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29. März 2007, 12:46 Uhr

Krise der Musikbranche

Hoffnungsträger Downloadmusik

Auch die zunehmende Zahl legaler Musik-Downloads hat der Musikindustrie nicht zum erhofften Aufschwung verholfen. Im vergangenen Jahr fielen die Umsätze erneut. Die Branche gibt Musikpiraten die Schuld und will härter gegen Raubkopierer vorgehen.

In der Öffentlichkeitsarbeit der Deutschen Phonoverbände hat sich der Wind offenbar gedreht. Statt wie bisher auf Raubkopierer herum zu hacken, scheint man das Internet mittlerweile als Chance für die Branche zu begreifen. So betitelt die Pressestelle der Phonoverbände ihre Meldung zu den neuesten Umsatzzahlen mit der Überschrift "Internet ist Hoffnungsträger".

Verhältnis von legalen zu illegalen Downloads: Auf einen gekauften Song kommen 14 geklaute

Verhältnis von legalen zu illegalen Downloads: Auf einen gekauften Song kommen 14 geklaute

So hoffnungsvoll stimme die Branche, dass immer mehr Anwender sich Musik legal aus kommerziellen Online-Shops herunterladen. 2006 stiegen die Download-Umsätze im Vergleich zum Vorjahr um 40 Prozent auf 42 Millionen Euro. Mit 17,9 Prozent Umsatzanteil ist das Internet nach den Elektrofachmärkten der zweitwichtigste Vertriebskanal für die Musikbranche. Das reiche aber noch nicht aus, um den rückläufigen Tonträgerumsatz zu kompensieren.

Das liegt vor allem daran, dass der Umsatz mit Tonträgern weiterhin rückläufig und eine Trendwende am deutschen Musikmarkt nicht in Sicht ist. Diese Entwicklung sowie die Musikpiraterie im Netz drückten den Branchenumsatz 2006 um 2,4 Prozent auf 1,7 Milliarden Euro. Die Deutschen Phonoverbände kündigten am Donnerstag in Berlin an, weiterhin hart gegen illegale Downloads aus dem Internet vorgehen zu wollen.

"Trotz unserer Erfolge bei der Eindämmung der Internet-Piraterie blockieren die hohe Zahl illegaler Downloads und der weiter wachsende Anteil von Privatkopien nach wie vor den Turnaround", erklärte der Geschäftsführer der Deutschen Phonoverbände Peter Zombik.

Denn das Netz bringt der Musikindustrie nicht nur Umsatz, es nimmt ihr auch Erlöse: Die Branche schätzt den durch Online-Piraterie und Musikkopien entstandenen Schaden für 2006 auf 6,8 Milliarden Euro. Zwar sei die Zahl der illegalen Downloads 2006 auf Grund der konsequenten Pirateriebekämpfung von 412 Millionen auf 384 Millionen Titel zurückgegangen. Trotzdem kämen auf einen legalen noch immer rund 14 illegale Downloads, teilten die Verbände mit.

Unverändert steige auch die Zahl privater Kopien. Jeder zweite Deutsche ab zehn Jahren brenne CDs oder DVDs, vor allem Musik. Auf eine verkaufte CD, so die Verbände, kämen drei Kopien.

Beim Verkauf physikalischer Tonträger haben vor allem Single-CDs an Popularität verloren, von denen im Vergleich zum Vorjahr elf Prozent weniger verkauft wurden. Diese Entwicklung ist offenbar auf die große Beliebtheit von Einzel-Downloads zurückzuführen. 2006 wurden 28 Prozent mehr Einzeltitel aus dem Netz heruntergeladen, insgesamt 25,2 Millionen Songs. CD-Alben hingegen konnten sogar leicht zulegen und wurden übers Jahr gerechnet 149,5 Millionenmal verkauft. Über den Online-Tresen gingen hingegen nur 1,9 Millionen komplette Download-Alben.

Den Kampf gegen illegale Downloads will die Branche konsequent weiterführen. "Allein seit Jahresbeginn haben wir 15.000 Strafverfahren eingeleitet und werden diese Zahl bei Bedarf weiter erhöhen", erläuterte Vorstandsvorsitzender Michael Haentjes. "Wir wollen niemanden kriminalisieren, aber die aktuelle Rechtslage zwingt uns dazu, den Weg der Strafverfahren zu gehen." Die betroffenen Labels würden die Schadensersatzzahlungen für Projekte zur musikalischen Grundbildung an Schulen einsetzen. Die Verbände vertreten rund 350 Labels, die mehr als 90 Prozent des deutschen Musikmarktes repräsentieren.

mak/rtr

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