Internet-Statistiken "Da wird aus dem Kaffeesatz gelesen"

Eine britische Studie untersucht die Marktprognosen für den elektronischen Handel. Die Ergebnisse sind ernüchternd für die angebliche Boom-Branche.

Im britischen Leicester ist Paul Foley am besten digital zu erreichen. Das Internet ist für den Direktor des Forschungszentrums für Internationalen Elektronischen Handel an der De Montfort Universität weit praktischer als das Telefon: "Der Professor ist viel unterwegs", sagt eine Mitarbeiterin "schicken Sie ihm am besten eine E-Mail."

Was Foley, Berater der britischen Regierung, allerdings in einem Papier mit dem Titel "Der Nutzen und Missbrauch von Internet-Statistiken" zusammengetragen hat, kommt einem Frontalangriff auf die digitale Welt gleich. Danach stehen die meisten so genannten Business-Pläne neu gegründeter Internetfirmen auf wackligem Boden. "Die widersprüchlichen Statistiken der Internetwirtschaft zeigen", spottet Foley, "dass etwas ganz falsch läuft."

Foleys Internetforscher haben 85 Wirtschaftsstudien zur Ausbreitung und Nutzung von Informationstechnologien ausgewertet. Es sei zwar unbestritten, so Foley, dass es einen "langfristigen Zuwachs" bei den Nutzerzahlen für E-Mails geben werde. Auch die Zahl der Internetsurfer werde zunehmen, das Volumen im elektronischen Handel ebenso - nur wie weit, das ist strittig.

Während bis Ende 1998 weltweit rund 175 Millionen Menschen im World Wide Web unterwegs waren, dürfte sich diese Zahl nach der Studie bis 2002 auf geschätzte 250 Millionen steigern.

Dass die Grundlagen der WWW-Welt aber schwanken wie die Börsenkurse, die ganz wesentlich auch von solchen Zahlen abhängen, belegen andere Prognosen, etwa eine Studie der Dubliner Internet-Marktforschungsunternehmens NUA. Danach soll die Zahl der globalen Nutzer mit heute schon 380 Millionen deutlich höher liegen, davon sollen alleine in Kanada und den USA 161 Millionen leben, in Europa 106 und rund um den Pazifik und in Asien etwa 90 Millionen.

Solche Widersprüche über die Zahlen-Fundamente der Netzgesellschaft kennzeichnen die Branche. "Die Leute schmeißen mit irgendwelchen Zahlen um sich", sagt James Vogtel von der Beratungsfirma Boston Consulting Group.

"Da wird aus dem Kaffeesatz gelesen", urteilt auch Informatikexperte Martin Bichler von der Wirtschaftsuniversität Wien: "Nach unserer Erfahrung schwankt die Stichhaltigkeit von Internet-Statistiken um hundert Prozent."

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Der unbestreitbare digitale Schub in den reichen Ländern ist zudem keinesfalls gleichzusetzen mit einem Wachstum des Handels im Internet, dem E-Commerce. Nur "wenige Untersuchungen", so Wissenschaftler Foley, unterschieden zwischen dem Handelsvolumen zwischen Firma und Konsumenten (Business to Consumer, Kürzel: B2C) oder zwischen Firmen (Business to Business, Kürzel: B2B).

Doch genau darauf kommt es an. Denn "nur rund zehn Prozent" aller Internettransaktionen, so Foley, beträfen den Verkauf oder die Vermittlung eines Produktes an Private. Entsprechend mager sind die Erlöse - wie beispielsweise die hartnäckig roten Zahlen selbst bei Marktführern wie dem Netz-Kaufhaus Amazon.de oder dem Hamburger Auktionshaus Ricardo.de belegen.

