KaZaa Das Kreuz mit der "Schläfersoftware"

Der File-Sharing-Dienst KaZaa hat heimlich ein Programm zum verteilten Rechnen in seine Software eingebunden. Beschwichtungsversuchen zum Trotz läuft die Userschaft Sturm.
Von Jochen A. Siegle

Der Peer-to-peer-Dienst KaZaa sorgt erneut für Empörung in der Web-Community. Wie aus einer Ad-hoc-Mitteilung an die amerikanische Börsenaufsicht SEC bekannt wurde, hat die Betreiberfirma Sharman Networks Anfang Februar still und heimlich Distributed-Computing-Funktionen der Firma Brilliant Digital Entertainment (BDE) in die KaZaa-Software integriert.

BDE arbeitet derzeit daran, ein Alternativ-Netzwerk aufzubauen, welches brachliegende Rechenkapazitäten von KaZaa-Nutzern bündeln soll. Die entsprechende Software dafür wird KaZaa-Usern ohne deren Wissen beim Download des "Media Desktop" mitgeliefert.

Das Altnet genannte P2P-Netz soll in den kommenden Wochen aktiviert werden - ebenso die entsprechende Software beim User. Die agglomerierte Performance wiederum soll BDE-Kunden zur Berechnung komplexer Aufgaben zur Verfügung gestellt werden. Außerdem soll das Altnet künftig der Distribution von Digi-Musik sowie -Videos und vor allen Dingen auch Online-Werbung dienen.

Eigenangaben zufolge hat BDE die Technik bereits erfolgreich mit dem Internet-Werbemulti DoubleClick getestet. Web-Ads sollen über Altnet nun wesentlich schneller übertragen werden, da die Banner nicht mehr von einem Zentralserver, sondern von einem im BDE-P2P-Verbund gelegenen Rechner auf Websites eingespielt werden.

Aufschrei in der Internetgemeinde

Eigentlich keine schlechte - wenn auch nicht neue - Idee, Geld in die notorisch leeren P2P-Kassen zu spülen. Wäre da nur nicht der Unmut der Web-Community. Verständlicherweise laufen KaZaa-Nutzer und Privacy-Advokaten Sturm gegen die heimlichen Features - seit Februar ist die KaZaa-Software mindestens 20 Millionen mal heruntergeladen worden.

Dabei richtet sich der Zorn in Newsgroups und E-Mails an Branchenmagazine nicht gegen das Distributed-Computing-Konzept per se. Vielmehr wird die Art und Weise moniert, auf die die Software für das praktisch per Knopfdruck aktivierbare "Schläfer-Netz" vertrieben wird. Bürgerrechtler wie das texanische Privacy Council wettern, dass das Gros der Nutzer gar nicht verstehe, zu was die untergejubelten Funktionen überhaupt dienlich sind. Zudem sei die Deinstallation unerwünschter Anwendungen alles andere als einfach - selbst das E-Zine "Cnet News.com" bestätigt dies und liefert eine detaillierte Anleitung zur Deaktivierung.

Cnet hat inzwischen auch die KaZaa-Software aus seiner Download-Sektion verbannt. Der P2P-Dienst hat damit seinen wichtigsten Distributor verloren: Alleine in der letzten März-Woche waren mehr als 2,6 Millionen Kopien heruntergeladen worden.

KaZaa mit dem Rücken zur Wand

Da helfen auch alle Beteuerungen seitens KaZaa/BDE nichts, andere Softwareunternehmen wie Microsoft, AOL oder RealNetworks würden in ihre Produkte ebenfalls (Zukunfts-)Technologien integrieren, die bislang ungenutzte Einsatzmöglichkeiten erlauben würden. Außerdem verspricht BDE-Chef Kevin Burmeister, dass KaZaa-User nach der Freischaltung des Altnet nicht automatisch angekoppelt werden, sondern die Teilnahme ausdrücklich bestätigen müssen. Wer sich dafür entscheidet, PC-Ressourcen zur Verfügung zu stellen, soll mit Geschenkgutscheinen entlohnt werden.

Hört sich fast ein wenig nach Schadensbegrenzung an. Die KaZaa- und BDE-Macher stehen schließlich mit dem Rücken zur Wand. Dabei sorgte KaZaa bereits vor wenigen Wochen im "P2P-Krieg" mit Ex-Partner und nun Erzfeind Morpheus für Negativschlagzeilen.

Brilliant Digital dagegen wagt sich mit der P2P-Initiative auf gänzlich neues Online-Parkett. Bislang war die Webfirma aus Los Angeles eigentlich nur als Entwickler von Animationssoftware in Erscheinung getreten. Nachdem das börsennotierte Unternehmen im letzten Jahr allerdings deftige Verluste verbuchen musste und die BDE-Aktien mittlerweile als "Penny-Stocks" verramscht werden, sucht CEO Burmeister händeringend neue Finanzierungsmöglichkeiten.

Ob das Unternehmen im bereits von Playern wie Centerspan, Uprizer oder auch Intel umkämpften Distributed-Computing-Markt Fuß fassen kann, darf bezweifelt werden. Den Einstieg hätte BDE zumindest kaum dilettantischer planen können.

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