Live Mesh Microsoft strickt am Übernetz

Das Internet als Zentralspeicher und verbindendes Element für all unsere PCs, Laptops und Handys: Microsoft will diese Idee verwirklichen. Live Mesh nennt der Konzern eine neue Technologie, mit der Daten und Programme tatsächlich jederzeit, überall und auf jedem Gerät verfügbar sein sollen.

Der Name ist Programm: Live Mesh hat Microsoft seine neue Technologie getauft. Ein Mesh, das ist ein feinmaschiges Netz - ein sinnbildlicher Name für ein Netz, das viele Knotenpunkte miteinander verwebt, Verbindungen zwischen all diesen Knoten herstellt. Genau so soll Microsofts Live Mesh funktionieren. Mit ihm soll man als Anwender von jedem seiner computerisierten Geräte auf jedes andere zugreifen können. Fotos, Musik, Videos, aber auch Programme und Datenbanken soll man jederzeit von überall auf der Welt abrufen und nutzen können. Das Internet wird damit zum Bindeglied und Datenspeicher zwischen den Geräten, die online zu einer Art Datenwolke verschmelzen.

Neu ist die Idee nicht, aber zufriedenstellend umgesetzt hat sie noch niemand. Schon seit langem kann man Daten zwischen Computern, PDAs, Handys und MP3-Playern austauschen. Schon seit langem ist es möglich, PCs miteinander zu vernetzen oder gar via Internet fernzusteuern. Bislang jedoch waren all das Einzellösungen, die nicht miteinander zusammenarbeiteten, oft umständlich zu handhaben waren und immer wieder manuell aufgerufen werden mussten. Das soll beim Mesh anders sein, verspricht Microsoft-Chefentwickler Ray Ozzie.

Dass Microsoft gerade jetzt mit einer Technologie auftrumpft, die sich das Internet zunutze macht, um ein virtuelles Netz zu stricken, ist kein Zufall. Die Zeit war wohl einfach reif für ein System wie dieses: Google machte Microsoft in den vergangenen Jahren zunehmend Konkurrenz mit vernetzten Online-Programmen, die Microsofts jahrzehntelange Vorherrschaft auf dem Office-Softwaremarkt angreifen.

Microsoft geht jetzt noch einen Schritt weiter, lässt die Grenzen zwischen physischem Arbeitsplatz und Online-Zugriff verschwimmen. Technisch gibt es kaum noch Hürden: Speicherplatz kostet nur noch wenige Cent pro Gigabyte, Breitband-Internet wird in vielen Haushalten zum Standard, ist über die Mobilfunknetze der dritten Generation vielerorts auch drahtlos verfügbar, und selbst mobile Geräte verfügen über ausreichend Rechenpower, um große Datenmengen zügig verarbeiten zu können.

Alles, aber einfach

Und das müssen sie auch, wenn man sich anschaut, wie das Live Mesh arbeitet. Die grundlegende Funktionsweise ist simpel: Alle Geräte werden über eine Microsoft-Software zusammengeschaltet. Die nistet sich tief im Betriebssystem ein, so dass man beispielsweise unter Windows nach Klick auf die rechte Maustaste im Kontextmenü einen neuen Eintrag findet, über den man einzelne Ordner im Mesh freigeben kann. Ebenso kann man beispielsweise Programme per Mausklick für die Remote-Nutzung freigeben.

Und das scheint wirklich einfach zu sein. Bei einer Demonstration holte ein Microsoft-Entwickler von seinem Laptop aus per Mausklick den Desktop seines Arbeits-PCs auf den Bildschirm, steuerte mit der Laptop-Maus den weit entfernten Rechner fern. Dieselbe Technologie, so seine Erklärung, werde schon jetzt von der Remote-Desktop-Funktion in Windows genutzt. In Live Mesh aber ist die Anwendung ungleich einfacher. Zudem überwinde die Fernsteuerung in Live Mesh jegliche Hindernisse, die sich ihr in den Weg stellen, also beispielsweise störrische Firewalls in Firmennetzwerken - es ist unwahrscheinlich, dass das die Netzwerk-Administratoren in Unternehmen so erfreuen wird wie die Microsoft-Entwickler.

