Interview mit Deutschlands Dell-Chef "Die Cebit hat deutlich an Bedeutung verloren"

Kommt der neue IT-Aufschwung, liefert die Cebit die erhofften Impulse? Ja und nein, meint Mathias Schädel, Chef der deutschen Dependance von Dell in Langen. Er glaubt die Boomthemen des kommenden Jahres zu kennen - nur mit der Cebit habe das nicht viel zu tun.

SPIEGEL ONLINE:

Die IT-Branche wartet auf den versprochenen Aufschwung. Kommt der wirklich?

Mathias Schädel: Fakt ist, dass in den letzten drei Jahren nicht nur Konsumenten, sondern vor allem auch Unternehmen gezwungen waren zu sparen. Jetzt zieht das Geschäft wieder deutlich an: Konsumenten ersetzen ihre Alt-Systeme und Unternehmen investieren wieder in ihre IT- und TK-Infrastrukturen. In der Tat: Der Markt entwickelt sich äußerst viel versprechend - Tendenz steigend.

SPIEGEL ONLINE: Wo sehen Sie denn die größten Marktpotenziale?

Schädel: 2004 wird in meinen Augen klar das Jahr der Consumer-Electronic-Produkte wie Flachbildfernsehen oder Heimkino-Projektoren. Dies wird auch ein beherrschendes Thema auf der Cebit sein. Die Experten schätzen, dass Konsumenten in diesem Jahr weltweit rund 246 Milliarden Dollar für solche Elektronikgeräte ausgeben werden.
Die Nachfrage nach Notebooks als Ersatz für den Desktop wird in diesem Jahr ebenfalls weiter steigen. Laptops bieten inzwischen bei ähnlichen Preisen die Leistung von Desktop-PCs, sparen Platz und erlauben dem Nutzer ein hohes Maß an Mobilität. Die Verknüpfung all dieser Vorteile wird der Markt honorieren.
Schließlich wird sich die drahtlose Kommunikation vor allem in Unternehmen immer mehr durchsetzen. Das erstaunt kaum, denn Mitarbeiter können sich frei auf dem Firmengelände bewegen und überall arbeiten - ohne Kabelsalat und nahezu genauso schnell wie mit Kabelverbindungen. Aber auch im Privat-Bereich ist WLAN auf dem Vormarsch. Viele Menschen wollen ihr Notebook überall in der Wohnung nutzen und drahtlos im Web surfen.
Ein weiteres Top-Thema für Dell wird in diesem Jahr der Druckermarkt sein. Momentan werden Drucker zwar sehr günstig angeboten, aber die Folgekosten durch teure Verbrauchsmaterialien etc. sind noch viel zu hoch. Dell verfolgt mit seinem Einstieg in den Druckermarkt auch die Absicht, dieser Entwicklung entgegenzuwirken und diese Folgekosten für seine Kunden deutlich zu senken.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie auch Themen, von denen im Augenblick zu viel erwartet wird? Wo sind Sie skeptisch? Wo hält sich Ihr Unternehmen zurück?

Schädel: Wir betrachten das Thema Outsourcing recht kritisch. Outsourcing führt in der Regel dazu, dass sich Unternehmen sehr eng an einen Partner binden und folglich abhängig von ihm sind. Die Unternehmen verlieren ihr Know-how und die Oursourcing-Leistungen sind allzu oft nur durchschnittlich.
Um dem Kunden ein Höchstmaß an Unabhängigkeit zu bewahren, verzichtet Dell auch auf so genannte proprietäre, also Hersteller-spezifische Lösungen, die den Kunden an einen bestimmten Hersteller fesseln und überteuert angeboten werden. Weiterhin sind sie vor allem für kleine und mittlere Unternehmen nur sehr schwer zu administrieren und lassen sich denkbar schlecht in bestehende Infrastrukturen integrieren. Standard-Systeme, also PC-Rechner auf Microsoft Windows- oder Linux-Basis, sind heute genauso performant und stabil wie proprietäre Lösungen einzelner Hersteller - und das zu einem Bruchteil der Kosten.

SPIEGEL ONLINE: Ein großer Teil der auf der Cebit vorgestellten Produkte schafft es nie in den Verkauf. Produziert die Industrie an "Otto-Normal-Kunde" vorbei?

Schädel: Ich denke, dass viele Produkte den Zeitgeist treffen, aber es gibt eben auch solche, die es nicht tun. Warum? Weil es in einigen Branchen teilweise an Marktforschung mangelt. Dell beschreitet da neue Wege: Als Direktanbieter sind wir in der Lage, unmittelbar mit unseren Kunden zu kommunizieren. Wir haben unser Ohr am Markt und wissen immer sehr genau, welche Bedürfnisse unsere Kunden haben und welche Erwartungen sie an uns stellen.

SPIEGEL ONLINE: Was erwartet oder erhofft denn Ihr Unternehmen von der diesjährigen Cebit? Liefert sie die Impulse, auf die alle warten?

Schädel: Man muss ehrlich sein - die Cebit hat in den letzten Jahren deutlich an Bedeutung verloren: Ihre Impulse sind begrenzt, die Eintrittspreise zu hoch, das Fachpublikum fehlt und es werden nur wenige Innovationen und Produktneuheiten präsentiert. Das liegt vor allem auch daran, dass immer mehr wichtige Hersteller der Cebit fernbleiben. Auch Dell verzichtet schon seit längerem auf eine Teilnahme. Das hat folgenden Hintergrund: Wir wollen auf unsere Kunden direkter zugehen, als dies während eines Messeauftritts an einem einzigen Ort möglich wäre. Dell kommuniziert lieber ohne Umwege mit seinen Kunden.

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