KOLUMNE Darf es ein wenig mehr sein?

Die Agenten-Software Alexa erobert als Surf-Engine mit den Browsern von Microsoft und Netscape die Web-Welt.
Von Rainer Kuhlen

In früheren Kolumnen bin ich wiederholt auf Software-Agenten eingegangen, die den Nutzer bei der Beschaffung interessanter Informationen im Netz unterstützen. Eines dieser Programme, Alexa, schickt sich zur Zeit an, die Web-Welt zu erobern, wie seinerzeit Namensvetter Alexander der Große den Orient.

Kenner der Antike werden sich jedoch vielleicht auch an jene Cassandra erinnert fühlen, die auch unter dem Namen Alexandra bekannt war. Diese Tochter des Königs Priamos und seiner Frau Hekabe wurde von Apollo verflucht: Ihren seherischen Prognosen sollte nicht geglaubt werden, obwohl diese sich dann alle als wahr herausstellten.

Diese Anspielung ist pikant, denn Alexa ist eine Software, die auf Grund vergangenen Navigationsverhaltens Empfehlungen für weiteres Surfen ausspricht. Die Leistung des Programms beruht darauf, daß ein aktueller Web-Nutzer vermutlich nicht der erste ist, der von einer Site A zu einer Site B und dann zu einer Site C wechselt. Ähnliches Navigationsverhalten werden auch schon andere gezeigt haben. Warum also nicht - so die Grundidee - das ausnutzen, was andere schon getan haben, um in ähnlichen Situationen zu nützlichen Verknüpfungshinweisen zu verhelfen?

Die Idee ist natürlich nicht ganz neu und wird in der Fachwelt als "kollaboratives Filtern" gehandelt. Bekannt geworden ist das durch den Software-Agenten "Firefly", der dem an einer CD Interessierten gleich weitere vorschlägt, die früher von anderen zusammen mit dieser gekauft worden sind oder als dazu passend eingeschätzt wurden. Die Empfehlungen werden also nicht durch irgendwelche Ähnlichkeitsberechungen oder durch komplizierte Schlußverfahren gegeben, wie sie aus der Künstlichen Intelligenz bekannt sind, sondern durch Auswertung des Kaufverhaltens anderer, natürlich unter der Annahme, daß die Kaufprofile einigermaßen stimmig sind. Jene Ausreißer, die Miles Davis' Sketches of Spain, Mendelssohns Violinkonzert e-moll und Schönbergs Gurrelieder zusammen bestellen, werden wohl kaum statistisch signifikant sein. Auch der Branchenvorreiter im Online-Buchhandel Amazon.com verwendet kollaboratives Filtern mit großem Erfolg.

Bei Alexa wird diese Idee allerdings zum ersten Mal auf das Web als Ganzes angewendet. Alexa läuft parallel zum aktuell benutzten Web-Browser im Hintergrund und zeigt sich durch eine kleine Leiste am unteren Ende des Bildschirms an. Neben anderen Goodies (z.B. Einschätzung der Beliebtheit der aktuellen Seite, Informationen über den Betreiber der Site und die Aktualisierungsrate) ist das Kernstück von Alexa der "Related Link"-Button, der nach Anklicken ein Fenster mit verwandten Internet-Adressen anzeigt.

Mich interessiert zum Beispiel die Entwicklung des elektronischen Handels auf Consumer-Märkten für den Online-Lebensmitteleinkauf. Da bin ich momentan in Kalifornien gerade am richtigen Ort. Ich wähle die Web-Adresse des neuen Online-Geschäfts Netgrocer. Alexa bietet mir sofort eine Liste weiterer Websites an: Peapod, Virtual Vineyards, Hannaford's Home Runs, Freat Food Online, Balducci's Online Catalog for the Gourmet, Dakin Farm, Dean & Deluca Deli, Clambake Celebrations, Arthur Avenue Caterers, Salami.com. Alles einschlägig. Der Sprung zu Balducci's bringt mich dann noch weiter: All Things Delivered, Godiva Chocalatier, Flying Noodles, Mama's Dining Room, Internet Culinary CyberCity; letzteres verwies dann noch auf Epicurious Food, Manischewitz Kosher Foods, ... In den USA ein Super-Ergebnis, für Deutschland leider noch Fehlanzeige.

Doch auf Dauer ist Alexa nicht nur eine Alternative, sondern möglicherweise eine ernsthafte Bedrohung für die großen Suchmaschinen des Internet, die Yahoos, Alta Vistas, Excites oder Infoseeks. Diese beruhen darauf, daß sie Informationen nachweisen, die sie selber durch unermüdliches Durchforsten der Websites erarbeitet haben. Sie halten in ihren Speichern riesige Indexdateien vor, die dann bei einer aktuellen Suche zu den Web-Seiten führen sollen, die die Suchwörter enthalten. Das ist das alte Suchparadigma der klassischen Online-Systeme, wie sie seit 30 Jahren schon in der Fachwelt eingesetzt werden. Die Web-Welt ist aber keine Suchwelt, sondern eine Hypertextwelt des Browsing, des Herumstöberns. Und damit macht Alexa nun ernst.

Denn zentral für die Alexa-Idee ist die Auswertung von Verknüpfungsinformation. Verknüpfungen können direkt von Alexa-Benutzern eingegeben werden, indem sie der Liste von Einträgen, die der aktuellen Seite irgendwie ähneln, eine weitere Zielseite hinzufügen, die sie für passend halten. Darauf wollte man sich aber nicht alleine verlassen. Alexa nutzt seit neuerem auch eine Datenbank, in der Netscape das Surfverhalten der Nutzer in seinem gewaltigen Link-Archiv "Netcenter" aufzeichnet. Und das Programm lernt außerdem kontinuierlich von seinen Nutzern. Wenn jemand z.B. von Focus Online zu SPIEGEL ONLINE springt, dann kann das Zufall sein. Wenn das jedoch Hunderte machen, dann scheint irgendeine Beziehung zwischen den beiden Angeboten zu bestehen, die es vielleicht sinnvoll macht, nach dem Besuch von SPIEGEL ONLINE auch bei Focus Online reinzuschauen.

Als lernender Agent wird Alexa immer besser, je mehr Leute in ihrem Verhalten beobachtet und ausgewertet werden können. Wir trainieren laufend die Software. Und der Datenschutz? Die Macher von Alexa versichern, daß das Navigationsverhalten nur anonym aufgezeichnet wird. Aber auch unabhängig von der Debatte des möglichen Mißbrauchs unserer Navigationsdaten - bleibt nicht ein merkwürdiges Gefühl, wenn unser Verhalten dazu beiträgt, eine fremde Software zu verbessern?

Bislang gehört Alexa zur großen Tradition des offenen Netzes. Brewster Kahle, Mitentwickler von Alexa, personifiziert eine der Visionen des Internet: Information gehört jedermann. Gibst Du Information, bekommst Du Information - ein Spiel, bei dem jeder gewinnt. Alexa kostet bislang nichts. Netscape hat Alexa als Teil seines Smart-Browsers beim Communicator 4.5 eingeführt, und einen Monat später zieht Microsoft nach und integriert Alexa als "Add-on" in den Internet Explorer 4.0. Zu wissen, daß unser aller Navigationsverhalten Bill Gates um weitere Milliarden reicher machen soll, ist sicher nicht jedermanns Sache. Wie heißt es doch auf der Alexa-Homepage: "As the Web expands, you need a fast, easy, and trusted source of information about each site." Hoffen wir, daß Alexa unser Vertrauen verdient.

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