Gründerzeit im Web-Business Das soziale Netz

In Deutschland wächst die nächste Generation des Web-Business heran. Ein Startup aus Hamburg etwa will aus dem neuen Gemeinschaftssinn des Netzes Kapital schlagen: Mit lokaler Suche plus persönlicher Empfehlung will man Web.de und den Gelben Seiten das Geschäft verderben.

Es ist wieder Gründerzeit. Das neue, soziale Netz sorgt für Aufbruchstimmung bei vielen, die den ersten Boom - und auch den ziemlich plötzlichen Kollaps - des Geschäfts mit dem Internet mitgemacht haben. Zahlen wie 580 Millionen Dollar (MySpace-Verkaufspreis an Rupert Murdochs News Corp.), 72 Millionen (geschätzte aktuelle MySpace Nutzerzahl) oder 30 Millionen Dollar (angebliche Summe, die Yahoo an den del.icio.us-Erfinder Joshua Schachter zahlte), lassen neue Hoffnungen über die Zukunft des Geldverdienens im Web sprießen.

Hamburg entwickelt sich innerhalb Deutschlands zum neuen Technologiestandort - nicht für Halbleiter, sondern für Software. Vor allem "soziale Software", wie das jetzt heißt - die Verheißung der neuen Netz-Anwendungen liegen im globalen Miteinander. Am Hamburger Gänsemarkt residiert zum Beispiel OpenBC  - das Business-Kontaktportal, das nicht nur im deutschsprachigen Raum inzwischen als unangefochtener Marktführer gelten darf und weltweit nach eigenen Angaben über eine Million Mitglieder hat. Profitabel ist OpenBC schon - im Moment ist man dabei, China zu erobern.

Ein Stockwerk darüber wird an etwas gewerkelt, das die Macher für den nächsten Durchbruch halten: Qype.com  (aus "Quality" + "Hype") ist seit Dienstag für alle offen am Netz, als Betaversion. Es ist eine Art Social-Networking-Branchenbuch, mit den inzwischen gängigen Funktionen all dessen, was mit dem fast schon verbrannten Begriff "Web 2.0" belegt wird: Es gibt RSS-Feeds, es gibt Tags und eine entsprechende Tagwolke - auf der Seite sehr schön erklärt mit den Worten: "Nutzer vergeben Stichworte für Plätze. Je größer die Schrift, desto mehr ist dahinter." User tauchen mit Namen und, nach Wunsch, Bild auf, können einander als Kontakte zum eigenen Profil hinzufügen und einander belobigen. Funktionen wie interne Nachrichten von Nutzer zu Nutzer sollen noch hinzukommen.

Vor allem aber sollen die Mitglieder Orte und Dienstleister bewerten: Tankstellen, Kneipen, Kindertagesstätten, Zahnarztpraxen, Tierhandlungen und Tagesmütter. Alles eben, was in einem normalen Branchenbuch auch steht - aber mit persönlichen Bewertungen samt Begründung. Einen Beitrag zu schreiben ist ebenso einfach, wie von einem Web-Interface aus eine E-Mail abzuschicken. Die Adressen stammen aus einer Datenbank der Telekom. Lokale Suche soll das Boomgeschäft der Gegenwart werden - und die ganz Großen, wie Google und Yahoo, verlieren da vor allem in Europa gegen hiesige Anbieter.

Das Qype-Hauptquartier ist ein langer, schmaler Raum, mit ein paar grünen Tischen, einem Stehpult, vielen Laptops und der obligatorischen Magnetwand. Sechs Menschen sitzen oder stehen vor Bildschirmen, einer ist dabei, am Monitor T-Shirts und Tanktops mit dem "Qype"-Logo zu entwerfen. Man trägt Jeans, auf einem Schubladenschrank kauert eine Espressomaschine.

