Kommerzielle Senioren-Portale Auf der Sonnenseite

Es gibt Rentner und Rentner. Solche, die sich mit kleinsten Pensionen von Monat zu Monat retten: Die vergisst man gern. Und dann die "neuen Alten", wohlhabend, konsumorientiert, mitten im Dolce Vita. Für die baut man Internet-Portale.

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Der Kommerz hat die Alten entdeckt. Die werbetreibende Wirtschaft machte es vor schickt betagte Models auf die Laufstege oder lässt sie für schönere Haut mit Nivea werben. In ihrem Kielwasser: Die Medienindustrie. Seit klar ist, dass der ältere Teil der Bevölkerung dem Internet-Boom zwar mit einiger Verzögerung, dafür aber massiv folgt, entstehen auch immer mehr kommerzielle Angebote für Ältere im WWW. Die Alten kommen langsam, aber gewaltig.

In den Vereinigten Staaten setzte der Trend bereits 1997 ein. Mit Internet-Angeboten wie ThirdAge.com entstanden Lifestyle-orientierte Magazinformate, die sich genau an die Alten richteten, die zu den Early Adopters der Neutechnologie gehörten: Einkommensstarke, gebildete Rentner - sorry, Senioren.

In Deutschland sollte es bis zum Jahr 2000 dauern, bis der Knoten platzte. Dann aber entstanden in kurzer Folge eine ganze Reihe kommerzieller Seniorenangebote, die in ihrem Anspruch über das hinausgehen, was sich gemeinhin Website nennt: "Portale" wollen sie sein. Tore ins Internet, über die sich der "senior Surfer" schneller die für ihn interessanten Inhalte erschließen kann.

"welivit ...auf der besten Seite des Lebens"

welivit.de: professionell, glatt und "magazinig"

welivit.de: professionell, glatt und "magazinig"

Wie zum Beispiel "welivit ...auf der besten Seite des Lebens". Eine optisch gelungene Hochglanz-Website, deren Zielgruppe irgendwo im Bereich 45 plus liegt. Doch es wird gesiebt: Rubriken wie "Nachrichten", "Reisen", "Wellness", "Lebensart", "Geld & Recht" oder "Fonds" zeichnen den Weg vor. Gezielt wird hier nicht auf Oma von der Ecke, sondern auf Herrn und Frau Dolce Vita: Sie haben Geld genug zum Reisen, an Börsen zu zocken und sich auch die eine oder andere Thalasso-Kur leisten zu können. Die Aufmacherstory am Donnerstag, 1. Februar: "Fairness. So glänzen auch Einsteiger auf dem Golfplatz".

Mit Werbekunden wie Investment- oder Versicherungsfirmen lässt sich mehr bewegen als mit Rheumakissen-Herstellern. "Hier", werben die Macher für ihr Angebot, "finden Sie Themen, die interessieren, Shoppingmöglichkeiten mit Niveau und eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten." Und die sind keine "Senioren", sondern "...auf der besten Seite des Lebens".

Werbers feuchter Traum, in den offensichtlich eine Menge Geld investiert wird. Welivit ist "AG" - wie die Geschichte der noch neuen Website verlaufen wird, dürfte man also in Bälde erfahren. Schon jetzt ist zu sehen, dass es den Machern gelungen ist, eine ganze Reihe von Werbekunden zu gewinnen. Ob das reichen wird? Abwarten.

"Ovivo - Internet für Lebenskenner"

Ovivo.de: pragmatisch, praktisch und publikums-orientiert

Ovivo.de: pragmatisch, praktisch und publikums-orientiert

Obwohl direkter Konkurrent, kommt "Ovivo - Internet für Lebenskenner" schon etwas anders daher. Auch Ovivo ist kein Angebot für Arme, orientiert sich aber deutlich näher am "Schnitt". Da werden Alltagsfragen angegangen ("Handyfrei am Steuer - sinnloses Gesetz?"), da wird der Alfa Romeo 147 vorgestellt (und nicht die neue S-Klasse-Limousine), da gibt es Gesundheitstipps, für die man nicht in die Normandie reisen muss.

Ein Angebot für Leute, die sich wohlfühlen oder wohlfühlen wollen: Über 50, nicht reich - aber mit einem guten Auskommen. Kurzum: Ovivo hat den (bald) pensionierten Mittelstand im Blick. Dass dann noch Namen wie Jörg Wontorra, Wolfgang Büser oder Jochen Mass als "Experten für Ovivo" dem neuen Bildschirm im Leben der Ovivo-Leser ein Stück Fernseh-vertraute Oberfläche verleihen, passt gut ins Konzept.

