HDTV und DVD Chaos in hoher Auflösung

Auch bei der Cebit werden hochauflösende Videobilder wieder zu den am lautesten gepredigten Heilsversprechen gehören. Bei einem genauen Blick offenbart sich aber, dass die Multimediabranche eigentlich selbst noch gar nicht so weit ist - es herrscht ein großes Durcheinander.

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"Die Industrie musste das noch nicht machen, weil es bisher noch nicht notwendig war." - "Das hängt davon ab, ob sich das wirklich durchsetzt." - "Der Markt war noch nicht darauf vorbereitet." Das sind Aussagen, die man von Brancheninsidern bekommt, wenn man Sie auf Details der neuen hochauflösenden Videostandards anspricht. Der Videostandards, die von der Multimediabranche im Moment in evangelikaler Weise angepriesen werden, von den "brillantesten Bildern aller Zeiten" und "bildschönem Detailreichtum" ist da die Rede, und, vor allem: von "Zukunft".

HDTV: Durcheinander und Schildbürgerstreiche
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HDTV: Durcheinander und Schildbürgerstreiche

Wie diese Zukunft aber jetzt genau aussehen soll, darüber scheint noch keine so rechte Einigkeit zu herrschen. Weil jeder gern die eigene Version der Zukunft durchsetzen möchte. Der Streit zwischen den DVD-Konsortien über das Format der Zukunft sorgt zunächst einmal für eine Lähmung des Marktes - welcher Nutzer möchte schon auf der Betamax-Seite dieser Formatrunde stehen, wenn sich das DVD-Äquivalent von VHS denn durchgesetzt hat? Beim Fernsehen sieht es fast noch ärger aus - HD-Programme gibt es in Europa so gut wie nicht, und auch die intensiv angepriesene superscharfe Breitbild-Fußball-WM kann nur sehen, wer Premiere Geld dafür bezahlt (und einen teuren HD-Receiver zum teuren HD-Fernseher hinzukauft).

Richtig hässlich wird es für die prädestinierten "Early Adopter" jeder neuen Technologie - die hochtechnisierten Computernutzer. Weil man in der Branche vor ein paar Monaten offenbar noch nicht ganz so intensiv an die Zukunft gedacht hat, wie man das inzwischen tut. Das resultierende Durcheinander ist gewaltig.

Eine entscheidende Rolle spielen in dem Verwirrspiel ums hochaufgelöste Heimkino die Ängste der Hollywoodstudios. Denn die möchten unbedingt verhindern, dass ihre Inhalte in erstklassiger Qualität geklaut und von Piraten nach Belieben weiterverwendet werden können.

