Icebox Auf Eis gelegt

Vierzehn Monate lang blickte die Branche hoffnungsvoll auf Icebox.com, eine populäre Kurzfilmseite, die Standards setzte. Pleite ging sie trotzdem. Ab Freitag sind die "Iceboxer" arbeitslos.


Icebox: Groß angelegter "Testmarkt für TV-Inhalte", dem es zuletzt an Größe mangelte

Icebox: Groß angelegter "Testmarkt für TV-Inhalte", dem es zuletzt an Größe mangelte

Die Zeiten im E-Business sind so rau wie die Sitten. Am Mittwochnachmittag erfuhren die Angestellten von Icebox, dass sie sich bald in den illustren Kreis der Pink-Slip-Partygäste einreihen dürfen: Schon am Freitag sind sie arbeitslos.

Noch vor wenigen Wochen hatte alles ganz gut ausgesehen. Zwar krankte Icebox, unter amerikanischen Studenten beliebt wegen seiner innovativen, witzigen digitalen Cartoons, am Syndrom so vieler Websites, die zwar eine tolle Idee vorzuweisen haben - aber kein wirklich plausibles Refinanzierungskonzept. Doch schien Icebox tatsächlich eine Zukunft zu haben: Nicht nur dass TV-Größen für die prestigeträchtige Website angeblich kostenlos produzierten, auch das Interesse der TV-Industrie schien geweckt. So gelang es Icebox im November letzten Jahres erstmals, ein online entstandenes Show-Konzept an einen Fernsehsender zu verkaufen. Wenig später gelang ein zweiter Deal.

Das bedeutete Umsatz, jedoch offensichtlich nicht genug. In nur vierzehn Monaten "verbrannte" Icebox fünfzehn Millionen Dollar - und ging Pleite.

Noch vor Jahresfrist hätte Icebox möglicherweise willige Investoren gefunden, die eine solche Finanzierungslücke gestopft hätten. Doch das Klima auf dem Risikokapitalmarkt hat sich gründlich verändert, alle Rettungsversuche blieben erfolglos.

Icebox-Gründer Steve Stanford: "Ich glaube, es gibt eine regelrechte Angst vor Internet-Geschäftsmodellen, die auf der Vermarktung von Inhalten beruhen."

Das Geschäftsmodell: Testmarkt für TV-Inhalte

Auch wenn diese nicht im Internet selbst, sondern per TV vermarktet werden sollten. Icebox sah sich selbst als eine Art Testmarkt für TV-Inhalte, die dann an Fernsehsender verkauft werden sollten. Zahlreiche TV-Größen ließen sich auf die Idee ein, darunter die Produzenten der "Simpsons".

Deftig: Bei Icebox probierten Produzenten Konzepte, die im Fernsehen so nicht testbar gewesen wären

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Doch trotz erster Abverkäufe war der Niedergang von Icebox nicht zu stoppen. Bereits Ende letzten Jahres entließ das kleine Unternehmen mehr als die Hälfte seiner Angestellten. Zuletzt waren noch 27 in Lohn und Brot, denen es nicht gelang, so viele und so gute Inhalte zu schaffen, wie dies die Surfer bis Ende letzten Jahres gewohnt waren. Die Besucherzahlen von Icebox begannen zu fallen.

Als Stanford Anfang dieses Jahres bei seinen Kapitalgebern vorfühlte, wie viel ihnen Icebox noch wert sein würde, da bot man ihm gerade noch vier Millionen Dollar - gebraucht hätte er zehn, um den Betrieb aufrechtzuerhalten.

Stanford: "Wir hätten ein wenig Geld zusammenbekommen, aber ich hielt es nicht für angebracht, die Firma mit geliehenem Geld noch drei oder vier Monate am Leben zu erhalten, nur um dann wieder hinausgehen zu müssen, um neue Kredite zu gewinnen."

Stattdessen zog er die Konsequenz und legte Icebox auf Eis. An sein eigenes Geschäftsmodell konnte er unter den derzeitigen Umständen am Ende selbst nicht mehr glauben.



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