HDR-Fotografie Visuelles Glutamat

Wenn die Wahrnehmung mehr verlangt, als das konventionelle Foto hergibt, nutzen Fotografen die HDR-Methode. An einem Bildprojekt erklärt der Fotograf Andreas Papke Einsatzformen der HDR-Technik und seinen Weg, Lichtstimmungen zu betonen.

So beeindruckend die High Dynamic Range (HDR)-Technik ist, so leicht schießt man bei ihrem Einsatz übers Ziel hinaus. Ich nutze gerne die malerische Wirkung der Dynamikkompression von Photomatix, versuche aber, deren Einsatz dem Betrachter nicht aufzudrängen. Auf der dänischen Insel Samsø entdeckte ich im verfallenen Haus vom Store Peder die ideale Kulisse für eine solche Bildbearbeitung. Die dort vorgefundene Detaildichte und der Dynamikumfang wären mit "normaler" digitaler Fototechnik nicht zu erfassen gewesen.

Im Haus war die Präsenz des einstigen Bewohners, eines kauzigen Gärtners, noch spürbar. Es wirkte trotz fortschreitenden Verfalls belebt und nur kurzzeitig verlassen. Jedes Zimmer offenbarte Blicke in ein vergangenes Leben, eine Motivwelt mit vielen unberührten Gegenständen, unterschiedlichsten Materialien und Strukturen sowie einer enormen Menge an Details zwischen tiefem Schatten und hellem Licht.

Fotografisch war die Annäherung relativ einfach, denn dieses große Stillleben verlangte kein eigenes Zutun und brauchte keine Inszenierungen. Fototechnisch musste aber eine schwierige Lichtsituation gemeistert werden.

Die Pflanzenwelt des einstmals für seine Gepflegtheit bekannten Gartens hatte sich schon bis an die Fenster vorgekämpft, sie ließ häufig nur schwaches Außenlicht in die Zimmer. Künstliches Licht war weder vorhanden noch erschien es dem Sujet angemessen.

Die Helligkeitsunterschiede vieler Motive konnten so auch nicht mit einer Belichtung erfasst werden. Da ich sowohl Schatten als auch Lichter durchzeichnet haben wollte, ergab sich die Entscheidung für den Einsatz von Belichtungsreihen, die später über HDRs den gesamten Dynamikumfang abbilden sollten. Licht- und Schattenkontraste wurden angeglichen, die dadurch zurückgetretene Lichtstimmung musste aber wieder betont, beziehungsweise eingemalt werden. Hier konnte ich frei walten; kein Kamerasensor, nur meine Wahrnehmung gab mir die Dosis der Geschmacksverstärkung vor.

Lichtgestaltung per HDR - Fotograf Andreas Papke  zeigt Schritt für Schritt, wie es geht: von RAW-Entwicklung bis Kantenkontrast.

Die 16-Bit-Entwicklung

Die sechs Ausgangsbilder sind im Raw-Format fotografiert, die Belichtungsdifferenz beträgt zwei Blenden. Die Raw-Entwicklung erfolgt in Lightroom zum TIFF in 16-Bit-Qualität, um genügend Tonwertreserven für die weitere Bearbeitung zu haben. Die in Lightroom vorgenommene satte Schärfung ist mir wichtig, um bereits in den Vorlagen des HDR-Bildes einen leicht malerischen Effekt in der Detailzeichnung zu erhalten.

Foto: Andreas Papke

Einen ähnlichen Schärfungseffekt erzeugt auch der Raw-Developer Silkypix. Kontrast-, Tiefenund Lichterfunktionen werden nicht genutzt. Die grobe Richtung der Farbstimmung regele ich frei nach meiner erinnerten Wahrnehmung.

HDR-Tonemapping

Die Zusammenführung der Vorlagen in ein HDR erfolgt in Photomatix. Hier werden im Anschluss zwei unterschiedliche Tonemapping-Varianten ausgegeben: Die erste Version fällt möglichst hell, aber nicht überbelichtet aus.

