Industrie gegen BitTorrent Punkt- oder Pyrrhussieg?

Die Klagewelle der Musikindustrie fegte viele der führenden BitTorrent-Webseiten regelrecht aus dem Web. Während einige sich noch wehren, arbeiten andere längst daran, die populären Torrent-Dateien auf anderen Wegen zu verteilen.

"Die Katze", sagt BitTorrent-Entwickler Bram Cohen in einem viel beachteten Interview mit dem amerikanischen Geek-Magazin "Wired", "ist aus dem Sack. Die Inhalteanbieter haben keine Ahnung, womit sie es hier zu tun bekommen. Ich meine, wirklich keine Ahnung."

Vielleicht hat er recht, vielleicht aber auch nicht. Die erste Welle von Klagen gegen Betreiber von BitTorrent-Webseiten erfolgte im Dezember sehr gezielt, fegte die populärsten Seiten regelrecht aus dem Web. Weil BitTorrent aber kein "Netzwerk" im Sinne des Wortes ist, sondern nur als solches funktioniert, so lange Web-Verzeichnisse und so genannte Tracker-Seiten die angeschlossenen Torrent-Nutzer miteinander verschalten, verloren zahllose Nutzer die Verbindung zu ihrer schnellsten und ergiebigsten Datenquelle.

Im direkten Vergleich zur in der Öffentlichkeit bekannteren, faktisch aber seit langem mehr oder minder toten P2P-Börse KaZaA stellt sich BitTorrent wie ein ICE dar, der gegen ein Kinderfahrrad antritt. Dauert der Download eines einzigen, heute zudem meist beschädigten Liedes bei KaZaA mitunter Stunden, braucht der Download eines ganzen Albums bei BitTorrent dagegen meist nur Minuten - zudem hat BitTorrent bisher kaum unter Viren oder Datenmüll zu leiden. Aus Sicht der Nutzer ist das Verschwinden wichtiger Torrentquellen also ein Verlust, aus Sicht der Industrie die Erlösung von einer gefährlichen Bedrohung.

Oder zumindest der Anfang davon: Da BitTorrent keinen Betreiber hat, gibt es auch keine Schlüsselfigur, die man per Klage zur Aufgabe zwingen könnte. Ein BitTorrent-Netzwerk entsteht dann, wenn Nutzer mit ihrer Software auf Dateien zugreifen, die beispielsweise über eine Webseite verteilt werden. Dazu braucht es noch einen als "Tracker" bezeichneten Server, der für die Vernetzung der User miteinander sorgt. Solche Torrent-Dateiverzeichnisse und Trackerseiten aber kann jeder eröffnen. BitTorrent wird so zum "Netz der vielen Netze".

Klagewelle: wenn Große fallen, wachsen Kleine

Ende Dezember schaffte es die amerikanische Filmlobby MPAA, mit SuprNova die populärste Torrentseite überhaupt zur Aufgabe zu klagen. An der Tatsache, dass mittlerweile gut ein Drittel des Internet-Datenverkehrs durch BitTorrent-Datenflüsse verursacht wird, hat das kaum etwas geändert: Binnen weniger Tage schwollen die Torrentverzeichnisse anderer Seiten deutlich an.

Insbesondere LokiTorrent, bisher allein schon deshalb weniger populär, weil die Seite mit einer Nutzerregistrierung arbeitet, darf sich über prächtige PR freuen: Als einer der wenigen von der MPAA abgemahnten Webseitenbetreiber verweigert er die Abschaltung. Offen wirbt er stattdessen um Spenden.

Andere Betreiber von Torrent-Seiten haben sich längst in sichere Datenhäfen zurückgezogen. Wegen seiner prächtigen IT-Infrastruktur ist derzeit Kanada besonders beliebt. Dort haben einige Gerichtsurteile in den letzten zwei Jahren dafür gesorgt, dass sich P2P-Betreiber relativ sicher fühlen dürfen.

Für die MPAA beginnen die Probleme schon, wenn sie auch nur versucht, die Namen der Betreiber herauszufinden. Also mahnt sie auch die Access-Provider ab, in Kanada allerdings ohne Aussichten auf Erfolg. Dass es gerade dort mitunter die Accessprovider selbst sind, die hinter den P2P-Angeboten stecken, ist ein nur schwer nachzuweisendes "offenes Geheimnis" - und ein running Joke in der "Gemeinde" der Datentauscher.

Viel mehr als ein zwar publikumswirksamer, aber nicht wirklich wirkungsvoller Punktsieg kam also nicht heraus bei der ersten Klagewelle der Industrie. Trotzdem wappnet sich die Tauscherschar bereits für die nächste Runde.