Immer wieder veröffentlichen Anlegerdienste so genannten "Todeslisten" von gefährdeten Internetfirmen, die Kurse für viele Start-ups im Konsumbereich gehen weiter in die Knie. SPIEGEL ONLINE informiert in einem "Friedhof der Dot.coms" über das digitalen Sterben. "Die Welle der Close-downs wird sich fortsetzen", sagt ein Bankenexperte.

Nach einer Schätzung der Wirtschaftsprüfungsfirma PricewaterhouseCoopers muss womöglich über ein Drittel der rund 60 börsennotierten Internet-Firmen in Deutschland mangels Kapitals in den nächsten drei Jahren den Stecker ziehen.

Die Enttäuschung der Anleger kommt nicht von ungefähr. Schon länger warnen Experten wie der britische Fachautor und Wirtschaftsberater Phil Mullan, der US-amerikanische Konjunkturzyklen untersuchte: "Um Neuigkeit zu demonstrieren, wird heute an alles ein 'E' angepappt: E-Business, E-Commerce, E-Conomy". Die New Economy werde "groß geredet, um die Stagnation zu verdecken".

Vor allem beim B2B-Handel, so Mullan, jonglierten die Propheten des Internet mit bedenklichen Zahlen. Nach seinen Auswertungen werden inzwischen gerne Transaktionen, die schon lange elektronisch abgewickelt werden, einfach dem schillernden World Wide Web zugeschlagen. "Das ist kein neues Geschäft", so Foleys Forscher, "sondern die Migration von teilweise seit 20 Jahren erfassten Zahlen in das neue Medium Internet."

Bestellte beispielsweise früher eine Autowerkstatt ein Ersatzteil im Werk per Telefax oder Telefonanruf, taucht dieselbe Lieferung heute in vielen Statistiken als neues elektronisches B2B-Geschäft auf - ohne dass tatsächlich eine Mark mehr umgesetzt wird.

Der gleiche Effekt bläht die Umsatzzahlen für den Online-Einzelhandel auf, den die großen Versandhäuser seit Jahrzehnten beherrschen. Die Otto- oder Quelle-Bestellpostkarte wird jetzt einfach elektronisch abgesandt. "Wirklich neue Geschäftsfelder wie Internet-Auktionen", so der Wiener Wirtschaft-Experte Martin Bichler, "sind dagegen rar gesät."

Foleys Studie kommt zu überraschenden Ergebnissen, wie sich das gesamte Internet-Geschäft aufteilt: Von den geschätzten 3,5 Milliarden Dollar im US-amerikanischen Netzhandel entfielen danach 1998 alleine 1,5 Milliarden auf den Computerhändler Dell, der die meisten seiner Produkte online verkauft sowie auf das Netzkaufhaus Amazon.com, den US-Händler Buy.com und Microsofts Online-Reisebüro Expedia.

Bleiben unterm Strich noch zwei Milliarden US-Dollar für die weiteren 400.000 Online-Anbieter von Gütern und Dienstleistungen. Das entspricht einem statistischen Jahresumsatz von gerade mal 5000 Dollar pro Unternehmen. "Diese Firmen werden kämpfen müssen um zu überleben", urteilen die E-Commerce-Forscher aus Leicester.

In den einschlägigen Marktprognosen herrscht dagegen ungebrochener Optimismus. So dominieren private Beratungsfirmen aus den USA wie Forrester, Jupiter, oder Gartner Group, die Vorhersagen der digitalen Wirtschaft - Vorhersagen aus der "statistischen Hölle", so Foley.

"Die meisten Prognosen sind viel zu optimistisch", sagt Michael Ollmann von der Beratungsfirma McKinsey. Zwar hat die OECD schon vergangenes Jahr eine Expertengruppe eingesetzt, die Chancen und Risiken des weltweiten Internet-Handels analysieren soll. Weit gekommen sind die Fachleute allerdings noch nicht. Zu "Ausmaß, Wachstum und die Zusammensetzung des elektronischen Handels", so ein Zwischen-Report, "fehlen verlässliche und international vergleichbare Zahlen".

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