HDTV: Hochauflösendes Abkürzungs-Wirrwarr
HDTV steht für High Definition Television. Nach den Vorstellungen der Hersteller von Unterhaltungselektronik soll es die alten TV-Standards wie PAL (576 sichtbare Zeilen) und NTSC (USA, 480 Zeilen) ablösen und mit höherer Auflösung und stabilerem Bild das Heimkino schöner machen. HDTV-Inhalte können mit 720 Zeilen im Progressive-Scan-Verfahren dargestellt werden (720p), das heißt, jedes Bild wird bei jedem Durchgang komplett neu aufgebaut. Die Alternative heißt 1080i, hat zwar mehr Bildzeilen zu bieten (nämlich 1080), von denen aber pro Durchgang abwechselnd nur jede zweite neu gezeichnet wird (interlaced-Verfahren, daher das 'i').
Full-HD-Filme, wie man sie in Online-Videotheken wie dem iTunes Store ausleihen oder über die integrierten Blu-ray-Laufwerke einiger Notebooks anschauen könnte, haben eine Auflösung von 1920 x 1080 Pixeln. Das Label "HD ready 1080p" besagt, dass das Gerät Vollbilder von 1920 × 1080 Pixeln zeigt.
Das Advanced Access Content System ist ein Kopierschutzsystem, das vor allem auf Wunsch der Filmstudios in Hollywood in alle Laufwerke eingebaut werden soll, die HD-Inhalte abspielen können. Ohne AACS soll man keine hochaufgelösten Filme abspielen können. Kopien sollen nur mit expliziter Erlaubnis des Urhebers gemacht werden können, die man sich zum Beispiel online abholen könnte. Nur so könnte man einen Film dann auch über ein Media Center oder an mobile Geräte streamen. Der Urheber kann aber Kopien auch verbieten oder eine Gebühr verlangen. Um AACS gab es langes Gerangel - denn es gibt noch nicht viele Geräte, die das System überhaupt unterstützen. Eine Interims-Lösung wird den Kopierschutz deshalb nun zunächst zahnlos machen - auch über analoge Ausgänge wird man dann noch HD-Filme ansehen können, obwohl die Studios die Ausgabe lieber gleich auf digitale Ausgänge beschränkt hätten, die mit einem weiteren Schutz namens HDCP versehen sind.
High Bandwidth Digital Content Protection ist eine Art Hardware-Kopierschutz. Auch er soll verhindern, dass hochaufgelöstes Material einfach mitgeschnitten werden kann. HDCP muss im sendenden Gerät, also dem Player oder der Grafikkarte, ebenso eingebaut sein wie im Empfänger, also dem Monitor oder TV-Gerät. Während Fernseher, die das "HD Ready"-Logo tragen, HDCP-fähig sein müssen, sind es viele Monitore und Grafikkarten aber noch nicht. Eine HDMI-Schnittstelle kann immer auch HDCP, eine DVI-Schnittstelle nicht notwendigerweise.
Das High Definition Multimedia Interface soll nach dem Wunsch der Hersteller die generelle Schnittstelle der Zukunft sein, für Musik, Filme und auch die Verbindung zwischen Computer und Monitor. Sie ist standardmäßig mit HDCP ausgestattet - ein Ausgabegerät mit HDMI-Schnittstelle und ein Fernseher mit dem "HD Ready"-Logo sollten gemeinsam also in jedem Fall hochauflösende Filme darstellen können.
Digital Video Interface - die erste digitale Schnittstelle für Video-Inhalte, die aber bereits dabei ist, von HDMI abgelöst zu werden. Manche DVI-Ausgänge sind auch mit HDCP ausgestattet, andere nicht. Besonders bei vielen Grafikkarten fehlt der Hardware-Kopierschutz noch - was zu Problemen bei der Wiedergabe von kopiergeschützten hochauflösenden Filmen führen könnte.

Das Kürzel HDTV ist dabei der Einstieg in eine Wunderwelt der Akronyme. Die größten potentiellen Stolpersteine fürs Konsumentenvergnügen heißen dabei HDCP und AACS. Ersteres ist ein in Geräte fest eingebauter Schutzmechanismus, der verhindern soll, dass ein hochaufgelöstes Videosignal gewissermaßen auf dem Weg vom Player zum Fernseher abgegriffen und mitgeschnitten wird - ähnlich wie der Mechanismus, der auch heute schon verhindern soll, dass man Filme von herkömmlichen DVDs mit dem heimischen Videorecorder mitschneidet.

Ohne HDCP keine hohe Auflösung - oder gar kein Bild?

Filme auf Blu-ray oder HD DVDs sollen per HDCP verschlüsselt sein, wenn es nach den Hollywoodstudios geht. Damit man sie dann ansehen kann, müssen alle beteiligten HDCP können: Laufwerk, Grafikkarte - falls man die Scheibe in einem Rechner abspielen will - und Fernseher beziehungweise Monitor. Ist eines der beteiligten Geräte nicht HDCP-fähig, gibt's auch kein hochaufgelöstes Bild, schlimmstenfalls gar keins.

Was die Fernseher angeht, ist das kein Problem - sofern man ein Gerät kauft, das das "HD Ready"-Logo trägt. Alle Firmen, die dieses Siegel führen, verpflichten sich in der entsprechenden Lizenzvereinbarung, HDCP in ihre Geräte zu integrieren. Bei Monitoren sieht die Sache anders aus: Praktisch kein aktuell auf dem Markt befindlicher PC-Monitor, und sei er noch so groß und teuer, kann HDCP.

Für Grafikkarten gilt das gleiche: Von den aktuellen Topmodellen mit Chips von ATI oder NVIDIA kann so gut wie keines HDCP - wer sich also mit dem Gedanken trägt, im Herbst, wenn es denn welche geben sollte, ein Blu-ray-Laufwerk in den zu Weihnachten gekauften Superrechner einzubauen, der sollte noch mal überlegen. Denn die eingebaute Grafikkarte wird wohl kaum in der Lage sein, die Filme mit 1080 Bildpunkten auch an ein Ausgabegerät weiterzureichen. Und das, obwohl auf den Herstellerseiten stets betont wurde, dass neuere Grafikchips "HDCP unterstützen".

