iPod Video Das Läppchen fehlt

Nie war ein Display für den Apple iPod so wertvoll wie heute: Die neueste Version des "großen" Players zeigt jetzt auch Video. Doch gerade mit Displays hat Apple ja so seine Probleme. Bietet der neue iPod so viele Vorteile, dass dies die bekannten Nachteile ausgleicht?

Von Michael Stein


Ohne Polierläppchen ist man auch bei Apples neuster iPod-Generation eigentlich aufgeschmissen: Schon wenige Minuten, nachdem man ihn aus seiner Designer-Verpackung genommen hat, sieht das Gerät aus, als sei es von einer Horde gieriger Handcreme-Fetischisten begrabscht worden.

Jetzt Videofähig: Apples iPod
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Jetzt Videofähig: Apples iPod

Nach wie vor sind Kunststoff-Ober- und metallisch spiegelnde Unterseite extrem empfindlich gegenüber Fingerabdrücken und Kratzern. Und während ein solches Reinigungsläppchen zum Beispiel noch zum Lieferumfang der iMac-Computer vom Typ Schreibtischlampe gehörte - im Karton des von seinen Fans liebevoll "iPod 5G" ("5. Generation") genannten Musikspielers fehlt es leider nach wie vor.

Überhaupt fehlt da so einiges: Docking-Station, Netzteil und Firewire-Kabel blieben im Laufe der iPod-Evolution nämlich nach und nach auf der Strecke. Letzteres lässt sich zumindest technisch erklären. Der neue iPod ist nämlich die erste Modellreihe der "großen" iPods, die sich nicht mehr über die einst von Apple in den Markt gedrückte Firewire-Schnittstelle mit einem PC oder Macintosh verbinden lässt.

Stattdessen eignet sich ab sofort nur noch die auch bisher schon unterstütze USB-Schnittstelle für die bekanntermaßen komfortable Übertragung der Musikdateien vom Computer auf den iPod. Nur mit einer schnellen USB-2.0-Schnittstelle macht das indes wirklich Spaß. Wer noch einen älteren PC oder Mac mit USB 1.1 besitzt, der wird somit verprellt: Technisch möglich aber quälend langsam geht der Transfer dabei vonstatten.

Sparpod

Für den Rest der spartanischen Zubehör-Ausstattung ab Werk gibt es jedoch keine technische, wohl aber eine ökonomische Erklärung: Wie die Marktforscher der US-Firma iSuppli ermittelten, beträgt der Materialwert des mit 319 Euro in der Apple-Preisliste aufgeführten neuen iPod in der 30-Gigabyte-Version nämlich gerade einmal 125 Euro. Jedes zusätzliche Zubehör-Teil würde da den Gewinn mit dem im Produktionskosten freundlichen China gebauten Gerät unnötig schmälern.

Apple-Chef Steve Jobs mit Video-iPod: Daumenkino für unterwegs
AP

Apple-Chef Steve Jobs mit Video-iPod: Daumenkino für unterwegs

Wer also unbedingt ein Netzteil braucht, der muss sich für happige 29 Euro eines kaufen, Docking-Station und Fernbedienung schlagen mit weiteren üppig bemessenen 39 beziehungsweise 29 Euro zu Buche. Immerhin: Wohl als Reaktion auf die Querelen rund um die kratzempfindliche Oberfläche der zuletzt eingeführten "Nano"-Modelle gehört nun ein simples Schutzetui kostenlos zum Lieferumfang.

Gesenkter Schmeichelfaktor

Vergleicht man den neuen iPod "mit Video", wie Apple das Gerät halboffiziell nennt, mit dem Foto-fähigen Vorgänger mit Farbdisplay, dann fällt auf, dass der iPod doch einiges von seinen einstigen Handschmeichler-Qualitäten eingebüßt hat. Zwar wiegt das neue 30-Gigabyte-Modell mit 133 Gramm etwa 30 Gramm weniger als sein Vorgänger mit gleicher Festplatten-Kapazität. Das rundum glatte, mit abgerundeten Kanten ausgestattete Vorläufer-Modell lag jedoch noch deutlich schmusiger in der Hand als das neue Gerät. Zudem lässt die harte Kante an der Oberseite des insgesamt flacheren Gehäuses das Gerät weniger eigenständig aussehen.

...aber eine Flachplatte!

Konnten die ersten Generationen des mittlerweile kultigen Lifestyle-Accessoires nur Ton abspielen, war erst kürzlich das Standbild hinzugekommen: Ein zusätzlich zu den Modellen mit Monochrom-Display eingeführtes Modell besaß den Beinamen "photo" sowie ein Farbdisplay und konnte fortan die Fotosammlung speichern sowie die Bilder auf seinem Mini-Display anzeigen.

Dann verschwanden Monochrom-Modelle sowie Beiname und jeder "große" iPod hatte ein Farbdisplay. Der neuste iPod kann nun zusätzlich zu Ton und Bild auch bewegte Bilder abspielen und verwendet eine neue Generation besonders flacher Festplatten.

Display: Auch gut für Film-Verächter

Auch wem sich Sinn und Zweck von Streichholzschachtel großen Zappelbildern schon auf einem Handy-Display nicht wirklich erschließen wollten und es somit auch auf dem iPod-Display nicht tun, der profitiert von dem im Vergleich zum Vorgänger leicht größeren Bildschirm: Deutlich schärfer und heller stellt der neue iPod Benutzer-Menüs, CD-Cover und Schnappschüsse dar. Ob sich jedoch für Video-Inhalte tatsächlich das Gleiche wiederholen lässt wie es bei Musik gelang, das ist derzeit eine Frage, die noch niemand überzeugend beantworten kann.

Zwar stehen in Apples "iTunes Music Store" mittlerweile auch Musikvideos sowie Animationsclips zum kostenpflichtigen Download bereit und Apple meldete unlängst bereits eine Million gekaufte und herunter geladene Videoclips. Nicht jeder der Clips dürfte aber am Schluss auch wirklich den Weg auf einen mobilen Player wie den iPod finden, da sich die Videofilme schließlich auch auf dem PC oder Mac anschauen lassen, mit dem sie aus dem Netz geholt wurden.

Abzuwarten bleibt ebenfalls, ob nach der Audio-Podcast- nun eine Video-Podcast-Welle losbrechen wird. Die Produktion eines nur hörbaren Clips ist schließlich deutlich niedrigschwelliger weil unaufwändiger als die eines mit bewegtem Bild. Natürlich ist aber auch das Übertragen des letzten Urlaubsvideos auf den neuen iPod möglich. Ein wenig Frickelei ist das aber derzeit schon noch - mit Datenrate, Videoformaten und erlaubten Bildgrößen sollte man sich da schon ein wenig auskennen. Mag sein, dass Apple bei entsprechender Nachfrage da aber demnächst nachbessert.

Also: Kaufen oder nicht?

Insgesamt ist der neue iPod eine Weiterentwicklung des erfolgreichen Konzeptes. Das Gerät ist in schwarz oder weiß zu haben, hat ein größeres und helleres Display und kann Videos abspielen. Für Besitzer eines gut funktionierenden Vorgänger-Modells besteht allerdings derzeit kein unbedingter und sofortiger Handlungsbedarf - es sei denn, die innere Stimme befiehlt's.

Mobil-Player-Interessenten ohne Apple-Infektion, die derzeit einen Kauf erwägen, sollten sich jedoch auch im Sortiment anderer Hersteller umschauen. Es gibt nämlich mittlerweile Geräte, die deutlich preiswerter, äußerlich weniger empfindlich und ähnlich chic sind.



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