Hochauflösende Filme Pornoindustrie entscheidet die Formatschlacht

Die Pornoindustrie sieht sich seit jeher als Wegbereiter technologischer Entwicklungen. Doch auch sie ist vom Video-Formatstreit HD DVD gegen Blu-ray paralysiert. Tür an Tür mit der weltgrößten Messe für Unterhaltungselektronik suchte die Sexbranche nach einem simplen Weg aus dem Format-Patt.

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Für manchen Besucher der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas begann die Messe erst richtig, als sie zu Ende ging. Denn erst dann öffnete sich die Pornomesse AVN Adult Entertainment Expo, die Tür an Tür zur CES stattfindet, auch für normales Laufpublikum, und nicht nur für Fachbesucher. Im Sands Expo Center gab es regelmäßig ein großes Hallo, wenn einer der Pornostars, meist nur in Dessous bekleidet, an den CES-Besuchern vorbei in Halle A stöckelte. So viel nackte Haut nachmittags um zwei sieht man selten im prüden Amerika.

Die mehr als 300 Aussteller treiben durchaus existentielle Fragen um: Warum sind Fetisch-Fans so anders als herkömmliche Kunden? Funktioniert das Geschäft auch auf Handys? Und wie bringt man die Inhalte künftig am besten an den Mann? Via Internetstreaming? Als Download? Oder hochauflösend wahlweise als HD DVD oder Blu-ray-Scheibe?

Die Pornobranche reklamierte bereits vor der Messe so eine Art Richtlinienkompetenz in Sachen High Definition für sich. Schließlich habe man bisher doch immer der letztlich erfolgreichen Technik den Weg geebnet, hieß es im Messekatalog unter Verweis auf VHS. Das Videokassettenformat setzte sich gegen das technisch bessere System Betamax durch - nicht zuletzt weil die Pornoindustrie sich für VHS entschieden hatte.

Will Sony keine Pornos?

Eine ähnliche Trendsetterrolle erwarten Beobachter im unversöhnlichen Streit um die Nachfolge der Video-DVD. Noch vor einem Jahr sah Blu-ray wie der Gewinner aus. Doch nun scheint sich das Blatt Richtung HD DVD zu wenden, nachdem sich mit Digital Playground eines der großen Porno-Studios dazu bekannt hat - nach Informationen von heise online, weil Blu-ray-Unterstützer Sony Hardcore-Filme ablehnt. Ursprünglich wollte Digital Playground seine Filme auf Blu-ray-Scheiben verkaufen.

Doch eine Entscheidung ist das noch nicht: Vivid Entertainment, eine andere Branchengröße, will Ende März, Anfang April den ersten Streifen auf Blu-ray herausbringen, berichtet die Webseite tvpredictions.com. Später könne der Film auch als HD DVD erscheinen.

Immerhin: Die Zukunft des Fernsehens ist hochauflösend - daran zweifelte auf der Pornomesse kaum jemand. Bereits jetzt hat sich High Definition (HD) in der Produktion durchgesetzt: "Alle großen Studios drehen in HD", sagt Susan Keil, CEO des Downloadanbieters Entice TV. Viele zögerten aber noch, sich für eines der beiden Disk-Formate zu entscheiden. "Sie haben die Filme in HD auf ihren Festplatten liegen und warten ab, wie der Streit ausgeht." Bei Produktionskosten pro Scheibe von 50.000 Dollar lohne es sich nicht, auf ein Format zu setzen.

"Der Verkauf physikalischer Datenträger wird ohnehin verschwinden", glaubt Keil und ist damit nicht allein. "IPTV und Downloads - das ist meiner Meinung nach die Lösung für den Formatstreit", ergänzt sie. Die Managerin setzt bei Entice TV genau darauf und hat nach eigenen Angaben die umfangreichste Porno-HD-Bibliothek im Netz.

Alternative IPTV

Ähnliches über IPTV bekam man auf der CES in Las Vegas auch von Microsoft-Managern zu hören - allerdings nur hinter vorgehaltener Hand. Der Softwareriese bekennt sich offiziell zu HD DVD und bietet für die Xbox 360 ein externes Laufwerk zum Nachrüsten an. Sony hingegen stattet all seine Playstation-3-Konsolen ab Werk mit Blu-ray aus. HD DVD oder Blu-ray - da sei man ganz undogmatisch, erklärte ein Microsoft-Manager, die Zukunft liege ohnehin bei IPTV. Zufall oder nicht: Auf der CES gab Microsoft bekannt, dass die Xbox 360 bald um eine IPTV-Funktion erweitert wird.

Auch Apple setzt bei seiner Fernsehbox iTV ganz auf IPTV. In der Pornobranche kommen diese herstellerspezifischen Lösungen jedoch schlecht an. Man befürchtet, schlicht ausgeschlossen zu werden. Hardcore-Filme auf Apple TV? Das kann sich kaum jemand vorstellen. Entice-TV-Chefin Keil fordert deshalb einen offenen Standard für IPTV-Boxen, die den Videostrom aus dem Internet empfangen und an den Fernseher ausgeben. Derzeit müssen sich ihre Kunden eine Windows-Software auf ihrem PC installieren - abgespielt werden die heruntergeladenen Filme passwortgeschützt vom Windows Media Player.

Derartige Sorgen kennt Richard Cohen nicht. Er leitet Hotmovies.com, ein webbasiertes Streamingangebot, das 60.000 Clips in Auflösungen leicht unterhalb des Fernsehstandards im Angebot hat. "Die Qualität bei HD ist zweifellos besser, aber das ist unseren Kunden egal", sagt Cohen. Die erbarmungslose Auflösung von HD-Videos stellt Fernsehschauspieler und Make-Up-Experten in den USA schon jetzt vor völlig neue Probleme - jeder Pickel, jede vergrößerte Pore ist am Bildschirm klar zu erkennen. Bei Pornographischem dürften diese Schwierigkeiten eher noch stärker ins Gewicht fallen.

Die Leute bevorzugten Videostreaming zu einem Festpreis pro Minute, sagt Cohen. "Die wollen einem Film nicht besitzen und auch nicht auf ihrer Festplatte haben. Wir haben zum Beispiel auch Downloads für den iPod, aber die verkaufen sich schlecht."

Hoffnung auf XXS und XXL

Was Long Tail bedeutet, also der Übergang vom Geschäft mit wenigen Blockbustern zum Verkauf Tausender Einzelprodukte in kleiner Stückzahl, kann Cohen auf seiner Webseite beobachten: "Von den verfügbaren 60.000 Titeln werden 38.000 jeden Tag abgerufen." Ebenfalls angebotene DVDs wolle hingegen kaum jemand haben.

Cohen zweifelt sogar am Erfolg von HD: "Ich glaube nicht, dass es das ganz große Geschäft werden wird." Es werde sich verkaufen, aber es werde die Branche nicht umkrempeln. "HD oder nicht - davon geht die Welt nicht unter."

Seine Kollegin Keil von Entice TV widerspricht da energisch und kalauert in typischer Pornomanier: "Natürlich kommt es auf die Größe an." Das ist jedoch womöglich nur die halbe Wahrheit, denn andere wittern das große Geschäft im XXS-Format. Steve Hirsch, Chef des großen Porno-Studios Vivid, glaubt beispielsweise, dass sich parallel das Geschäft für Mobiltelefone rasant entwickeln wird, die bekanntlich nur kleine Displays haben. Hirsch prophezeit, dass mobile Pornos eventuell 30 Prozent des Gesamtumsatzes seiner Firma beitragen werden. "Das wird explodieren. Die Leute wollen Pornos in ihrer Tasche haben."



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