Leben in der Surflücke II Wimax - überschätzte Technik?

Der schnelle und reichweitenstarke Datenfunk Wimax verspricht nicht nur, den Internet-Nutzern auf dem platten Land endlich "Breitband" zu bringen, sondern gilt auch als Weg zum "Triple Play" aus TV, Telefon und Internet. Manche Experten warnen jedoch vor überhöhten Erwartungen.


Ein neues Modewort macht in der Telekommunikation die Runde: Die Technik Wimax wird vielfach schon neben schnellem DSL-Internet, UMTS-Mobilfunk und TV-Kabel als vierter Weg in die Breitbandwelt bejubelt. Rund um die Cebit gibt es neue Nahrung - die Deutsche Telekom kündigt den Einsatz an, Chiphersteller wie Intel und Ausrüster wie Motorola zeigen fortgeschrittene Lösungen, die Bundesnetzagentur meldet großes Interesse an entsprechenden Frequenzen. Aus Sicht außenstehender Experten sind die Geschäftsaussichten in Deutschland und den anderen Industriestaaten aber begrenzt.

Wimax-Antenne (Vordergrund): Theoretisch "breit", in der Praxis eher schmalbandig?

Wimax-Antenne (Vordergrund): Theoretisch "breit", in der Praxis eher schmalbandig?

Telekom-Festnetzvorstand Walter Raizner geriet auf der Hightechmesse ein bisschen ins Schwärmen, als er die drahtlose Übertragungsmöglichkeit als "zukunftsweisende Anschlusstechnologie" vorstellte: "Wir betrachten Wimax als einen weiteren Schlüssel beim Engagement für eine flächendeckende Breitbandversorgung in der Bundesrepublik." Wimax ist eine Art WLan-Funknetz in Riesenformat: Daten und Sprache sollen in hohem Tempo und über viel größere Entfernungen als in einem herkömmlichen Hotspot auf die Reise geschickt werden.

In zahlreichen Ländern ist Wimax schon im kommerziellen Einsatz - von Frankreich über Mexiko und Mauritius bis zu den Philippinen. Der US-Konzern Intel, der die Entwicklung vorantreibt, registrierte bis Ende vorigen Jahres über 20 Netzbetreiber, die Breitbandzugänge auf Basis seiner Technik einsetzen. In Deutschland ist es bislang ein kleines Unternehmen, das mit dem Chipriesen als Gesellschafter Wimax vertreibt und ehrgeizige Ziele hat: Die Deutsche Breitband Dienste GmbH (DBB) hatte zunächst Heidelberg und Teile Berlins vernetzt und schickt sich an, bis Ende des Jahres eine Million Haushalte zu erreichen.

Die Kunden sollen über Wimax Internet, Telefon und Fernsehen beziehen - eben jenes "Triple Play", für das etablierte Unternehmen wie die Telekom oder Arcor jetzt ihre DSL-Netze aufrüsten. In Österreich ist das Telefonieren über die neue Technik bereits Wirklichkeit. Deutschland ist noch nicht so weit. Vorreiter DBB nutzt zwar umgewidmete Frequenzen aus ihrem Bestand, die eigentlich für eine längst zu Grabe getragene Technik, den lokalen WLL-Richtfunk, dienten.

Das Kabel ist kräftiger

Wer die Kanäle nicht besitzt, ist auf die Regulierungsbehörde angewiesen - und die vermeldete dieser Tage ein großes Interesse: Rund 900 Anträge seien eingegangen und zeigten, dass schnell ein flächendeckendes Breitbandangebot im stellenweise noch unterversorgten Deutschland erreicht werden könne, sagte Behördenpräsident Matthias Kurth. Zu denen, die Frequenzen beantragt haben, gehört die Deutsche Telekom. Rivale Arcor, der wie der Platzhirsch einen Wimax-Feldversuch laufen hat, besitzt noch WLL-Kapazität. Gedacht wird allenfalls an einen punktuellen Einsatz zur Ergänzung des DSL-Netzes.

Weit enthusiastischer zeigen sich naturgemäß die Hersteller. Motorola etwa teilte auf der Messe mit, mit Wimax seien Übertragungsraten bis zu 108 Megabit in der Sekunde möglich seien, mehr als doppelt soviel wie mit dem geplanten DSL-Supernetz der Telekom. Doch das ist noch Zukunftsmusik und das behauptete Tempo nur der theoretische Laborwert.

"In der Praxis sind Durchsatzraten von zwei bis sechs Megabit bei Reichweiten von sechs bis zehn Kilometern realistisch", sagt Jan Wittek von der Unternehmensberatung A.T. Kearney. Und der mobile Standard werde nicht vor 2008 kommen. Einstweilen müssen sich die Anwender mit einer stationären oder bestenfalls portablen Nutzung begnügen - die Geräte können zwar herumgetragen werden, schaffen aber noch nicht den Wechsel von einer Funkzelle in die andere.

Eine Gefahr für Internetbetreiber, Kabelgesellschaften und Mobilfunker sieht Wittek nicht. Wimax werde nicht an das extrem hohe Tempo der festen Leitungen reichen. Und der Mobilfunk, der jetzt auf DSL-Geschwindigkeit komme, habe einen deutlichen Zeit-Vorsprung wegen seiner riesigen Kundenzahl und der schon bestehenden Netze. In Deutschland werde Wimax nur eine Nischenposition erringen können, zum Beispiel in Regionen ohne größere kabelgebundene Breitbandnetze.

Stefan Paul Mechnig, Dow Jones Newswires/ddp

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