Hollywood im Handy, oder Datenpakete aus Absurdistan?

Mit immer mehr Multimedialität versuchen die Unternehmen, die Kunden für "3G" warm zu halten. Nach der MMS sollen nun bewegte Bilder schon im GPRS-Handy Appetit auf UMTS machen. Mobile Streaming heißt die Schlüsseltechnologie, die Chancen eröffnet - und ohne die nichts geht.

Von Mario Gongolsky


Mobile Videos: "3G"-Handys haben nur dann eine Chance am Markt...

Mobile Videos: "3G"-Handys haben nur dann eine Chance am Markt...

Nach dem Untergang des Webradios fristet das Streaming, also die Liveaussendung von Audio- und Videoinhalten über die IP-Netze, ein wenig beachtetes Nischendasein als Verkaufshelfer im Web oder entfaltet - öffentlich unbemerkt - geschäftliche Potenziale im Bereich der Telefonie- und des Videoconferencing. Die Zeiten, da man sich über ruckelnde Musikvideos bei Realcom freuen konnte, nur, weil diese einmal auf einem anderen Bildschirm zu sehen waren, sind vorbei. Videostreaming, das haben mittlerweile alle begriffen, taugt allenfalls über echte Breitbandkabel zum Entertainment - sonst kommt nur Daumenkino dabei heraus.

In Theorie...

So verwundert es kaum, dass die Fortschritte bei der Videokodierung und -Kompression nur in ausgesprochenen Fachkreisen mit Beifall bedacht wurde. Nach MPEG-2 wurde nun MPEG-4 für die Audio- und Videoübertragung zum Leben erweckt.

MPEG-4 soll für die Übertragung bewegter Bilder ein ebenso erfolgreicher Standard werden, wie MP3 für Tonkonserven. MPEG-4 überträgt separierte Objekte, deren Bewegungen je nach Geschwindigkeit in vielen oder wenigen Einzelbildern (Frames) geliefert werden. Eine enorme Ersparnis bei den notwendigerweise zu übertragenden Daten ist die Folge.

Damit ist das MPEG-4-Format für die schnellen Mobilfunknetze interessant. Auf dem sonnigen Forschungscampus der Sophia-Antipolis bei Nizza hat sich eine Organisation unter der Bezeichnung 3GPP (3rd Generation Project Partnership) das Ziel gesetzt, Standards für den Mobilfunk zu definieren. Nahezu alle "Mobilstreamer" verweisen deshalb auf MPEG-4-Kompatibilität nach 3GPP.

Auf Bewegtbilder - Kern der zahlreichen UMTS-Verheißungen - wird man nicht mehr lange warten müssen: Einige Unternehmen stehen schon in den Startlöchern. Mit hochkomprimierten Bildern hoffen die Firmen, Hunger auf die Telefone der dritten Generation zu machen.

...wenn sie die von den Telekommunikationsfirmen geschürten Erwartungen erfüllen

...wenn sie die von den Telekommunikationsfirmen geschürten Erwartungen erfüllen

...und Praxis

Als erster erfolgreicher Anbieter des mobilen Internets bemüht sich der i-Mode-Erfinder NTT DoCoMo besonders intensiv um das mobile Streaming. Zum Beispiel in Zusammenarbeit mit Hewlett-Packard, mit denen man eine Erweiterung der Multimedia-Integrationssprache SMIL vorantreibt. Kleine SMIL-Dateien sollen die Verbindung steuern und dynamisch an die Übertragungsbegebenheiten anpassen können.

Packet Video

In der Zwischenzeit vertraut NTT auf seine Partnerschaft mit der kalifornischen Firma "Packet-Video". Die verfügen nämlich bereits über ein komplettes Streaming-System für den Mobilfunk, funktionstüchtig bei wechselnden Bandbreiten und mit schmaler Handy-Player-Software (Thin-Client), um die Rechnerressourcen im mobilen Endgerät zu schonen.

Seit Ende Juni 2002 läuft für i-Mode in Japan ein eigenes Streaming-Portal unter der Bezeichnung V-Live im Pilotbetrieb. In Europa ist es die französische Bouygues Telecom, die nicht nur i-Mode in Frankreich anbieten will, sondern sich auch gleich die Lizenzen für das Packet-Video-Streaming gesichert hat. Packet-Video hat gut lachen, zu ihren Investoren gehören unter anderem AOL Time Warner, Intel, Infineon und Texas-Instruments.

Real One

Real Networks hat sein vielgelobtes Real-One-System als mobile Streaming-Lösung in Stellung gebracht. Producer, Encoder und Server nennen sich Helix, der Player hört auf den Namen Real-One Mobile und steht für die Betriebssysteme Symbian und Pocket-PC zur Verfügung. Server und Produktionstools versprechen die Distribution mobiler Medieninhalte, selbst bei GPRS-Geschwindigkeit. Trotz des eigenen Kompressionssystems ist Real MPEG-4-kompatibel.

MS Mediaplayer

Microsoft hat die Bedeutung der mobilen Anwendungen bereits im Februar auf dem 3GSM-Kogress in Cannes geradezu zelebriert: Mira, Stinger und Pocket-PC-Erweiterungensind hier die entsprechenden Stichworte. Allerdings macht die Microsoft-Strategie, sich nur an Standards wie MPEG-4 und an der Konkurrenz wie Apple Quicktime 6 zu orientieren, um aus Erfolgszutaten einen eigenen Zaubertrank zu mischen, den Softwareriesen zum Einzelkämpfer. Der mobile Mediaplayer 7.1 ist die derzeit angesagte Clientlösung für mobile Endgeräte mit Pocket-PC-Betriebssystem. Mit Windows-Media 9 versucht Microsoft erst einmal seinen Rückstand zu Real und Apple aufzuholen.

Oplayo

Neben den MPEG-4-kompatiblen Lösungen macht die kleine finnische Softwarefirma Oplayo auf sich aufmerksam. Viel schneller als MPEG-4 heißt es dort und der Player kommt als 20-Kilobyte kleines Java-Applet ins mobile Betrachtungsgerät. Die Finnen behaupten sogar, sie bräuchten für eine Videoübertragung nicht mehr Bandbreite als 14 kb pro Sekunde. Das wäre ein Wert, den GPRS-Netze problemlos zu Wege bringen. Beim Probebesuch auf der Webseite bleibt Oplayo aber einen Beweis der 14-kb-Behauptung schuldig. Die Musikvideo-Demo hakte selbst mit ISDN-Geschwindigkeit und auch die Videoerläuterungen des Systems klangen nicht eben vielversprechend.

Fazit:

Das bewegte Bild im GPRS-Netz, also doch nur eine absurde Idee?

Video wird getrommelt, an UMTS wird dabei gedacht und Rich-Media geboten: Das können animierte Bildschirmpräsentationen mit Ton sein; Echtzeitdaten wie Aktienkurse, Telemetriewerte und andere datensparsame Anwendungen. Viel Getöse für ein bischen Pixelbewegung.

Das weiß man in Deutschland auch bei E-Plus und hat für das deutsche i-Mode auch noch keinen Starttermin für ein Streaming-Portal ins Auge gefasst.



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