Handyfilme Smaller than life

Sie sind so klein wie eine Sonderbriefmarke, so kurz wie ein Werbeclip und man muss sich anstrengen, um alle Details zu erkennen. Filme auf Handys sind gewöhnungsbedürftig. Werden sie sich als eigene Filmgattung durchsetzen?

Von Helmut Merschmann


In "107 Steps" bringt eine mysteriöse Frau, deren Gesicht nie zu sehen ist, einen unsichtbaren Gegenstand durch die Stadt. Sie passiert verkehrsreiche Straßen, taucht unterwegs in ein Videorennspiel ab, um dann zu einem Bankschließfach zu gelangen und irgendetwas Rätselhaftes wegzusperren. Am Ende des 95-sekündigen Filmchens blitzt noch eine rote Pupille auf und lässt den Zuschauer etwas ratlos zurück. Darf er seinen Augen trauen? War dies ein Micromovie?

Kintopp Handy: "Die Filmemacher sind über jeden weiteren Absatzkanal froh"
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Kintopp Handy: "Die Filmemacher sind über jeden weiteren Absatzkanal froh"

Der Kurzfilm des Kroaten Boris Kostadinov ist der letzte Tagesbeitrag des vergangenes Wochenende zu Ende gegangenen Interfilm-Festivals in Berlin. Sieben Filmemacher waren zu einer täglichen "Micromovie-Session" eingeladen. Mit dem Fotohandy bewaffnet strolchten sie durch Berlin und schossen ihre Minifilme, die auf der Website des Micromovie Award zum freien Download bereitstehen. Während des Festivals konnten die Besucher die Filme auf das eigene Handy laden - über eine am Veranstaltungsort aufgebaute Bluetooth-Station.

Parallel zum Berliner Kurzfilmfest lief in Hamburg das Bitfilm-Festival. Dort gab es sogar einen eigenen Wettbewerb von "für das kleine Display von Handys optimierten Filmen". Um "Some Days in Barcelona" von Thorsten Konrad oder "Yodel Polka" von Christian Simmons zu sehen, musste man eine SMS mit Kennwort versenden und den Film mittels eines zurückerhaltenen Links auf das eigene Mobiltelefon zu laden. Am Wettbewerb konnte jeder teilnehmen und per SMS abstimmen - eine persönliche Präsenz auf dem Hamburger Festival war nicht mehr notwendig.

Dass beide Kurzfilmfestivals zeitgleich stattfanden und jeweils eine Konferenz über Micromovies eingerichtet hatten, zeugt von einer Neugierde, aber auch Unsicherheit im Umgang mit dem neuen Filmformat. Noch nicht einmal ein Name hat sich eingebürgert: "Micromovies", "Mini Films", "Pocket Films" stehen zur Auswahl. Auch von "Handyfilmen" ist die Rede.

Filmhochschüler denken nur ans große Kino

Um was es sich bei dieser Gattung handeln könnte, weiß man im Grunde noch nicht. Sind es mit dem Handy fotografierte Ruckelstreifen, die vor lauter Pixel und Polygonen das Bildmotiv nur erahnen lassen? Oder fallen darunter auch aufwendig produzierte Animationsfilme wie "Romeo & Juliet" von Tapio Schulz und Samuli Valkama? Der Trickfilm ist auf das kleine Handyformat heruntergebrochen worden, sähe sicher aber viel besser als Videoprojektion auf der Kinoleinwand aus, wo er im letzten Jahr auch lief.

Eigens für das Handy-Display konzipierte Micromovies existieren dagegen kaum. Filmhochschüler sind sich dafür zu schade und denken nur ans große Kino. Und für Video- und Multimedia-Künstler ist das Handy allenfalls eine zusätzliche Plattform. "Die Filmemacher sind über jeden weiteren Absatzkanal froh", sagt Interfilm-Leiter Heinz Hermanns, "über den sie Bekanntheit erlangen können". Diesen Umstand macht sich die Potsdamer Firma MicroMovie zu Nutze, die in der vergangenen Woche mit einer Webplattform online gegangen ist, wo man "die kleinsten Filme der Welt" für 1,99 Euro pro Stück beziehen kann.

Allerdings erblicken die Potsdamer ihr Heil weniger in Kurzfilmen wie "Romeo & Juliet" als in kleinen Videogrüßen, die beliebig häufig per Multi Media Message (MMS) verschickt werden können. Mit Videoschnipseln wie "Ich stecke im Stau" oder "Ich freu mich" lassen sich Unpässlichkeiten oder besondere Situationen charmant kommentieren. "Der Markt für Micromovies entwickelt sich gerade erst", sagt Firmengründer Jasdan Joergens. "Momentan gibt es ihn noch gar nicht. Aber viele sehen darin ein großes Potenzial".

Vor allem Mobilfunkbetreiber. Sie profitieren vom anfallenden Daten-Traffic und hoffen auf ein zweites, diesmal visuelles Klingelton-Wunder. Für ein Kurzfilmchen von 300 Kilobyte fallen für jemanden ohne Daten-Flatrate schnell mal fünf Euro Transportgebühr an - ein einträgliches Geschäft. Aus vergleichbaren Gründen engagieren sich auch die Handyhersteller auf diesem Gebiet. So ist vergangenes Jahr der "Micromovie-Award" von Siemens ins Leben gerufen worden und wird gegenwärtig vom Nachfolger BenQ eifrig weiter verfolgt. "BenQ hat ein Interesse daran, langfristig mit solcher Art Innovation in Verbindung gebracht zu werden", beschreibt Marketing-Mitarbeiter Marc Uricher die Motivation.

Darüber hinaus ist es für einen Handyhersteller wichtig, mit Geräten auf den Markt zu gelangen, die den Erfordernissen der Mobilfunkbetreiber entsprechen, das heißt: Traffic generieren. Zukünftig sollen vermehrt Kurzfilme bereits auf den Geräten vorinstalliert sein, die die Kunden frei weitertauschen können. Ob diese jedoch tatsächlich so versessen auf mobilen Film-Content sind, wie es sich die Branche erhofft, ist derzeit noch völlig offen. Sowohl Internet-Filme als auch die Multimedia Message (MMS) sind vom Konsumenten nicht akzeptiert worden. Von einer Versessenheit wie in Südkorea, wo eine an Mangas erprobte visuelle Kultur sich ungebrochen auf dem Handy fortsetzt, ist hier zu Lande keine Spur zu erkennen.



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