Löchrige Datenarchive Angst vor der digitalen Amnesie

Musik ist digital, Kommunikation ist digital, wahrscheinlich wabern bald auch Bücher nur noch als Bits und Bytes durch die Datennetze. Doch werden die kulturellen Schätze so Jahrtausende überdauern - und was werden Archäologen dereinst noch von uns finden?

Ein Archäologe, der im Jahr 2525 Reste unserer Zivilisation ausgräbt, wird mächtig staunen. "Wie kann es sein", wird er sich fragen, "dass von einer Kultur, die sich technisch so schnell so weit entwickelt hat, so wenig übrig bleibt?" Denn so viel ist sicher: Wenn die Digitalisierung der Medien in dem Maße voranschreitet wie bisher, wird er kaum lesbare Überbleibsel von dem finden, was unsere Gesellschaft geschaffen hat.

Dabei hätte die Menschheit so vieles zu vererben. Einer IDG-Studie zufolge wird der digitale Datenberg bis 2010 auf fast 1000 Milliarden Gigabyte anwachsen. Das wäre in etwa das Zwanzigfache der bis heute in Buchform publizierten Daten. Den Löwenanteil davon machen private Daten aus, vor allem Digitalfotos und Videos. Auch Bücher werden, wenn alles nach den Plänen der E-Book-Hersteller geht, nicht mehr lange als physisch greifbare Medien überleben und künftig als Bits und Bytes durch Netzwerke und Lesegeräte wabern.

Doch wie lange sind digitale Daten eigentlich haltbar?

Über diese Frage grübeln Archivare, Kuratoren und Bibliothekare schon seit Jahren . Was kommt im digitalen Zeitalter nach dem Papier? Welches Medium wird das Holzprodukt als verlässlichen Langzeitdatenspeicher beerben?

Vorbild Buch

Zwar sind auch Bücher nicht ewig haltbar, nach aktuellem Wissensstand jedoch länger als digitale Daten. Und das umso besser, je älter sie sind. So sind Papyrus-Schriften aus der Antike noch heute lesbar.

Auch beim Buchdruck hat der Fortschritt die Haltbarkeit des Produkts negativ beeinflusst. Denn seit Mitte des 19. Jahrhunderts wird Holz als Grundstoff für die Papierherstellung verwendet. Solches Papier übersäuert zusehends, wird spröde, trocken und empfindlich, zerfällt schließlich oder droht von Schädlingen gefressen zu werden.

Digitale Speichermedien scheinen vor solchen Übergriffen gefeit. Solange man sie nicht übermäßigen schädlichen Einflüssen aussetzt, halten sie ewig - oder?

Für die rein physische Beschaffenheit mag das stimmen, zumindest in den Grenzen menschlicher Maßstäbe. Die Metalle und Kunststoffe, aus denen moderne Datenträger aufgebaut sind, zersetzen sich nur sehr langsam, dürften Jahrhunderte überdauern.

Die darauf gelagerten Daten dagegen nicht.

Festplatten brauchen zu viel Pflege

Für die Langzeitarchivierung als am wenigsten geeignet werden üblicherweise Festplatten angesehen. Diese Datenträger sind für den Dauereinsatz ausgelegt, sollen vor allem schnell sein. Das wissen auch die Hersteller. Die geben üblicherweise Funktionsgarantien von drei bis fünf Jahren. Wer die Geräte länger lagert, sollte sie zumindest regelmäßig in Betrieb nehmen. Ansonsten, warnen Experten, könnte beispielsweise nach einigen Jahren das Schmiermittel in den Lagern des Antriebsmotors aushärten und die Platte unbrauchbar machen.

Außerdem müssten Festplatten regelmäßig von Testprogrammen überprüft werden. Der größte Feind magnetischer Speichersysteme wie Festplatten sind nämlich Magnetfelder, die die Speicherschicht verändern und schlimmstenfalls unbrauchbar machen. Eben deshalb müssten Festplatten vor derartigen Einflüssen geschützt gelagert werden. Viel Aufwand also für ein Datenarchiv.

Auch optische Medien können vergessen

Auch weil sie viel leichter zu handhaben und zu lagern sind, werden deshalb gerne CD-Roms und DVDs als Langzeitdatenträger herangezogen. Zum einen, weil es sie in nur einmal beschreibbaren Versionen gibt, nachträgliche Manipulationen ihrer Inhalte also nicht möglich sind. Zum anderen aber, weil sie in dem Ruf stehen, ihre Inhalte besser über lange Zeiträume zu retten als magnetische Speichermedien.

