Kranker Leopard Porno-Falle für Mac-Rechner

Das gab es bisher (fast) nur für Windows: Ein richtig bösartiger Virus, den sich Surfer auf Porno-Seiten einfangen können. Bewahrheiten sich nun die Unkenrufe von IT-Experten? Die warnten stets: Je größer der Erfolg eines Betriebssystems ist, desto gefährlicher werden die Attacken.

Die Mac-Gemeinde hört es mit Schrecken: Zum ersten Mal seit mehr als einem Jahr kursiert ein Schadprogramm, das ein Mac-Betriebssystem befällt. OSX.RSPlug.A ist ein Trojaner, der die neue Mac-OS-X-Version Leopard befällt, dort volle Root-Zugriffsrechte erhält und den Rechner bei Zugriffen auf bestimmte Webseiten zu Phishing-Seiten umleitet, um Passwörter abzugreifen.

Der Trojaner ist im Umlauf und wird über Porno-Seiten verbreitet. Dort sehen sich Mac-User beim Versuch, Videofilme abzurufen, unter Umständen mit einer Fehlermeldung konfrontiert, die Video-Software brauche ein Codec-Update. Statt eines Programm-Updates landet dann OSX.RSPlug.A auf dem Rechner und kann derzeit händisch nicht mehr entfernt werden. Für Mac-Nutzer ist das fast ein Kulturschock: Erstmals deutet sich an, dass auch Mac-Systeme künftig auf die Hilfe von Virenschutz-Programmen angewiesen sein könnten.

Immun war Apple nie, auch wenn man sehr tief in die Mottenkiste greifen muss, um das zu dokumentieren: Elk Cloner, das erste Computervirus, das überhaupt in Umlauf gelangte, zielte auf Apple-Rechner. Doch das war 1982, und seitdem hat sich viel getan: Apple, einst Inbegriff des Personal Computer, wurde zum Minderheiten-System, während Microsofts Windows im Bereich der Viren ein fast noch größeres Monopol hielt als auf dem Betriebssystem-Markt. Rechner krank, kaputt, von Viren zerschossen, von Trojanern unterwandert, von Botnetz-Dirigenten ferngesteuert - Was sollte da anders gemeint sein als Windows?

Mac OS X zum Beispiel: In seiner neuesten Inkarnation, hämten die IT-Experten von "eWeek", habe das Apple-Betriebssystem Leopard "mehr Löcher als das namengebende Tier Flecken" . Die Firewall-Einstellungen des Systems seien höchst unsicher, vieles sei etwa bei Microsofts Vista besser gelöst.

Für einen wahren Jünger des Appletums ist so eine Behauptung ein Sakrileg: Windows ist in den Augen der mitunter sektenhaft gläubigen Apple-Fans nur eine stets schlechtere Kopie originärer Apple-Ideen. Auch die Tatsache, das Windows in den letzten Jahren wohl mehr als 99 Prozent aller Schad-Software-Anfälligkeiten verbuchen musste, hielt immer als Beleg für die Überlegenheit der Apple-Systeme her.

Pragmatiker warnten da seit langem, das der Eindruck täuschen könne: Apple-Software sei einfach kein lohnendes Ziel für Cracker und Kriminelle, weil zu wenig verbreitet; Linux und Apple zudem in IT-fitten Kreisen zu beliebt, um Cyber-Vandalen als Ziel zu dienen. Die implizite Warnung: Wenn Apples Erfolg wachse, werde es auch wahrscheinlicher, dass sich die Viren-Angriffe häuften.

Denn ganz ohne Schad-Software-Attacken verlief die Apple-Geschichte durchaus nicht. Immer wieder tauchten Viren und Trojaner auf, die auf Apple zielten. Sie alle hatten nur eines gemein: Sonderlich wirksam waren sie nicht. Während Windows gern und oft röchelnd verreckte, erkältete sich hier und da ein Mac ein wenig. Schlagzeilen machte das nie, zumal die meisten der Mac-Viren auch in anderer Hinsicht wenig potent waren.

Traumergebnis: 28.300 zu 44

Und im Vergleich so selten, das bis heute viele Mac-Nutzer auf eine Virenschutz-Software verzichten. Die Apple-Systemberatung architektenwerk aus Stuttgart hat 63 Virenversionen für Apple  Mac OS 9 und X zusammengetragen - und musste dafür schon tief in der Apple-Historie bis zurück in die Achtziger Jahre graben. In der aktuellen Virendatenbank des IT-Sicherheitsunternehmens Sophos stehen 44 aktive Mac-Viren derzeit rund 28.300 Windows-Viren gegenüber - das ist deutlich .

Unter den Windows-Viren finden sich Schadprogramme, die sich schon auf dem Rechner einnisten, wenn der Nutzer sich auch nur ungeschützt im Internet bewegt: Sie werden über Scripte eingeschleust, nutzen Sicherheitslücken im Internet-Browser aus oder suchen sich per Portscan einfach offene Lücken im Betriebssystem. OSX.RSPlug.A ist zumindest noch auf die aktive Mithilfe des arglosen Nutzers angewiesen.

Die Schattenseite der Geschichte: Davon gibt es immer mehr. Waren Macianer lang eine eingeschworene Stammkunden-Gemeinde, werden Apples Rechner zunehmend attraktiv selbst für Computerneulinge - und Apples Mac OS wird damit zum lohnenderen Ziel für Kriminelle. Das erhöhte Gefahrenpotenzial ist insofern tatsächlich ein Preis für wachsenden Erfolg.

Schad- und Spähsoftware

Kritik muss Apple zudem dafür einstecken, dass etwa die Sicherheitsstandards von Leopard niedriger sind als die der Vorläuferversion. Von einem löchrigen System zu sprechen ist trotzdem überzogen. Noch darf Mac OS als relativ dichtes System gelten, viel seltener als andere Entwickler kommt Apple in Zugzwang, Flicken fürs System anbieten zu müssen. Doch Verdienste der Vergangenheit schützen nicht vor den Schäden von morgen: Der Beweis, dass kräftige Schadprogramme gegen Apple-Rechner zu konstruieren sind, ist mit OSX.RSPlug.A endgültig erbracht.

Außerdem ist Quantität kein Maßstab für die IT-Sicherheitslage. Man braucht keine 28.000 Viren, um dem Ruf eines Betriebssystems und seinen Nutzern zu schaden, man braucht einige wenige kraftvolle im Umlauf. Security by Design gibt es nicht, so lange Cyber-Vandalen und Cracker herumlaufen, denen mehr einfällt, als den Software-Entwicklern. Bedenklich scheint, dass es nach Veröffentlichung des neuen Systems gerade eine Woche brauchte, bis das erste ernsthafte Schadprogramm in Umlauf kam. Auch für Macs dürfte künftig die Devise der Kondom- und IT-Industrie gelten: Niemals ohne.

Die meisten Anbieter von Mac-Virenschutz-Software haben ihre Scanner gegen OSX.RSPlug.A übrigens auf den neusten Stand gebracht.

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