Dateiverteilung: jeder Weg ist möglich

Vordringlichstes Ziel ist dabei, die Schwachstellen von BitTorrent zu beheben. Bram Cohen hatte die Software nicht dazu entwickelt, subversiv Datemmaterial aus ungeklärten Quellen zu verschieben. BitTorrent war als Werkzeug für die Verteilung großer Datenmengen - zum Beispiel Linux-Distributionen - gedacht und wird auch so genutzt.

Zumindest der so genannte Tracker-Server innerhalb eines BitTorrent-Ringes braucht eine feste Adresse im Netzwerk. Während die Verteilung der eigentlichen Torrent-Dateien (die nicht mehr als den "Fingerabdruck" einer Datei enthalten und ihre Bezugsadressen) auch per Newsletter, Chat, Instant-Messenger oder per E-Mail geschehen kann, steht der Tracker sichtbar im Web. Für die MPAA sind die Trackerseiten darum das heißeste Ziel.

Dass es soweit kommen würde, war der Torrent-Community seit längerem klar. Seit mehr als einem Jahr wächst die Zahl der Torrent-Verteilkanäle in Chats, RSS-Feeds und anderen relativ begrenzten Verteilgruppen. Das entzieht zwar die Verzeichnisse der Aufmerksamkeit der Industrie-Fahnder, nimmt aber nicht die Tracker aus der Schusslinie. Sie lassen sich vielleicht auf exotischen Inseln verstecken, bleiben aber doch der große Schwachpunkt der Torrent-Netze - auch das ist ein Problem, an dem die Torrent-Entwickler offenbar seit längerem laborierten.

"Exeem": Torrent trifft P2P-Software

So zauberten die Betreiber von SuprNova bereits am Tag der Seitenschließung die Ankündigung aus dem Hut, binnen weniger Wochen eine angebliche Nachfolgesoftware zu BitTorrent veröffentlichen zu wollen.

"Exeem" soll dann die Vorteile von BitTorrent mit der Anonymität und Dezentralität beispielsweise von Gnutella verbinden: Im Gegensatz zu gängiger Torrent-Software soll sie eine Suchfunktion enthalten und so auf die angreifbaren Torrent-Verteilerseiten verzichten können. Auch die festen Trackerseiten sollen verschwinden: Exeem, behaupten seine Entwickler, solle jeden einzelnen Torrentnutzer zum Tracker machen. Und das alles angeblich unter Beibehaltung von BitTorrents größtem Vorteil: seiner unschlagbaren Geschwindigkeit.

Für die Industrie wäre das ein Horroszenario. Die Verteilung der Software könnte auf jedem denkbaren Weg geschehen, doch ihre Entwickler, eine bisher unbekannte Firma namens "Swarm Systems", will auch im Web Präsenz zeigen. In wenigen Tagen soll ihre Verteilerseite im schönen Inselreich Saint Kitts and Nevis online gehen, was nicht nur wegen der karibischen Sonne Vorteile bietet: Die nur 269 Quadratkilometer kleinen, seit 1983 unabhängigen Inselchen gelten wie das pazifische Vanuatu - der offizielle Sitz von KaZaA - als Steuerparadies und Datenhafen.

Exeem verlöre im Vergleich zu BitTorrent allerdings auch gewisse Vorteile: Das Torrent-Netz ist deshalb so sauber von verseuchten Dateien, weil deren Integrität von den Torrent-Verzeichnissen und Trackern geprüft wird. Exeem dagegen würde in vielerlei Hinsicht wie eine "ganz normale", dezentral organisierte P2P-Software funktionieren. Damit wäre sie von den Datenmüll-Dienstleistern wie Overpeer wahrscheinlich ähnlich leicht zu verschmutzen wie KaZaA.

Und wie immer kommen, wenn ein "Betreiber" eine P2P-Dienstleistung übernimmt, finanzielle Interessen ins Spiel. Schon im Vorfeld wurde klar, dass Exeem wohl werbefinanziert wird. Für viele P2P-Nutzer ist es darum eine ausgemachte Sache, dass Exeem unter Spyware-Verdacht stehen müsse, bis das Gegenteil nachgewiesen ist. Der Betatest der Software läuft, erste Gerüchte sickern durch: demnach funktioniere Exeem bereits zufriedenstellend und ähnlich, wie das viele Nutzer von anderen Börsen kennen - nur schneller.

Das aber ist in einem Betatest mit angeblich 5000 Teilnehmern kein Kunststück. Es bleibt abzuwarten, ob Exeem wie BitTorrent auch schnell und Stau-restistent ist, wenn das Netzwerk von Millionen Usern genutzt wird. Dann allerdings hätte sich die Geschichte des Konfliktes zwischen P2P und Entertainmentindustrie einmal mehr wiederholt: Der Industrie entstehen neue Probleme schneller, als sie alte lösen kann.

Frank Patalong

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