Geben Sie Speicherplatz

Fotos, Texte und alle anderen Dateien werden über freigegebene Ordner synchronisiert. Alles, was man in einem solchen Ordner wirft, wird automatisch auf alle anderen Geräte im Mesh kopiert, die eine Verknüpfung zu diesem Ordner enthalten. Der Haken dabei: Statt nur Verknüpfungen der Originaldateien anzulegen, werden offenbar exakte Kopien der Originaldaten angelegt, was natürlich auf jedem Gerät Speicherplatz kostet. Gleichzeitig werden die Daten aber auch in einem Online-Speicher abgelegt, auf den man wiederum mit dem Webbrowser zugreifen kann.

Ohnehin sollen sich die Live-Mesh-Dienste generell per Browser nutzen lassen. Das sei zwar nicht genauso schnell wie mit der Live-Mesh-Software, ermögliche es aber, beispielsweise vom Rechner eines Freundes oder vom Miet-PC im Internetcafé aus eine Powerpoint-Präsentation zu bearbeiten, die man auf dem Büro-PC erstellt hat.

Nie mehr allein

Logisch, dass Microsoft beteuert, dabei Sorge zu tragen, dass sich keine ungebetenen Besucher diese Freiheit zu eigen machen können. Als Ausweis, um das Live Mesh nutzen zu können, soll deshalb eine Windows-Live-ID vonnöten sein. Für den Konzern hat das den gewollten Nebeneffekt, dass auf diese Weise neue Nutzer in das Netz der Live-Dienste, wie etwa Live Search und Live Maps, gespült werden.

Nebenbei werden diese Live-IDs aber auch genutzt, um User miteinander zu verbinden. So kann man Freunde und Familie dazu einladen, den Ordner mit den Kinderfotos regelmäßig aktualisiert über das Mesh zu beziehen. Aber bei solchen Spielereien muss es nicht bleiben. Natürlich können sich auf diese Weise auch Arbeitsgruppen miteinander vernetzen, die Früchte ihre Bemühungen untereinander austauschen. Damit man dabei nicht den Überblick verliert, kann man sich via Mesh beispielsweise anzeigen lassen, wer den jeweiligen Ordner gerade geöffnet hat und wer mit welchen Dateien hantiert.

Noch lange nicht fertig

Doch bislang scheint noch nicht geklärt, wie das System überhaupt finanziert werden soll. Im Gespräch sind sowohl kostenpflichtige Abomodelle, als auch gebührenfreie werbefinanzierte Systeme. Noch aber ist all das Zukunftsmusik, denn wie so oft bei neuen Produkten, ist auch das, was es von Live Mesh bislang zu sehen gibt, lediglich eine sogenannte "Technology Preview ", also eine Demonstration der Technik.

So kann die von Ozzie bei der Vorstellung in der Nacht zum Mittwoch gezeigte Live-Mesh-Vorabversion bislang nur Windows-PCs miteinander vernetzen. Bevor nun aber alle Mac-User aufschreien und sich beklagen, der Konzern aus Redmond hätte kein Herz für sie: hat er doch. In Zukunft sollen auch Macs in die Datenwolke aufgenommen werden. Und natürlich Mobilgeräte - die allerdings müssen auf Microsofts Windows Mobile-Betriebssystem basieren. All die Nokias, Samsungs und iPhones dürften damit außen vor bleiben.

Wer das alles ausprobieren will, braucht allerdings noch reichlich Geduld. Vorerst ist die Testversion nur einer vergleichsweise kleinen geschlossenen Gruppe von 10.000 Beta-Testern zugänglich. Ein breiter angelegter Testlauf mit mehr Teilnehmern ist erst ab Oktober dieses Jahres geplant. Für den kann man sich allerdings schon jetzt über Microsoft Connect  bewerben, sofern man eine Windows-Live-ID hat. Aber die kann man sich ja bei Microsoft anlegen - kostenlos.

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