini-Notebooks und dergleichen. Computer werden mit jeder Generation leistungsfähiger, Festplatten größer, Prozessoren schneller. Im Internet huschen Videos milliardenfach durch die Datenleitungen. Ein Breitbandanschluss ist heute Ehrensache, permanente "On"-wesenheit auch. Was das alles kostet - nämlich Ressourcen, viel Strom, viel Abfall in Produktion und Entsorgung - machen sich weder Hersteller, Betreiber, noch Nutzer klar.

Das soll sich nun ändern. "Green IT" ist vom Cebit-Betreiber, der Deutschen Messe AG, als diesjähriges Schwerpunktthema auserkoren worden – wohl nicht ganz aus freien Stücken. "Green IT ist durch die öffentliche Aufmerksamkeit zu einem Thema geworden, nicht unbedingt durch die IT-Branche selbst", verrät Jan Roschek, Leider des Green Board bei Cisco Deutschland. "Im Rahmen der Klimadiskussion hat sich jeder damit auseinandergesetzt und viele Unternehmen haben Maßnahmen angestoßen."

Unlängst erst widmete der Branchenverband Bitkom eine Jahreskonferenz dem grünen Umweltthema. Angesichts von hohem wirtschaftlichen Kostendruck durch stetig kletternde Energiepreise unterstrich Bundesumweltminister Sigmar Gabriel auf der Veranstaltung die Notwendigkeit zum Energiesparen: "Der Stromverbrauch ist der zentrale Faktor. Wir müssen zu ökologischen Antworten auf die ökonomischen Herausforderungen gelangen."

Ökologisch ist ökonomisch

Dass der durch Internettechnologien verursachte CO2-Ausstoß den des internationalen Luftverkehrs bereits überrundet hat, hat sich inzwischen herumgesprochen. Laut einer aktuellen, vom Bundesumweltministerium in Auftrag gegebenen Studie trägt Deutschland daran großen Anteil: Der Stromverbrauch der etwa 50.000 deutschen Rechenzentren mit ihren über eineinhalb Millionen installierten Servern betrug 2006 insgesamt 8,67 Terawattstunden– so viel wie drei mittelgroße Kohlekraftwerke im Jahr produzieren. Gesamter CO2-Ausstoß: 5,6 Millionen Tonnen.

Ändert sich hieran nichts, steigt die Umweltbelastung bis 2010 um fünfzig Prozent. Dies ist der Punkt, an dem die IT-Branche ansetzen will. Auf der Bitkom-Tagung forderte Bitkom-Präsidiumsmitglied Martin Jetter, "den Energieverbrauch vom Wirtschaftswachstum abzukoppeln". Momentan ist es noch so, dass die IT-Branche - und damit ihr Strombedarf - weltweit so schnell wächst, dass sich Einsparungen nicht nennenswert bemerkbar machen. Jetter forderte deshalb eine "Energierevolution". Die soll durch effizientere Produkte, einen verbesserten Produktlebenszyklus sowie durch einen allgemeinen Bewusstseinswandel erreicht werden.

Verschiedene Zielmarken

Zumindest in punkto Energieeffizienz scheinen die hehren Ziele nicht folgenlos zu bleiben. Durch verbesserte Prozessoren, eine effizientere Auslastung der Server und vor allem effektivere Kühlung der Rechenzentren, können die Energiekosten drastisch gesenkt werden. Neue Generationen von Servern, wie sie etwa von Rittal, Fujitsu Siemens und Cisco auf der Cebit präsentiert werden, versprechen Stromeinsparungen von bis zu 20 Prozent.

Mit Mehrkernprozessoren und neuen 2,5 Zoll-Festplatten weist die Primergy-Server-Reihe von Fujitsu-Siemens beispielsweise ein solches Einsparpotenzial auf. Berücksichtigt man die zusätzliche Effizienz durch verbesserte Rechenleistung und die Vermeidung von Leerlaufverlusten, können sich neu angeschaffte Geräte bereits nach drei Jahren amortisiert haben.

Die Klimaschutzziele liegen hoch: Bis 2020 will die Bundesregierung vierzig Millionen Tonnen Kohlendioxid einsparen. Die IT-Branche könnte schon heute fünfzehn Prozent dazu beitragen. Die vom Bundesumweltministerium beauftragte Studie mit dem Titel " Zukunftsmarkt energieeffiziente Rechenzentren" geht im kühnsten Szenario sogar von fünfzig Prozent aus. Dazu müssten jedoch alle Rechenzentren mitziehen, sparsame Neugeräte anschaffen und ein Drittel der Arbeitsplätze mit sogenannten Thin Clients ausgestattet werden. Die bestehen praktisch nur noch aus Monitoren und Eingabegeräten, während die Festplatten auf Server-Farmen ausgelagert sind.

Deutsche Wachstumskritik

Ist das alles realistisch? Firmen, die sich augenblicklich im Bereich Green IT am meisten engagieren, verdienen daran besonders gut. Nichts spricht dagegen, Rechenzentren und Heimcomputer mit Strom sparendem Innenleben auszustatten. Doch fängt Umweltbewusstsein hier erst an. Vermehrtes Augenmerk muss die Branche künftig auch auf Materialeffizienz und den Recycling-Turnus der Geräte legen. Hier liegt noch Einiges im Argen, womit sich auch die Cebit in diesem Jahr nicht beschäftigen wird. Der sechstägige Messebetrieb läuft noch nicht einmal mit Ökostrom. Das hätte doch ziemlich nahe gelegen.

Nicht ganz ohne Hintersinn scherzte Umweltminister Sigmar Gabriel beim Bitkom-Jahrestreffen, dass "Wachstumskritik in Deutschland nur in der Gehaltsgruppe B3" anzutreffen ist. Die erhalten Beamte im gehobenen Dienst. Will heißen: Weder deutsche Umweltbeflissenheit noch die westliche IT-Branche, die sich etwa in der Climate Savers Computing Initiative organisiert, werden vor dem Hintergrund energiehungriger und schnell wachsender Schwellenländer alleine die Welt retten können.

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