Hochauflösendes Fernsehen Mit HDTV zurück in die Fernseh-Steinzeit

Auf der Cebit schwärmt eine ganze Branche vom hochauflösenden Fernsehen. Wer jedoch die extra scharfen Bilder von Premiere HD genießen will, muss auf die Segnungen moderner Digitaltechnik verzichten: Einen HD-tauglichen Festplattenrekorder gibt es nicht.

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Die Nachricht klang viel versprechend: Wenige Tage vor Beginn der Cebit kündigte Technisat den ersten Festplattenrekorder für den deutschen Markt an, der auch hochauflösendes Fernsehen aufzeichnen kann. Der Digicorder HD S2 könne sowohl Satellitenprogramme in Standardauflösung als auch in High Definition (HD) mitschneiden.

Viele Kunden von Premiere HD, dem Pay-TV-Sender, der rund um die Uhr Kinofilme in einer Auflösung von 1920 mal 1080 Punkten ausstrahlt, dürften einen solchen Rekorder schon länger herbeigesehnt haben. Denn sie müssen sich wie zu den Anfängen des Fernsehens genau dann vor ihre Glotze setzen, wenn der Film beginnt: also Punkt 20.15 Uhr oder 22.00 Uhr.

Einen HD-Receiver mit Festplatte bietet Premiere nicht an. Und wegen der zwangsweisen Verschlüsselung des Signals zwischen HD-Receiver und Beamer oder Flachbildschirm haben selbst Bastler keine Möglichkeit, einen Film mit Lösungen der Marke Eigenbau aufzunehmen. Genau das wollen die Hollywood-Studios ja mit der HDCP-Verschlüsselung (siehe Kasten) auch verhindern. Zumindest der aus ihrer Sicht besonders wertvolle HD-Content soll nicht frei kopierbar sein oder gar in Tauschbörsen auftauchen.

HDTV: Hochauflösendes Abkürzungs-Wirrwarr
HDTV steht für High Definition Television. Nach den Vorstellungen der Hersteller von Unterhaltungselektronik soll es die alten TV-Standards wie PAL (576 sichtbare Zeilen) und NTSC (USA, 480 Zeilen) ablösen und mit höherer Auflösung und stabilerem Bild das Heimkino schöner machen. HDTV-Inhalte können mit 720 Zeilen im Progressive-Scan-Verfahren dargestellt werden (720p), das heißt, jedes Bild wird bei jedem Durchgang komplett neu aufgebaut. Die Alternative heißt 1080i, hat zwar mehr Bildzeilen zu bieten (nämlich 1080), von denen aber pro Durchgang abwechselnd nur jede zweite neu gezeichnet wird (interlaced-Verfahren, daher das 'i').
Full-HD-Filme, wie man sie in Online-Videotheken wie dem iTunes Store ausleihen oder über die integrierten Blu-ray-Laufwerke einiger Notebooks anschauen könnte, haben eine Auflösung von 1920 x 1080 Pixeln. Das Label "HD ready 1080p" besagt, dass das Gerät Vollbilder von 1920 × 1080 Pixeln zeigt.
Das Advanced Access Content System ist ein Kopierschutzsystem, das vor allem auf Wunsch der Filmstudios in Hollywood in alle Laufwerke eingebaut werden soll, die HD-Inhalte abspielen können. Ohne AACS soll man keine hochaufgelösten Filme abspielen können. Kopien sollen nur mit expliziter Erlaubnis des Urhebers gemacht werden können, die man sich zum Beispiel online abholen könnte. Nur so könnte man einen Film dann auch über ein Media Center oder an mobile Geräte streamen. Der Urheber kann aber Kopien auch verbieten oder eine Gebühr verlangen. Um AACS gab es langes Gerangel - denn es gibt noch nicht viele Geräte, die das System überhaupt unterstützen. Eine Interims-Lösung wird den Kopierschutz deshalb nun zunächst zahnlos machen - auch über analoge Ausgänge wird man dann noch HD-Filme ansehen können, obwohl die Studios die Ausgabe lieber gleich auf digitale Ausgänge beschränkt hätten, die mit einem weiteren Schutz namens HDCP versehen sind.
High Bandwidth Digital Content Protection ist eine Art Hardware-Kopierschutz. Auch er soll verhindern, dass hochaufgelöstes Material einfach mitgeschnitten werden kann. HDCP muss im sendenden Gerät, also dem Player oder der Grafikkarte, ebenso eingebaut sein wie im Empfänger, also dem Monitor oder TV-Gerät. Während Fernseher, die das "HD Ready"-Logo tragen, HDCP-fähig sein müssen, sind es viele Monitore und Grafikkarten aber noch nicht. Eine HDMI-Schnittstelle kann immer auch HDCP, eine DVI-Schnittstelle nicht notwendigerweise.
Das High Definition Multimedia Interface soll nach dem Wunsch der Hersteller die generelle Schnittstelle der Zukunft sein, für Musik, Filme und auch die Verbindung zwischen Computer und Monitor. Sie ist standardmäßig mit HDCP ausgestattet - ein Ausgabegerät mit HDMI-Schnittstelle und ein Fernseher mit dem "HD Ready"-Logo sollten gemeinsam also in jedem Fall hochauflösende Filme darstellen können.
Digital Video Interface - die erste digitale Schnittstelle für Video-Inhalte, die aber bereits dabei ist, von HDMI abgelöst zu werden. Manche DVI-Ausgänge sind auch mit HDCP ausgestattet, andere nicht. Besonders bei vielen Grafikkarten fehlt der Hardware-Kopierschutz noch - was zu Problemen bei der Wiedergabe von kopiergeschützten hochauflösenden Filmen führen könnte.
Wer aber glaubt, dass Technisats neuer HD-Recorder Premiere-Abonnenten endlich Funktionen wie Time Shift oder Mitschneiden erlaubt, liegt falsch. Technisat wird für den Digicorder HD S2 kaum eine Premiere-Zertifizierung bekommen, denn der Festplattenreceiver hat genau zwei Buchsen zu viel: eine fürs Netzwerk (Ethernet) und eine für USB.

