Kunden-Überwachung Wanzen auf Rasierklingen

Wer automatisch an den Staat denkt, wenn er von Orwell'scher Überwachung hört, sollte gelegentlich bei Tesco einkaufen gehen. Die britische Supermarktkette hat zugegeben, mit Kameras einzelnen Kunden nachzuspionieren. Die hatten zuvor nichts weiter getan, als Rasierklingen zu kaufen.


Überwachungskamera: Neuerdings auch chipgesteuert
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Überwachungskamera: Neuerdings auch chipgesteuert

Rasierklingen, das lernt man meist früh, können gefährlich sein. Dass die messerscharfen Winzlinge aber selbst im verpackten Zustand für manche Überraschung gut sind, wurde jetzt in einem Supermarkt im britischen Cambridge deutlich.

Wer eine Packung jener überschallschnellen Rasierklingen aus dem Regal nahm, wurde von den Überwachungskameras nicht mehr aus den elektronischen Augen gelassen. An den Klingen war, wie die Tageszeitung "The Guardian" berichtet, ein elektronisches Etikett befestigt, das die Kamera auslöste, sobald der Kunde zugriff. Eine zweite Kamera habe den Nichtsahnenden dann am Ausgang ins Visier genommen. Der Vergleich der Bilder solle helfen, Langfingern auf die Schliche zu kommen.

Ein Tesco-Sprecher bestritt das gegenüber der Zeitung vehement. "Die Kunden wissen, dass es in dem Geschäft Kameras gibt", sagte er und behauptete steif und fest, die Überwachung diene lediglich der Analyse des Kaufverhaltens. Dummerweise hatte da der Leiter der ins Zwielicht geratenen Filiale dem "Guardian" schon stolz beschrieben, wie er dank Funkchip geschossene Ladendieb-Fotos der Polizei übergeben hatte.

Überwachung auch nach dem Einkauf möglich

Einzelhandelsunternehmen setzen dem Bericht zufolge große Hoffnungen in die neue Technologie, bei der kleine Chips per Funk Informationen an bis zu sechs Meter entfernte Sensoren übermitteln - von der einfachen Seriennummer bis hin zu komplexen Produktdetails oder, wie bei Tesco, um eine Kamera zu aktivieren.

Der Clou an den Chips ist, dass sie ohne weiteres auch lange nach dem Einkauf noch funktionieren können. Bürgerrechtsgruppen haben deshalb bereits lautstarke Kritik geäußert, zusätzlich befeuert durch Ankündigungen der Hersteller, künftig alle möglichen Produkte mit Funkchips auszustatten - von Rasierklingen über Handtaschen bis hin zu Pullovern. Sollte das geschehen, könnte schon bald jedermann zahlreiche kleine Signalgeber mit sich herumtragen. Und durch sie könnten nicht nur Polizisten, sondern auch Kriminelle leicht erfahren, was ihr Gegenüber so bei sich hat.

Was Jon Parsell von Radio Frequency Identification Components mit Sitz im britischen Bedford zur Beruhigung vorträgt, wirkt vergleichsweise schwach: "Man kann das Etikett deaktivieren, indem man die gespeicherten Daten entfernt", sagte er dem "Guardian". "Und das kann an der Kasse geschehen." Kann, wohlgemerkt. Ob der Chip aber wirklich ausgeschaltet wird oder immer noch sendet, dürfte für den nicht mit Spezialgeräten ausgerüsteten Normalkunden schwer kontrollierbar sein.

Wie leicht Chipträger überwacht werden können, zeigt das Beispiel der Londoner U-Bahn. Das Verkehrsunternehmen Transport for London (TfL) verwendet Funkchips auf Dauerfahrkarten, um seine Kunden schneller und einfacher durch das U-Bahn-Netz zu bringen. Allerdings räumte der Hersteller TransSys ein, dass die Tickets noch viel mehr können - zum Beispiel die Wege des Kunden zu verfolgen. Alle Fahrten, sagte Unternehmenssprecherin Nicole Carroll, werden in einem Zentralcomputer gespeichert. Und das für die gesamte Lebensdauer der Karte.



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