Microsoft macht Fenster auf Notwehr gegen Linux

Immer mehr Regierungen und Behörden wechseln zu Linux, weil das Open-Source-System als sicherer und Windows als undurchschaubar gilt. Letzteres will Microsoft schon mal ändern: Der Konzern bietet Regierungen Einsicht in den Quellcode an.


Bill Gates (links) mit seinem größten Konkurrenten: Linux hält in immer mehr Behörden Einzug
[M] DPA

Bill Gates (links) mit seinem größten Konkurrenten: Linux hält in immer mehr Behörden Einzug

Niemand weiß besser als Microsoft, dass die Menschen am heimischen PC am liebsten die Programme benutzen, mit denen sie auch am Arbeitsplatz umgehen. Wenn dann noch im Großkundenbereich der Regierungen und Behörden die Marktanteile zu bröckeln beginnen, lässt das eigentlich nur einen Schluss zu: Hier gibt's was zu tun, packen wir's an!

Genau das wollte Microsoft aber lange nicht, denn was zu tun ist, ist ebenfalls klar: Die IT-Sicherheitsexperten vieler Regierungen geben sich mit Windows nur dann noch zufrieden, wenn sie reinschauen dürfen. In dieser Beziehung jedoch ist Microsoft wirklich schüchtern. Der mehre Millionen Zeilen lange Sourcecode des Betriebssystems wird gehütet wie der heilige Gral.

Seit knapp eineinhalb Jahren zeichnet sich ab, dass der Softwarekonzern mit Mauern nicht weiterkommen wird. Im Frühjahr 2002 begann er, Regierungen, mit denen er in Verhandlungen stand, das Angebot zu machen, "Einblick" in den Sourcecode zunehmen.

Eine Mogelpackung, monierten die IT-Leute der Behörden auch in Deutschland und Österreich: Millionen Zeilen Code prüft man nicht mal eben in drei Wochen - genau das hatte Microsoft angeboten.

Der Deutsche Bundestag entschied sich im Juni letzten Jahres für einen Kompromiss, der Microsoft nicht völlig vergrätzte, zumindest aber das Sicherheitsproblem milderte: Sensible Infrastrukturen linuxen künftig, ordinäre Bürorechner dürfen weiter unter Windows "worden". In der Praxis aber sieht es so aus, das die Umstellung von immer mehr Verwaltungseinrichtungen auf Linux längst begonnen hat - eine Entwicklung, die beispielsweise beim amerikanischen Militär bereits zwei Jahre früher eingesetzt hatte.

Dass ihnen also mehr und mehr teure Felle wegschwammen, sah man offenbar auch bei Microsoft nun ein. Ab sofort wird Regierungen, Behörden und anderen wirklich großen Kunden mit Sicherheitsbedenken Einblick "in den größten Teil" des Sourcecodes gewährt. Mehr als das: Den Kunden wird sogar erlaubt, den Code in Maßen ihren jeweiligen Sicherheitsanforderungen anzupassen.

Dazu Microsoft-Cheftechnologe Craig Mundie: "Wir haben ein Geschäftsinteresse daran, dass sich die Leute vollkommen sicher mit unserer Software fühlen".

Jetzt muss es Microsoft nur noch gelingen, die potenziellen Kunden auch davon zu überzeugen, dass sie auch sicher sind: Russland und die Nato wollen schon mal Einblick nehmen, mit "rund 60" Regierungen liefen Verhandlungen. Die gefühlte Sicherheit allein wird diesen potenziellen Großkunden wohl kaum reichen.

Frank Patalong



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.