"Unsere Partner haben das nicht gemacht"

Da liegt die Crux: "Unsere Partner haben die Möglichkeit, HDCP-fähige Karten herzustellen", erklärt Jens Neuschäfer von Nvidia. Man selbst liefere nur die Grafikchips, die Kartenhersteller aber müssten dazu zusätzliche Hardware auf ihre Boards bauen, die HDCP-Schlüssel enthält und "unsere Partner haben das zum größten Teil nicht gemacht."

Bei ATI, dem zweiten großen Grafikchip-Hersteller, hört man Ähnliches. Die Hardware-Partner müssten spezielle Bios-Chips mit den entsprechenden Schlüsseln anfordern, erklärt René Fröhleke von ATI - aber das sei noch nicht allzu weit verbreitet. Eine einzige mit ATI-Chips bestückte Karte, die eine der neuen volldigitalen Schnittstellen für Video- und Audiosignale hat (HDMI, siehe Kasten), kann auch HDCP - sie ist für Wohnzimmer PCs gedacht, die auch als Mediencenter genutzt werden sollen.

Dass der neue, lästige Kopierschutz sich im PC-Bereich noch nicht so richtig durchsetzen will, liegt auch an den Kosten - denn wer HDCP einsetzen will, muss Lizenzgebühren bezahlen. 15.000 Dollar im Jahr, und dann noch Gebühren für jeden Satz "Device Keys", die allerdings mit der Masse immer billiger werden. 1000 Stück kosten 1000 Dollar, 100.000 Stück 5000 Dollar. Eine HDMI-Schnittstelle kostet noch mal Lizenzgebühren.

Einen weiteren Schildbürgerstreich hatten die vereinigten Unterhaltungselektroniker mit dem zweiten Kopierschutz vor: AACS. Der soll verhindern, dass direkte Kopien von den Bits und Bytes auf einer Blu-ray oder HD DVD gemacht werden können, analog einem herkömmlichen Kopierschutz. AACS kann allerdings vorübergehend und für eine bestimmte Anzahl von Kopien außer Kraft gesetzt werden, mit dem per Internet erteilten Einverständnis des Rechteinhabers - und meist vermutlich gegen eine Gebühr. Geräte von Moglern sollte AACS sogar unbrauchbar machen können, weil es den Geräteschlüssel verändern kann. Und er sollte verhindern, dass man die HD-Signale an analoge Geräte schicken kann - ein Blu-ray- oder HD-Player hätte also keine Bilder an einen herkömmlichen Fernseher geliefert.

Zuerst Streit, jetzt ein Kompromiss - und viel Verwirrung

Um diesen Kopierschutz gab es in den vergangenen Monaten eine Menge Streit, die verschiedenen hoffnungsvollen Hersteller des neuen hochaufgelösten Hochgefühls konnten sich nicht einigen. Nun gibt es eine abgespeckte Interimslösung, die bis 2010 oder 2013 gelten soll. AACS 0.91 soll zumindest zunächst dafür sorgen, dass man HD-Filme auch über einen analogen Ausgang wird ausgeben können.

Das würde heißen, dass auch HDCP umgangen werden könnte - die Rechteinhaber sollen dem Vernehmen nach dann aber die Möglichkeit haben, die ausgegebene Auflösung zu begrenzen. Man könnte also einen Film vom PC aus über das normale Monitorkabel oder beispielsweise einen S-Video-Ausgang an Monitor oder Fernseher weiterleiten - und dort in der guten alten PAL-Auflösung ansehen. Keine allzu starke Motivation, sich für 500 Euro oder mehr ein neues Laufwerk zu kaufen.

Wenn Sie das alles verwirrend finden, seien Sie unbesorgt - den Fachleuten geht es nicht anders. Die Verbraucherzentrale Nordrheinwestfalen schickte kürzlich Testkäufer in 30 Fachgeschäfte für Unterhaltungselektronik, um nach HDTV zu fragen. Über die Hälfte der Verkäufer beantwortete eine von drei Testfragen falsch oder gar nicht. Besonders schlecht informiert war das Fachpersonal beim Thema Aufzeichnen.