Foto: Andreas Papke

Die Tiefen des Bildes müssen "offen" sein und eine gute Detailzeichnung aufweisen. Das Ergebnis wirkt weich und kontrastarm, bietet aber die ideale Grundlage für den manuellen Aufbau der Tiefenkontraste mit Photoshop. Zudem werden Details mit den Einstellungen "hoher Mikrokontrast" und "geringe Glättung" herausgearbeitet. In der ersten Variante verlieren meist die Lichter ihre Zeichnung, die dann in der zweiten Version gesichert werden.

Lichtdetails ausarbeiten

Die beiden Tonemappings landen im nächsten Schritt in Photoshop als zwei Ebenen in einer Datei. Das erste, hellere Bild bildet die Basis und die zweite Variante wird mittels einer zunächst schwarzen Ebenenmaske mit dem Pinsel und weißer Farbe in die zeichnungslosen Lichter eingemalt. Ist der Tonemapping-Effekt zu extrem geraten, nehme ich ihn mit einer mittleren Belichtung aus der Vorlagenreihe und entsprechend regulierter Deckkraft zurück.

Foto: Andreas Papke

Nun erfolgt noch die Beseitigung chromatischer Aberrationen, die beim Einsatz von Photomatix mitunter verstärkt werden. Das Ergebnis ist ein technisch einwandfreies und durchzeichnetes Bild.

Kontraste aufbauen

Bildkontraste können auf verschiedene Art erhöht beziehungsweise aufgebaut werden. Gradationskurven oder Tonwertkorrektur über die Menübefehle wären möglich. Ich bevorzuge aber eine entsättigte Bildkopie oder einen kontrastreichen Blaukanal, der als Ebene eingefügt im Verrechnungsmodus "Weiches Licht" die grobe Kontraststimmung vorgibt.

Foto: Andreas Papke

Die Stärke wird über die Deckkraft reguliert, zu heftige Kontraste oder Bereiche mit verlorener Zeichnung mildere ich mit einer Ebenenmaske und grauer Malfarbe ab. Eine ähnliche Wirkung erzielt man auch mit dem Schärfungsfilter "Unscharf maskieren" bei geringer Stärke und hohem Radius.

Kantenkontraste

Eine Verbesserung der Kantenkontraste erreicht man mithilfe einer aus dem Bild generierten Strichzeichnung. Ich fertige zwei entsättigte Ebenenkopien des Gesamtbildes. Die oberste Ebene invertiere ich und setze sie auf den Modus "Farbig abwedeln". Aus der weißen Fläche werden dann die Konturen mit dem "Gaußschen Weichzeichner" herausgearbeitet.

Foto: Andreas Papke

Beide Ebenen fasse ich nun als Kantenkontrast-Ebene zusammen. Diese lässt im Modus "Multiplizieren" die Details von Strukturen, wie zum Beispiel hier die der Decke, plastischer erscheinen. Der Filter "Tonal Contrast" des Plug-ins Nik Color Efex arbeitet bei Bedarf weitere Detailkontraste heraus.

Lichtstimmung

Für jeden Schritt wird nun eine Ebenenkopie des Gesamtbildes benötigt. Mit Ebenenmasken wende ich Änderungen selektiv an oder mildere sie ab. Zuerst betone ich die Stimmung mit einer stark weichgezeichneten Ebene im Modus "Weiches Licht" und die Tiefen durch eine Kopie im Modus "Multiplizieren".

Foto: Andreas Papke

Diese reduziere ich zuvor im Kontrast, damit die Abdunklung nicht zu stark ausfällt. Gleiches geschieht mit den Lichtern im Modus "Negativ multiplizieren". Vignetten und Schatten male ich dann mit Schwarz in eine neue, leere Ebene und in eine weitere die Lichteffekte mit Weiß. Den Modus setze ich nach Bedarf entweder auf "Weiches Licht" oder "Normal".

Die besten HDR-Fotos der Leser von SPIEGEL ONLINE

Ein Artikel über HDR-Fotografie animierte 2007 die Leser von SPIEGEL ONLINE zu psychedelischen Landschaftsbildern - hier die besten Zusendenungen des Wettbewerbs.

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