Joost-Test Wie Fernsehen, nur besser?

Über kaum ein Web-Startup kursieren so viele Gerüchte wie über "Joost", das neue Projekt der KaZaA/Skype-Gründer. Nicht mehr und nicht weniger als eine Revolution des Fernsehens nähere sich da im Web, heißt es. SPIEGEL ONLINE machte den Test.

Adieu Satellitenschüssel, bye-bye Decoderbox: Das Fernsehen der Zukunft kommt aus dem Internet und sieht verdammt gut aus. So pfeifen das die Spatzen von den Dächern, so geistert es seit Monaten durch die Medien.

Im Sommer 2007 gehen gleich eine ganze Reihe von Internet-TV-Diensten an den Start, angefangen von den eigenen Versuchen zahlreicher Sender (BBC, ARD, ZDF, RTL etc.) über Distributionsdienstleister wie Zattoo (der u.a. das Programm der halben deutschen TV-Landschaft live verstreamt) bis zu einer Unzahl an TV- und Video-on-demand-Diensten (von Amazon über BitTorrent bis Warner Brothers).

Kein Projekt aber erntete soviel Vorschusslorbeeren, weckte und weckt so viel Neugier wie Joost, vormals geheimnistuerisch und dramatisierend als "Venice Project" beworben. Joost verspricht den direkten Zugriff auf unzählige Sendungen und Programme, zu jeder Zeit, wann immer man will – und es ist kostenlos. Noch vor dem Sommer soll es richtig losgehen, bis dahin wird Joost von einer stetig wachsenden Schar Betatester unter die Lupe genommen.

Da wollten wir nicht fehlen: Doppelklick, Username, Passwort und schon startet die erste Sendung. Wir könnten jetzt still sitzen bleiben und einfach fernsehen. Doch die Versuchung mit dem schicken Menu zu spielen, ist größer und wir zappen uns gleich durch die rund 70 in Deutschland verfügbaren Kanäle - von Aliens über Fußball und Kochstudio bis zu Musikvideos. Jede Sendung können wir genau dann starten, wann wir es wollen.

Das Schönste daran: Das Bedienelement mit Funktionen wie bei einem DVD-Player. Es ist eine wahre Freude, die Sendungen anzuhalten, zurückzuspulen, Szenen noch einmal anzusehen und langweilige Passagen zu überspringen.

Die Macher

Joost  ist das dritte große gemeinsame Projekt von Janus Friis und Niklas Zenström und soll nichts weiter als das Fernsehen revolutionieren.

Es gibt viele Menschen, die den beiden das durchaus zutrauen. Friis und Zennström sind berüchtigt dafür, mit geschickt ausgewählten Projekten ganze Branchen schlimmstmöglich zu erschüttern. Auf dem ersten Höhepunkt des P2P-Booms hoben sie die auf dem so genannten FastTrack-P2P-Netz basierende Börse KaZaA so rechtzeitig aus der Taufe, dass der Dienst passgenau zum Untergang der ersten von der Musikindustrie in Grund und Boden geklagten P2P-Marken zu deren Erbe avancierte. Bevor sie selbst juristisch völlig unter die Räder gerieten, verkauften sie die Firma.

Ein ähnlich gutes Gespür für Timing bewiesen sie mit Skype. Nachdem die erste Generation der Web-to-Phone- und Internet-Telefoniedienste entweder weitgehend vergessen, pleite oder von herkömmlichen Telekommunikationsfirmen geschluckt worden war, setzten sie Skype auf - und verbanden das Konzept P2P-Börse mit Voice-over-IP-Telefonie. Das gewinnversprechende Konzept brachte ihnen 2,6 Milliarden Dollar ein, als sie Skype an eBay verkauften.

Jetzt haben sie die TV-Landschaft im Visier, mit der dritten, wieder auf dem FastTrack-P2P-Prinzip fußenden Anwendung: Joost.

Lieber einfache Berieselung oder gezielter Abruf?

Bei Joost gibt es jede Menge Kanäle mit jeder Menge Sendungen. Wie praktisch, dass eine Suchfunktion zur Verfügung steht, mit der sich per Stichwort nach Sendungen fahnden lässt. Dreißig Kanäle sind zu Beginn unter "My Channels", unserer persönlichen Auswahl, eingetragen. Weitere Kanäle können über den "Channel Navigator" hinzugefügt werden.