Wohl dem, der in Japan lebt

Darüber sollen Kunden auf Filme, die auf der Festplatte liegen, auch von einem PC aus zugreifen können, erklärt Markus Häp, Produktmanager bei Technisat im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Das ist praktisch - unter anderem kann man so Aufnahmen des Satellitenrekorders auf einen Computer kopieren und auf DVD brennen.

Ein Alptraum für die großen Filmstudios, und damit auch für Premiere. Der Pay-TV-Anbieter wird den Digicorder HD S2 nicht zertifizieren und damit für den eigenen HD-Kanal freigeben. So kann das Gerät nur frei über Satellit ausgestrahlte HD-Sender aufnehmen, also die HD-Ableger von ProSieben und Sat.1 sowie Anixe HD. Wie lange diese Sender aber noch unverschlüsselt senden, ist unklar.

HD-Zuschauer in Japan haben es da wesentlich besser. "Dort gibt es 7 oder 8 frei empfangbare HDTV-Sender", sagt Frank Eschholz, Produktmanager bei Toshiba im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Toshiba bietet in Japan einen HD-tauglichen Festplattenrekorder an, der sogar über einen HD-DVD-Brenner verfügt. "Wir glauben, das die Zuschauer genau das wollen: Aufzeichnen und Archivieren", meint Eschholz. In Europa wird Toshiba das Gerät jedoch nicht auf den Markt bringen. "Es wird hier kaum einen HD-DVD-Rekorder für HDTV geben."

Die Angst der Studios vor Unfug

Die Skepsis des Toshiba-Manangers ist verständlich: Weil die großen HD-Anbieter wie Premiere ihre Inhalte nur kopiergeschützt ausstrahlen, wäre es unsinnig, einen Rekorder anzubieten, dessen Aufnahmetaste nicht funktioniert. Die Record-Funktion eines Digitalrekorders können Pay-TV-Anbieter bereits heute blockieren - über ein integriertes Digital Rights Management (DRM). Denkbar ist zum Beispiel auch, dass Premiere das Aufnehmen einer einzelnen Sendung verbietet - auch in der Standardauflösung.

Der Abosender sperrt sich übrigens nicht grundsätzlich gegen eine Aufnahmefunktion für HDTV - im Gegenteil: " Wir planen, einen HD-tauglichen Festplattenrekorder anzubieten", sagt Pressesprecher Michael Jachan. Ein konkretes Datum könne er aber nicht nennen.

Fest steht allerdings: Der Rekorder muss eine geschlossene Box sein, er darf keine Ausgänge besitzen. "Bei HD ist den Studios die Gefahr zu groß, dass Unfug getrieben wird", sagt Jachan. Premiere müsse auf jeden Fall den Vorgaben der Rechteinhaber folgen. Er ist jedoch optimistisch, dass es bald einen Festplattenrekorder für HD geben wird: "Wir sprechen regelmäßig mit den Studios. Bisher gibt es keine Anzeichen, dass es mit HD-Aufnahmen grundsätzlich Probleme gibt."

Womöglich ist der riesige Aufwand um den Kopierschutz für HD-Filme auch vergeblich. Wegen Mängeln in einer Abspielsoftware für Blu-ray- und HD-DVD-Scheiben ist es Hackern vor einigen Wochen gelungen, Dutzende Filme in HD-Qualität zu kopieren. Zwar lässt sich die Kopierschutzlücke wieder schließen, aber es ist nicht unwahrscheinlich, dass sich bald eine neue auftut, und das eigentlich ausgeschlossene Kopieren geht weiter. Aus welcher Quelle eine Kopie stammt, ob nun aus einem HDTV-Mitschnitt oder von einer geknackten HD-Scheibe, ist letztlich egal.

Unter den DRM-Fesseln leidet in erster Linie der ehrliche Kunde: Er hat den Ärger, wenn HD-Receiver und Display nicht so recht zusammenarbeiten wollen und statt superscharfer Bilder nur ein Rauschen zu sehen ist - verursacht vom HDCP-Kopierschutz. In der Musikindustrie mehren sich mittlerweile die Stimmen, die eine Abkehr von DRM fordern, darunter auch Apple-Chef Steve Jobs - eine ähnliche Diskussion wird auch bei Filmen beginnen, wenn die Zuschauer realisieren, welch komplizierte Technik die Studios ihnen zumuten wollen.



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