Das stimmt aber nur zum Teil. So meldete das Deutsche Musikarchiv  2007, bei mindestens 200 Musik-CDs aus den Jahren 1983 bis 1986, Zersetzungserscheinungen festgestellt zu haben. Offenbar sind hier die Aufdrucke der CDs schuld an dem Malheur. Sie fressen sich langsam durch die Kunststoffschichten des Datenträgers, beeinträchtigen dessen Lesbarkeit. Selbst unter perfekten Lagerungsbedingungen könne man den langsamen Zersetzungsprozess von CDs nicht aufhalten, sagte damals der Leiter des Archivs.

Laut Sony bestehen solche idealen Lagerungsbedingungen bei einer Umgebungstemperatur von 25 Grad und weniger als 50 Prozent Luftfeuchtigkeit. Außerdem müssten die Datenträger vor Sonne, Gasen, Säuren und Lösungsmitteln geschützt werden. Wer sich an diese Vorgaben hält, soll bei Sony-Rohlingen der Variante Silver mit 35 Jahren Haltbarkeit belohnt werden. Die auf Archivierungssysteme spezialisierte Disc GmbH geht sogar von 50 Jahren aus, die eine moderne Blu-ray-Disc durchhalten soll. Mindestens.

Die Technologie altert zu schnell

Das eigentliche Problem aber dürfte weniger die Haltbarkeit als vielmehr die Lesbarkeit der Medien sein, erklärt Chuck Hollis , Vice President of Technology Alliances der EMC Corporation, SPIEGEL ONLINE. "Vor 20 Jahren haben wir 5 1/4-Zoll-Floppys und Programme benutzt, die es heute nicht mehr gibt. Um jetzt an derart gespeicherte Daten heranzukommen, müsste man erheblichen Aufwand betreiben", sagt der Speicherspezialist.

Damit beschreibt er das Kernproblem: Viel schneller als die Medien altern, werden sie von neuen Technologien überrannt. So hatten Universitäten arg damit zu kämpfen, Computerprogramme von Lochkarten auf Floppy-Discs oder Festplatten zu übertragen. Die klobigen Kartenlesegeräte waren oft überstürzt aus den Rechenzentren geworfen worden, als Festplatten verfügbar wurden. Neue Computeranlagen hatten zudem nicht die passenden Anschlüsse für die Kartenleser.

Rettung in der Wolke?

Ähnliche Probleme dürften in Zukunft häufiger auftreten. Ein Diskettenlaufwerk ist heute in kaum noch einem PC eingebaut, Netbooks und manche Nettops verzichten schon auf DVD- und CD-Laufwerke. Statt rotierender Medien nutzt man beispielsweise USB-Sticks, um Daten per Turnschuhnetzwerk von einem Ort zum anderen zu tragen.

Aber auch USB wird nur ein vergleichsweise kurzlebiger Standard sein, der früher oder später von neuer Technologie abgelöst wird.

Aufgrund solcher Technologiesprünge sollten "die Kuratoren digitaler Informationen ihre Daten regelmäßig von alten Medien auf neue und aus alten Formaten in neue überführen", rät EMC-Manager Hollis. Zumindest, bis es einen einheitlichen Standard zur Datenarchivierung gibt.

Ob es dazu kommt, ist allerdings fraglich. Besondere Anstrengungen in diese Richtung werden jedenfalls nicht unternommen.

Vielleicht wird die Rettung ja im Datennetz selbst liegen. Die Wolke, das sogenannte Cloud Computing (mehr auf SPIEGEL WISSEN...), avanciert zum Trend. Programme und Daten werde man künftig mehr und mehr in der Wolke und nicht auf einer persönlichen, physisch greifbaren Festplatte abspeichern, sagen Befürworter der Idee. Genau das könnte der Trick sein, der die digitale Hinterlassenschaft tatsächlich über Jahrhunderte oder wenigstens Jahrzehnte rettet.

Denn die Wolke erneuert sich ständig selbst. In den riesigen Speicherbanken der Online-Anbieter werden die Festplatten regelmäßig gegen größere Modelle ausgetauscht, um steigenden Anforderungen gerecht zu werden. Defekte Geräte werden ersetzt, neue Technologien integriert. Auf diese Weise könnte die Datenwolke zu einem digitalen Organismus werden, der sich selbst am Leben erhält, indem er abgestorbene Zellen abstößt und neue entstehen lässt, während er kontinuierlich wächst.

Allerdings, auch dass muss klar sein: Unendlich lange wird selbst diese Methode nicht funktionieren.

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