Hardware Zeit für Tabletten

Mitte der Woche wird Microsoft in New York feierlich die Zeit der Tablet-PCs einläuten, handlicher, tastaturloser Leicht-Rechner, die vor allem aus einem großen Display zu bestehen scheinen. Die Hersteller scheinen an das Konzept zu glauben: Rund 24 "Hardware-Partner" werden ihre Produkte vorstellen.


Tablet PC von Compaq: Statussymbol, High-Tech-Spielzeug oder elegantes Werkzeug?

Tablet PC von Compaq: Statussymbol, High-Tech-Spielzeug oder elegantes Werkzeug?

Man kennt das ja, mit den diversen "Revolutionen" im IT-Bereich: Einige Monate lang trommeln und jubeln die Manager für ein Konzept, das die Welt verändern wird. Dann landet dieses im Laden, nicht unbedingt aber beim Kunden.

Leidgeprüfte Technik-Kunden können ein Liedchen singen von der Flut der Technologien, die als Zukunftsmodell angepriesen, von den viel zitierten Early Adopters für viel Geld gekauft und kurz darauf über den Sondervertriebsweg Grabbelkiste restverscherbelt werden – nur um der nächsten IT-Revolutionsware Platz zu machen. So mancher Skeptiker wird sich bei den Vorberichten, die seit der Cebit 2001 zu Themen wie "Mira" und Tablet PC kursierten, an solche Erfahrungen erinnert haben.

Doch diesmal ist womöglich alles anders: denn Tablet PCs, Microsofts Steilvorlage für die Hardware-Industrie, sehen nicht nur auf Werbebildern von Produktstudien schick aus, es gibt sie tatsächlich. Zahlreiche Hardware-Hersteller hatten sich auf das Abenteuer eingelassen, den Markt der PCs mit einem zumindest einmal ganz anders gestalteten

Via: Buntes Surfbrett, PC auch fürs Wohnzimmer

Via: Buntes Surfbrett, PC auch fürs Wohnzimmer

Computer anzugehen: 24 "Hardware-Partner" zählt Microsoft offiziell auf, daneben gibt es aber noch einige andere, die sich an den Standard anlehnen.

Am Mittwoch feiert Microsoft das alles mit einer der bei solchen Anlässen üblichen Launch-Parties. Ganz selten nur hat ein Unternehmen zu einem solchen Anlass dermaßen viel vorzuweisen: Von A wie Acer über F wie Fujitsu bis hin zu X wie Xplore reicht die fast das ganze Alphabet-abdeckende Partnerliste, die alle ihre Version und Umsetzung des von Microsoft vorgegebenen Standards Tablet-PC vorstellen wollen.

Riesen-PDA oder Notebook ohne Tastatur und Klappe?

Der ist zunächst einmal nichts anderes als ein alternativer Schnittstellen-Ansatz für so etwas wie ein extrem flach gebautes Laptop: das Ding besteht vornehmlich aus seinem Bildschirm.

Darauf schreibt man per Stylus, wie vom PDA bekannt, kann aber natürlich auch herkömmliche Eingabegeräte anschließen - der Übergang zum Notebook ist fließend.

Für viele sind die Tablets, schon bevor sie den Markt erreichen, mehr Spielerei als Rechner. Als im Haus

Xplore: "Tabletten" für den Business-Markt

Xplore: "Tabletten" für den Business-Markt

eingesetzte Surf-Terminals erscheinen sie eher wie ein Prestigeobjekt, oder wie eines der zahlreichen Gadgets des digitalen Lifestyles. Surfen auf dem Sofa, ganz bequem: Reiner Luxus ist das, oder etwa nicht?

Klar ist es das, aber es hat das Potenzial zu weit mehr und ist auch so gedacht: Aus Microsofts Perspektive sind die Tablets vollgütige PCs in etwas anderer Bauweise, während der Sesselsurfer ab nächstes Jahr mit den als "Smart Display" bezeichneten kleinen Bruder des Tablet PCs unterwegs sein soll. "Mira" ist mehr tragbarer Monitor als Rechner, beim Tablet ist das umgekehrt.

Natürlich ist dabei ein Gerät, das man per Stylus mit Schrift befüttert, nicht der Rechner, an dem man täglich acht Stunden Texte, Tabellen oder Rechnungen produziert. Aber es gibt zahlreiche Arbeitssituationen, bei dem ein Stylus- oder Touchscreen mit einer grafischen Information als genau die richtige Schnittstelle erscheint.