Im Gegensatz zu Seiten wie youtube.com setzen die Joost-Macher dabei nicht auf die Kreativität ihrer Zuschauer und wenige Minuten dauernde Homevideos, sondern auf Qualität. Dazu werden Inhalte lizenziert und Kooperationen mit Medienunternehmen geschlossen. Die Finanzierung läuft über personalisierte Werbeclips. In unserer Testversion flimmert regelmäßig ein Drei-Sekunden-Spot in Magentarot vor den Sendungen.

Von Lassie-Channel bis MTV: Bald tausende TV-Sender?

Noch ist das Angebot einigermaßen überschaubar. Den speziellen "Lassie"-Kanal nur mit Folgen der uralten Serie müssen wir natürlich sofort haben, danach fällt uns die Auswahl schon schwerer. Das Angebot ist in der Testphase leider alles andere als glamourös: Schlechte Kochsendungen, Mutproben für harte Jungs, abgelegte Serien und ein paar Independent-Filme versprechen zwar einige Stunden gute Unterhaltung, zur wahren Konkurrenz fürs Fernsehen taugt Joost jedoch noch nicht.

Joost braucht massentaugliche Ware. Ohne die wird das Projekt in netten, aber wenig lukrativen Nischen stecken bleiben und viele winzige Programme für noch kleine Zielgruppen senden. Nötig sind: Schicke Hollywood-Produktionen, die angesagten US-Serien und Nachrichtenprogramme – und Programme der lokalen Sender. Ob das deutsche Fernsehen Joost als neuen Vertriebskanal begreift oder vielmehr die digitale Konkurrenz fürchtet, wird spannend.

Bis zum Sommer, wenn Joost startet, soll das Angebot jedenfalls noch deutlich ausgebaut werden. Bekannt wurde ein Deal mit Viacom, der Joost erlaubt, Sendungen von MTV, VH1 und Comedy Central zu senden. Mit Serien, Dokumentationen und Spielfilmen möchte Joost ein vollwertiges Fernsehprogramm werden. Aus den bisher rund 70 Kanälen können dann leicht einige Tausend werden.

Geniale Funktionen, stabile Technik

Auch wenn manche Sendungen noch eher wie Platzhalter wirken: Die Funktionen sind schlicht genial, die Technik hinterlässt einen soliden Eindruck – auch wenn das Bild ab und zu noch etwas verpixelt ist. Meistens merkt man jedoch nicht, dass direkt aus dem Internet übertragen wird.

Die Benutzeroberfläche von Joost hat es in sich. Halbtransparent legen sich die schlichten Menus über das laufende Programm, flüssig lässt sich in der Auswahl blättern. Das sieht nicht nur unheimlich schick aus, sondern funktioniert auch so einfach und logisch wie bei einem iPod. Nachdem Joost installiert ist, geht es sofort los. Keine lästigen Einstellungen, keine komplizierten Befehle. Wer sich bisher mit knopflastigen Fernbedienungen für TV und ähnliches herumgeschlagen hat, wird die klare Benutzerführung von Joost auf Anhieb ins Herz schließen.

Natürlich kann mit Joost nicht nur ferngesehen werden. Mit einem Klick auf "My Joost" landen wir in einem Menu voller kleiner Zusatzprogramme. Eine Uhr lässt sich genauso ins Programm einblenden wie ein RSS-Newsreader, der etwa die aktuellen Schlagzeilen von Spiegel Online auf den Schirm zaubert oder den Posteingang von Google Mail. Mittels "Channel Chat" kann mit anderen Zuschauern zur laufenden Sendung gechattet werden.

Hinter Joost steckt ein Peer-to-Peer-Netzwerk. Für das Fernsehen auf dem Computer müssen trotz fortgeschrittener Videokompression mittels H.264-Codec riesige Datenmengen verschickt werden – viel zu teuer, wenn jeder Nutzer von einem zentralen Server die Daten bekommen müsste. Stattdessen wird jeder Nutzer von Joost selber zum Server. Dazu sind alle Sendungen in zehn Sekunden lange Schnipsel aufgeteilt. Ruft man eine Sendung ab, sucht sich Joost bei allen anderen Nutzern die entsprechenden Schnipsel zusammen. Nur falls die Schnipsel im gesamten Netzwerk nicht zu finden sind, muss auf den zentralen Joost-Rechner zugegriffen werden.

Fazit

Joost macht eine ganze Menge richtig. Das Programm ist einfach zu bedienen. Es hat den nötigen Sex-Appeal, um auch bei Techniknerds anzukommen. Und es verzichtet auf Vertragslaufzeiten und teure Zusatzgeräte. Toll, wenn erst die richtigen Programme drin sind. Hinter den Kulissen wird da schon eifrig gedealt: Schaun mer mal, demnächst auf unserem Desktop?

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