Wie der Computer-Informationsdienst berichtet, verschwieg jeder zweite Berater den integrierten Kopierschutz, der Video- und DVD-Aufzeichnungen verhindern kann - übrigens auch von digital ausgestrahlten Fernsehsendungen. 18 der 30 Verkäufer ließen zudem ein äußerst wichtiges Detail weg - dass man die Fußball-WM im öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht in HDTV genießen kann nämlich. Wer das möchte, muss Geld fürs Bezahlfernsehen ausgeben.

insgesamt 173 Beiträge
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Seite 1
M. Michaelis 07.03.2006
1. Trojanisches Pferd...
HDTV dient nur einem Zweck, den Verbrauchern mit einer angeblichen Qualitätssteigerung ein System unterzuschieben das eine durchgängige Inhaltskontolle durch die Anbieter und Rechtinhaber technisch ermöglicht.
TheBlind, 07.03.2006
2.
Hi ! Wer HDTV mal auf grosser Leinwand (bzw. auf einem grossen Bildschirm) gesehen hat, der weiss, das HDTV nicht verkehrt ist. ABER: die Filmindustrie und all dem was dranhaengt (Rechtehaendler, TV Anstalten etc.pp.) sehen darin nur eine Moeglichkeit kraeftig abzukassieren. Desweiteren will die Industrie weg von den alten Verguetungswegen, so hat man mit viel Geld sich ein passendes Urheberrecht gekauft, die neuen HDTV Medien und Abspielgeraeten mit Kapierschutz und DRM ausgestattet, die so weite Eingriffnahme gestatten, das man als Endbenutzer nur noch das Gefuehl hat, dieses zu boykotieren zu muessen. Leider werden gewisse Techniken im Vorfeld etabliert, so hat sich HDMI + HDCP im Stile eines Staatsstreichs durch die Hintertuer eingeschlichen. Auch wird versucht, weiterhin Monopole aufzubauen, so wird erstmal nur Windows Vista in der Lage sein, kommerzielles HDTV auf der EDV abspielen zu koennen. Cu.
Michael Giertz, 07.03.2006
3.
---Zitat von sysop--- Wie viel darf es kosten, in hoher Auflösung fernzusehen? Ruiniert die Industrie mit ihren internen Streitereien ihre eigenen Zukunftschancen? Wollen sie selbst einen High-Definition-Fernseher? Diskutieren Sie mit! ---Zitatende--- Sagen wir mal so: Eine Spezifikation von HDTV ist jene, dass man schonmal ausgestrahlte Spielfilme o.ä. nicht mehr aufzeichnen kann / darf, weil das Signal verschlüsselt ist. Hinzu kommen zusätzliche Kosten für die monatliche Nutzung, ohne dass nennenswerter Mehrwert geboten wird (außer die bessre Auflösung). Außerdem werden die ÖR sich wieder eine Scheibe von Abschneiden wollen und in Zukunft noch mehr GEZ-Gebühr verlangen, damit das Volk eben HDTV-fähige ÖR empfangen kann. HDTV ist, so nett es auch ausschauen mag, definitiv der Anfang vom staatlich verordneten Pay-TV, wenn man die ÖR mal nicht mit zählt. Und dagegen muss man sich wehren. Abgesehen davon lassen sich schöne perverse Schweinereien mit betreiben: Wenn man HDTV hat, darf man u.U. nur noch unter Auflagen bestimmte Sendungen aufzeichen, das ganze ist dann mit irgendeinem DRM-System zeitgesichert. Jeden Monat wird der alte Key ungültig und muss gegen Bares erneuert werden ... aufgezeichnete Sendungen sind damit also Abgabepflichtig. Dank digitalen Verschlüsselungen und der ohnehin vorhandenen Anbindung an das HDTV-Netz kann man ohne Probleme solche Schweinereien durchführen; der Nutzer wird also quasi zur Melkkuh. Das dies KEINE so unwahrscheinliche Option ist, wird klar, wenn man sich ein wenig mit TCPA (Googeln oder was auch immer) beschäftigt hat, das wäre dann die Hardwareunterstützung für DRM. Die ist zwar vorerst NUR für den PC geplant, aber sicherlich dauerts nicht lange, bis in jedem Gerät, welches Medien empfangen und aufzeichnen kann, ein solcher Chip eingebaut ist. Und dann erst geht die richtige Abzocke los.
Rainer Helmbrecht 07.03.2006
4.
Als mein Fernseher vor 6 Jahren den Geist aufgab, habe ich mich zu einem 16/9 Gerät entschlossen. Zukunft pur sozusagen. Leider wird der ganze Mist, den ich mir so anschaue, immer noch in der alten Norm gesendet. Jetzt denke ich mal, dass ich noch mal den Clown spiele, einen extra Beitrag zahle, um mich zum Abzocken bereit zu machen. Da müsste mein Herz ein Affe sein. Lieber male ich mir ein Daumenkino;O). Das könnte auch unter dem Motto laufen: das Kalb sucht nach seinem Metzger
Rainer Helmbrecht 07.03.2006
5.
Betamax habe ich auch noch!
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