Ein breit angelegtes Publikumsangebot, an dem sich vor allem eines zeigt: Die Normalität, die das Internet im Leben ganz normaler Senioren heute schon darstellen mag. Möglich, dass das schon bald funktioniert: Noch hält sich die Zahl der Werbeschaltungen jedoch in engen Grenzen.

"feier@bend - Gratis Webtreff für Menschen in den besten Jahren"

Was unter Umständen daran liegt, dass gerade ältere Menschen im Web viel eher Gemeinschaft und Kommunikation suchen als professionell aufbereitete Information. Neuhochdeutsch heißt das "Community", und genau das will "feier@abend" sein.

Der "Gratis-Webtreff" - wichtige Signalwörter - kommt als wahres Portal daher: Eine Art Senioren-Community mit Yahoo!-Touch. Nachrichten gibt es auch, aber die sind schlicht so nah am Rentner, wie es nur geht: "So kam ich ins Fernsehen!" berichtet etwa Alfred Müller. Der ist mit über 80 Jahren nun wirklich Senior und zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass er nicht primär feier@abend-Autor, sondern Nutzer ist. Denn bei feier@abend schreibt der Leser.

Das hat was. Nur: Was hat feier@bend davon?

feier@bend.com: Unternehmensberatung unterhält Community

feier@bend.com: Unternehmensberatung unterhält Community

Anders als bei den anderen beiden, klar kommerziell orientierten "Senioren-Portalen" sucht man bei feier@bend Werbung fast vergeblich. Was, wie Pressesprecherin Kerstin Hendess versichert, keinesfalls damit zu tun hat, dass es dem Portal an Erfolg mangele: "Wir sind das mit Abstand größte und erfolgreichste Angebot".

Doch feier@bend sucht seine Refinanzierung nicht nur über Bannerwerbung. Die Macher setzen vor allem auf die Vermarktung von Know-how: feier@abend ist ein Club-Modell, bei dem die Mitglieder über eine Anmeldung und Registrierung auch persönliche Daten preisgeben: "Das Hauptziel von Feierabend.com liegt darin, persönliche Informationen zu sammeln, um Ihnen, dem Nutzer, benutzerdefinierte Erfahrungen in unserem Netzwerk von Sites zu bieten. Feierabend.com nimmt daher interne Untersuchungen hinsichtlich der Demografie, Interessen und dem Verhalten der Nutzer ... vor."

Gläserne Rentner

Das steht schwarz auf gelb in den FAQs, den häufig gestellten Fragen zum Angebot. Hinter feier@bend steht ein Unternehmen, dass sein über die Website gewonnenes Wissen über das Surfverhalten von Senioren dazu nutzt, andere Unternehmen bei der Ausgestaltung von Seniorenseiten zu beraten. Hendess versichert, dass feier@bend das Wissen über die User zwar nutze, aber die persönlichen Daten nicht weitergebe - "bevor Sie nicht Ihre ausdrückliche Genehmigung dazu gegeben haben", wie es in den Nutzungsbedingungen heißt.

Im Gegenzug stelle feier@bend seinen Usern eine auf sie zugeschnittene Plattform zur Verfügung, die ständig optimiert werde. Rund 15.000 eingeschriebene Mitglieder habe feier@bend derzeit - was das Portal tatsächlich zu einer der größten organisierten Communities im deutschsprachigen Web machen würde. Auch bei den Logs und Besuchen hat feier@bend gegenüber den Konkurrenten die Nase vorn: 1,7 Millionen Seitenabrufe und rund 120.000 "Visits" im Monat sind stolze Zahlen für ein hoch spezialisiertes Angebot.

Das Rezept scheint also aufzugehen. Der Community-touch ist webgerecht und kommt offensichtlich den Lese- und Kommunikationsbedürfnissen der Zielgruppe nahe. Auch, dass feier@bend darauf zielt, "gläserne Rentner" zu schaffen, ist durchaus Netz-typisch - im Guten wie im Bösen. Immerhin geschieht dies nicht heimlich und im Rahmen eines "Gegengeschäftes". Egal, wie man zu so etwas steht: Das feier@bend-Modell bricht mit den klassischen Werbe-Refinanzierungswegen, denen die Konkurrenten Ovivo und Welivit folgen.

Was am Ende mehr Erfolg haben wird, bleibt abzuwarten. Sicher dürfte immerhin eines sein: Von ein paar Bannerschaltungen können aufwendige Webseiten nicht leben. Die "Datenhändler" und Unternehmensberater von feier@bend hingegen, versichert Pressesprecherin Hendess, schreiben mit ihrem Refinanzierungsmodell "schwarze Zahlen". Das wäre - nicht nur im Markt des "Senioren-Web-Publishing" - allerdings etwas Neues.



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