Harte Bandagen America Online geht gegen 15-Jährigen vor

Durch Zufall will ein amerikanischer Junge auf die Vorversion der AOL-Zugangssoftware 6.0 gestoßen sein. Weil er die Daten im Internet zugänglich machte, wird jetzt die AOL-Rechtsabteilung aktiv.


Wie ZDNet Deutschland meldet, hat der Onlinedienst dem Jungen, der aus dem US-Bundesstaat Arkansas stammen soll, am Dienstag eine Unterlassungsklage in Haus geschickt. Weitere rechtliche Schritte könnten folgen. Der 15-jährige Kent wolle, wie er ZDNet erzählte, zunächst einmal abwarten und in engem Kontakt mit seinem Anwalt bleiben.

Brief vom Anwalt: Auch gegen Minderjährige scheint AOL in den USA gerichtlich vorzugehen

Brief vom Anwalt: Auch gegen Minderjährige scheint AOL in den USA gerichtlich vorzugehen

Bereits am 22. Januar habe er, wie der Junge auf den Seiten der Organisation Observers.net schreibt, über einen Freund von den AOL-Dateien erfahren. Nachdem dieser ihm die Dokumente und Screenshots zugeschickt hatte, veröffentlichte der 15-Jährige das Material auf seiner Webseite - eine Seite, die er bereits seit März 1999 betreibe.

Doch damit nicht genug: Um, wie er schreibt, die Öffentlichkeit besser über mögliche Gefahren "schlampig programmierter AOL-Software" informieren zu können, wählte sich Kent auch selbst bei AOL ein. In einem frei zugänglichen Bereich namens "K2 file library" sei er dann auf weitere Screenshots und Dokumente gestoßen, die zunächst auf seiner Festplatte und wenig später auf seiner Homepage landeten.

Die von Kent aufgedeckten Entwürfe enthüllen unter anderem eine veränderte Toolbar und ein neues Design des Instant Messengers. Auch das geplante Veröffentlichungsdatum der Software findet sich bei den Dateien. Offensichtlich soll die Version 6.0 im August ausgeliefert werden.

"Weil sich AOL nicht um Sicherheitsfragen kümmert, konnte jeder AOL-Kunde auf die Dateien zugreifen", meint Kent. Inzwischen wurde jeglicher Zugang zu den fraglichen Dateien gesperrt. Doch anstatt den Fehler einzugestehen habe AOL ihn, einen Minderjährigen, mit einschüchternden Briefen attackiert.

So schreiben die AOL-Anwälte, ihr Klient sei "außerordentlich bestürzt" über die Veröffentlichung des eigentlich vertraulichen Materials. Da die Dokumente nicht öffentlich zugänglich seien, müsse sie der Junge entweder von einem AOL-Mitarbeiter oder durch einen Hacker-Angriff auf das System des Onlinedienstes erhalten haben.

Die Veröffentlichung stelle einen Verstoß gegen das Urheberrecht dar und sei daher "illegal". Das dreiseitige Schreiben der Anwaltskanzlei geht sogar noch einen Schritt weiter und nennt Kents Vorgehen "schlicht und einfach Computerpiraterie".

"Meine Eltern waren ziemlich geschockt und machen sich jetzt Sorgen", zitiert ZDNet den 15-Jährigen. "Aber meine Schulkameraden halten die Aktion für obercool." Unterstützung bekommt der Junge auch aus dem Netz. So hat Observers.net dem Jungen einen Anwalt besorgt und die AOL-Dateien auf den organisationseigenen Webseiten abgelegt.

Nicht ohne Folgen: In einem langem, mit rechtlichen Details gespickten Brief droht AOL den Menschen hinter Observers.net mit "weiteren rechtlichen Schritten". Deren Antwort an AOL fällt deutlich kürzer aus: "Nein! Wir werden die Dateien nicht von unseren Seiten nehmen."



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