Alte Hasen mit neuen Methoden

Alles an Qype schreit "Web 2.0": Entwickelt in der Modesprache "Ruby on Rails", es gibt keine vorher festgelegten Produktspezifikationen, sondern die erwähnte Magnetwand mit Karteikarten, auf denen Dinge wie "Video-Upload?" und "Sofa People" stehen, der Grafiker arbeitet nicht auf Papier vor, sondern bastelt gleich eine funktionsfähige Seite, viele Beta-Tester (und gleichzeitig die Graswurzel-Marketing-Vorhut) sind eigens rekrutierte Blogger.

Qype-Gründer Stephan Uhrenbacher ist einer der ganz alten Hasen im Geschäft mit dem Netz - in seiner Biografie taucht "Geo Online" ebenso auf wie "Bild.de" und die Netzapotheke Doc Morris. Jetzt, sagt er, sei nach dem Dotcomtod und der Sanierungsphase endlich wieder die Zeit zum Gründen gekommen, mit neuen Methoden und der alten Energie von damals, circa 1996.

"Es gibt in einer Großstadt wie Hamburg vielleicht 600 Autowerkstätten", erklärt er das Qype-Konzept, "ich brauche aber, wenn's hoch kommt, drei." Die persönliche Empfehlung von jemandem, dem man Vertrauen schenkt, das ist das Prinzip - und was noch so daraus werden kann, da ist das winzige Team des Startups flexibel. Eine Community-Plattform für Leute aus der gleichen Gegend, die sich um Orte und Interessen scharen zum Beispiel.

Obwohl man ganz bestimmt nicht MySpace Konkurrenz machen will. Aber die Bewertungen von Leuten, die tatsächlich vor Ort leben und vielleicht einst vor der gleichen Frage standen wie man selbst, wenn man ein Branchenbuch konsultiert, "das ist echter Nutzwert", sagt Uhrenbacher. "Wenn ich in eine neue Stadt ziehe, in der ich fünf Leute kenne, und jeder gibt mir fünf Tipps, wo man hingehen kann - dann reicht das erstmal. Dann komme ich da zurecht."

Ganz neu ist die Idee nicht - in den USA versucht Yelp.com  zum Beispiel Ähnliches, allerdings ohne Tags. Uhrenbacher glaubt aber, dass gerade die Möglichkeit, gezielt nach Stichworten wie "barrierefrei" oder auch "Kinder" suchen zu können, Qype zum Erfolg machen kann. Und die Tatsache, dass man sehen kann, wem man vertrauen soll und wie der innerhalb der Community positioniert ist. Ans Geldverdienen denkt man im Moment noch nicht - das Startgeld kommt von Venture-Capital-Firmen. Eines Tages aber wird es "sponsored links" à la Google geben, vielleicht auch Werbebanner. Aber zunächst mal muss Qype die nötige Wucht entwickeln.

Knapp 1700 registrierte Mitglieder hat das Angebot bislang. Vor allem für Hamburg und Berlin gibt es schon relativ viele Beiträge - aber natürlich wird die Community noch gewaltig wachsen müssen, wenn Qype tatsächlich eine Alternative zu den Gelben Seiten werden soll. Das nötige Wachstum wird natürlich auch die möglichen Probleme potenzieren: Dass Nutzer zum Beispiel Beleidigendes oder Verleumderisches über andere in ihre Beiträge schreiben oder dass jemand Pornografisches statt Informativem auf die Seite packt. "Wir werden noch wahnsinnig viel Arbeit kriegen in der Hinsicht", vermutet Uhrenbacher, vertraut aber auf Selbstreinigungskräfte.

Unangemessene Beiträge können von Nutzern mit einem Mausklick als solche markiert, unbotmäßige Pöbler und Vandalen im Notfall ausgeschlossen werden - ebenso wie bezahlte Lobhudler, die allzu werbliche Beiträge schreiben. Die Hoffnung ist die gleiche, die dem Konzept vom neuen, sozialen Netz im Moment ganz generell seinen Schwung verleiht: dass die Community es richten wird.