"Kein Foto, bitte!" Vom Penner zum Programmierer

Fünf Millionen Arbeitsplätze bietet die Internetindustrie allein in den USA. Doch jeder zehnte davon ist unbesetzt. Deshalb rekrutiert der Internetriese Cisco künftige Netzwerk-Spezialisten jetzt auch unter den Obdachlosen im Silicon Valley. Deren Chancen steigen, doch ihr Stigma bleibt.

Von Christian Radler


Back to School: Cisco wirkt PR-trächtig karitativ - und löst gleichzeitig das eigene "Nachwuchsproblem"
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"Was ist ein NTFS, und wo finde ich es? Wodurch zeichnet sich ein non-routable protocol aus?" Ein paar Wochen vor der Abschlussprüfung fragt Ausbilder Luis Sanchez seine Abendklasse querbeet ab. Und die Studenten im größten Obdachlosenasyl von San Jose wissen Bescheid, manche mehr, andere weniger. "Was ist der Hauptvorteil des Bell-212-Standards", will Sanchez als nächstes wissen. Drei der neun anwesenden Studenten können es erklären. Typische Nachfrage: "Welche anderen Standards gibt es in diesem Bereich?"

Länger als eine Stunde geht das so. Endlich ist der Ausbilder, der tagsüber bei Cisco als Projektleiter arbeitet, zufrieden. "Die wissen genug. Zumindest für heute", sagt er. Ob das ausreicht, zeigt sich Mitte Dezember. Dann werden die 15 Studenten die Cisco-Prüfung zum Netzwerkadministrator ablegen.

Ihr Klassenzimmer ist ein winziger Raum in einem alten Bürokomplex des Energiekonzerns General Electric (GE). Früher stand hier der Zentralrechner. Heute füllen den Raum 20 PC und zwei kleine Server, an denen die Studenten an vier Abenden pro Woche lernen, wie ein Computer-Netzwerk aufgebaut und gewartet wird. Die Lüftung für den Raum muss in GE-Zeiten zu klein geraten sein. In der Ecke kühlt nun eine mobile Klimaanlage ratternd verbrauchte Luft.

Draußen vor der Zimmertür fängt die Bettenphalanx des Asyls an. 500 Menschen übernachten regelmäßig, wo vor Jahren die Büronischen der GE-Beschäftigten standen. Das Gebäude gehört dem "Emergency Housing Consortium", einer gemeinnützigen Organisation, die die Stadtverwaltung von San Jose überredet hat, den Komplex zu erwerben, als GE den Laden dichtmachte und länger keinen Käufer fand.

Kursleiter Luis Sanchez
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Kursleiter Luis Sanchez

Nach 90 Minuten Unterricht ist Halbzeit, was bedeutet: Zigarrettenpause vor dem Heim. Seit die Öffentlichkeit das Thema Wohnungslosigkeit im Silicon Valley entdeckt haben, rollen alle paar Wochen TV-Kameras an. "Ist ja schön, dass sich die Medien um unser Problem kümmern. Aber von Obdachlosigkeit betroffen zu sein ist hier zu Lande ein Riesenstigma", sagt eine Kursteilnehmerin. Dann, einen Zug an der Zigarette später: "Kein Foto, bitte!" Zieh, Inhalier, Exhalier. " Ich lerne hier zwar einen sehr angesehenen und wichtigen Job. Aber im Zweifel werde ich auch gegen schlechtere Mitbewerber immer den Kürzeren ziehen, wenn klar ist, dass ich obdachlos bin oder irgendwann war."

So etwas wie eine Erfolgsgeschichte hat der Kurs bereits hervorgebracht: Cisco-Student Michael Wilton arbeitet bei einem Startup als Techniker für Datenrichtfunk - sogar Aktienoptionen hat der 47-Jährige von der Firma erhalten. Wilton, der vor der Wohnungslosigkeit Gärtner war, kommt noch immer jeden Abend in die Klasse. Er sei der Kursbeste, sagt er selbstbewusst und keiner widerspricht. Und beinahe hat Wilton schon vergessen, dass er länger als ein Jahr in demselben Saal schlafen musste, in dem die fotoscheue Frau und die Mehrheit der Klasse auch heute wieder übernachten werden.

Vom ersten "ordentlichen" Gehalt hat Wilton ein Einzimmer-Appartment in einem Kleinbürgerviertel San Joses gemietet. An eine gemeinsame Wohung mit seinen beiden Kindern ist nicht zu denken. Viel zu teuer. Die Kinder leben weiter bei Verwandten. Auch Wiltons Selbstbewusstsein hat übrigens Grenzen. Denn wieviel er von seinem Einkommen jetzt für die kleine Wohnung ausgibt, will er nicht verraten. In manchen Haushalten gehen Zweidrittel der Lohntüte direkt an den Vermieter. Drei Zimmer kosten leicht 1.800 Dollar. Doch dann ist das soziale Umfeld eher bescheiden.

Diskussion: Sanchez führt eine Gruppe in die Arbeit am Server ein
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Knapp 21 Dollar pro Stunde muss man verdienen, dann wird das Leben im Valley bezahlbar. Das hat die Stadtverwaltung von San Jose im September berechnet. "Wenn du darunter liegst, geht deine Lebensqualität automatisch in den Keller", sagt Jody Berridge, die seit 1998 keine eigene Wohnung mehr hat und mit ihrem Kind im Familientrakt des Asyls untergekommen ist. "Der einzige Ausweg ist eine bessere Ausbildung." Obwohl sie im Moment nicht weiß, ob sie den Kurs schafft, fügt sie hinzu. Doch beim Pauken für die Abschlussprüfung helfen Jody und ihren Mitstudenten schon 'mal der Gedanke an 50 Dollar Stundenlohn, die Cisco-Absolventen im Schnitt verdienen.

"Es heißt immer, hier im Valley finde die IT-Revolution statt. Nur kann leider kein normal verdienender Mensch mehr hier leben", sagt Maury Kendall, der Sprecher des Asyls. "Wir glauben, dass diese Form von Ausbildung für Obdachlose und sozial Schwache revolutionär ist." Die Revolution verlangt ihren Kindern allerdings viel ab: Neun Monate Konzentration auf den Kurs. "Wir dachten zuerst, wir schaffen es in sechs Monaten. Das war aber nicht zu machen", so Cisco-Ausbilder Sanchez. Der Stoff, den die Obdachlosen büffeln, ist normalerweise auf vier Semester verteilt.



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