Xplore, ein auf die Entwicklung besonders robuster Tablet-PCs spezialisiertes Unternehmen, zeigt das Gerät auf seinen Werbeseiten in Kontexten, die plausibel vor Augen führen, wie weit das Feld potenzieller Anwendungen sein könnte.

Da verpasst etwa ein freundlicher Polizist einem Autofahrer per Tablet PC ein Protokoll. So etwas, könnte man da mäkeln, klappt sogar noch besser und billiger mit

...die sich problemlos zum Voll-PC mausern (hier in einem Haltegerüst für Einsatzfahrzeuge)

...die sich problemlos zum Voll-PC mausern (hier in einem Haltegerüst für Einsatzfahrzeuge)

Block und Bleistift - aber vielleicht berät der Polizist den Fahrer ja gerade über mögliche Straßenalternativen, um einen Stau zu umgehen?

Tablets im Business-Einsatz

Bei Xplore tummeln sich mit "Tabletten" bewaffnete Ingenieure in Kraftwerken, medizinische Notfallhelfer werkeln mit dem Stylus herum, und unter dem Strich kann man das alles drehen und wenden, wie man will: das sieht sinnvoll aus, auch, wenn für vieles der PDA genügen würde. Die Xplore-Geräte sind dazu besonders hart im nehmen, Gummi-gelagert und gepuffert, wasserdicht sowieso und natürlich aus Metall.

In solche Kontexte gestellt kann man sich einen Erfolg des Konzeptes im Business-Bereich problemlos vorstellen. Das muss auch den Unternehmen so gegangen sein, und tatsächlich finden sich unter den 24 Hardware-Partnern, die Microsoft auf seiner Tablet-Promotion-Website nennt, so einige Spezialentwickler, die auf den Business-Bereich zielen.

Und zu Haus? Da bekommt man mit dem Tablet PC, bei allen Unterschieden in der Konfiguration, zumindest das in die Hand: Einen auf Mobilität ausgelegten Leicht-PC mit teils beeindruckenden Leistungsdaten, der mit einem abgespeckten Windows XP betrieben wird.

...und bei Rettungsdiensten, Polizei, aber auch im Ingenieursalltag zum Einsatz kommen könnten

...und bei Rettungsdiensten, Polizei, aber auch im Ingenieursalltag zum Einsatz kommen könnten

Eine hinreichende Zahl von Softwarepartnern hat dafür gesorgt, dass ab Startschuss am Mittwoch genügend Standard-Software vorhanden sein wird, um das Ding auch einsetzen zu können.

Irgendwann einmal, kann man sich vorstellen, könnte ein Gerät wie der Tablet PC zur digitalen Schaltzentrale eines "intelligenten Hauses" werden. Wer als Privatmann das Tablettchen heute wirklich als Rechner nutzen will, wird schnell eine Tastatur anstöpseln: Schrifterkennung ist ein Feld, in dem große Fortschritte gemacht wurden in den letzten Jahren - und noch größere folgen müssen.

Trotzdem scheint der Ansatz nicht schlecht, zielt das Tablet doch vornehmlich auf professionelle Anwender. Privatnutzer dürfte das "Look and Feel" der Geräte trotzdem ansprechen, und Apple beweist seit Jahren, dass Design ein äußerst wichtiges Verkaufsargument sein kann.

Die bisher bekannten Leistungsdaten der Geräte sehen ordentlich aus; die bisher bekannten Preise liegen nur leicht über dem (sowieso schon hohen) Niveau der Laptop-Preise: Unter 2000 Dollar tut sich da gar nichts.

Da ist es erfreulich, dass am Donnerstag gleich so viele Firmen konkurrierend an den Start gehen. Die hoffen darauf, das Weihnachtsgeschäft noch mitnehmen zu können, Kunden darauf, dass danach die Preise purzeln. Möglich ist alles, und "Mira" am Ende wohl wirklich mehr als nur ein Spielzeug: Der Tablet PC ersetzt nichts auf dem Rechnermarkt. Eine Ergänzung ist er trotzdem, und vielleicht findet er sogar seine Marktlücke.

Frank Patalong



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