Midori Windows im Wunderland

Angeblich, gerüchtelte es seit Monaten, bastelt Microsoft längst am System für die Zeit nach Windows. Das ist nicht neu, doch die Details sind prickelnd - das Projekt Midori soll Windows ersetzen und PCs zu Mega-Rechnern vernetzen. Jetzt bestätigte die Firma die Existenz des Projekts.

Von


Midori ist ein gut gehütetes Geheimnis, das trotzdem schon seit Wochen kein richtiges mehr ist. Als erste nannte wohl die Technik-Journalistin Mary Jo Foley in ihrem im Mai erschienenen Buch "Microsoft 2.0" das Kind beim Namen. Seitdem tut sie alles, um die geheimen Tüftler in Redmond zu outen: Midori laute der Name des Entwicklungsprojekts, das irgendwann einmal Ersatz für Windows schaffen solle, und Eric Rudder, stellvertretender Leiter der Strategieabteilung, stehe am Ruder.

Auguren am Werk: IT-Entwickler basteln längst an der Software für künftige Rechnerwelten
[M] Corbis; mm.de

Auguren am Werk: IT-Entwickler basteln längst an der Software für künftige Rechnerwelten

Und ja, Midori sei als Plattform-übergreifendes, extrem vernetztes virtuelles System gedacht. Eine Architektur, die sich im Extremfall per Cloud Computing die Rechenkraft Tausender Prozessoren zu Nutzen machen könne. Schlank, aber mächtig kräftig.

Anwendungssoftware wie IT-Kapazitäten würden in diesem Modell zu einer Dienstleistung, die man nur dann zu zahlen hätte, wenn man sie gerade braucht. Auch die Sicherheit und Stabilität des Systems würde wachsen, zahlreiche Vorgänge könnten parallel ablaufen, ohne die Stabilität eines Betriebssystems zu gefährden. Denn Midori wäre kein Betriebssystem im eigentlichen Sinne, sondern fast ein Ersatz dafür - ein bloßer Mittler zwischen den lokal oder per Netz zur Verfügung gestellten Daten und der jeweiligen Maschine. Denn anders als Windows wäre Midori nicht an eine bestimmte technische Architektur gebunden. Ein Operating-System für die vernetzte Welt.

Seit Ende Juni verdichtete sich die Gerüchtelage in Blogs und Medien zu einer Gewissheit: Microsoft, so der Konsens, arbeite sehr konkret an einer Software-Architektur, die der Firma in der Zeit nach Windows eine kräftige Marktposition sichern soll.

Ende Juli gab es schließlich so viele renommierte Quellen, die sich damit gegenseitig zitierten, dass die Geschichte es endlich in die großen Mainstream-Medien schaffte. Wie gewaschenes Geld hatte es das Gerücht zum Status der Nachricht gebracht - kaum eine großes Medium, das ihr nicht gerne folgte. Die "Software Development Times" schließlich lieferte am vergangenen Dienstag den angeblichen Beweis nach: Die Redaktion, berichtete das IT-Fachblatt, habe Einsicht in interne Microsoft-Dokumente bekommen und könne damit die Gerüchte über Midori bestätigen.

Microsoft selbst hatte bis dahin keinen Mucks dazu von sich gegeben. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE bestätigte der Konzern nun zumindest die Existenz des Entwicklungsprojekts: "Microsoft", heißt es in einer formell-kühlen Replik auf unsere Anfrage, "beschäftigt sich stets damit, innovative Methoden zu erforschen, mit denen Menschen Technik nutzen können. Midori ist eines von vielen Entwicklungsprojekten, die Microsoft betreibt. Daher wollen wir uns dazu zu diesem Zeitpunkt nicht äußern."

Das muss das Unternehmen auch nicht, denn die Midori-Geschichte ist ein Gerücht der besten Sorte: Es ist nicht nur hoch wahrscheinlich, dass wirklich ein Windows-Nachfolger dahinter steckt. Es wäre sogar unverzeihlich, wenn dem nicht so wäre. Denn dass die Software-Zukunft nicht ausschließlich an den kräftigen PC, der lokal alle Daten und Programme vorhält, gebunden ist, scheint klar.

Klingt gut - aber will man das?

Auch dass Microsoft mit entsprechenden Konzepten experimentiert, war seit langem bekannt und seit März 2008 auch offiziell, als Redmond den Source-Code des experimentellen Betriebssystem-Ersatzes Singularity veröffentlichte. Midori soll auf diesem Entwicklungsprojekt fußen: Aus der Singularity-Entwicklung kommt angeblich eine Art Mini-Betriebssystemkern, der zum einen die Kommunikation mit der Hardware leistet, zum anderen die Plattform für die Vernetzung lokal vorliegender wie verteilt angebotener Dienste stellt.

Die liefen dann nicht auf einem Betriebssystem im herkömmlichen Sinn, sondern in einer virtuellen Umgebung und könnten von verschiedensten Geräten und Plattformen aus abgefragt werden. Das wäre das Ende des klassischen OS-Konzeptes - und auch das Ende aller Inkompatibilitäten. Für Tech-Heads klingt das verlockend. So ließ sich die Zeitschrift "Chip" schon hinreißen, das für frühestens nächstes Jahr angekündigte Windows 7 als "Midori-Vorläufer" zu bezeichnen. Es hat vielleicht auch etwas mit dem Frust über Vista zu tun, dass das Midori-Gerücht so bereitwillig aufgegriffen wird.

Und damit, dass, wenn man Midori als gegeben hinnimmt, sich Microsofts Geschichte seit Mitte der neunziger Jahre in Rückschau als konsequente Entwicklung darstellt, die genau auf so ein System hinausläuft. Von .Net bis Live Mesh fügt sich alles ein in die Vision ortsungebundener Rechner und Netzwerke - obwohl das technisch so reizvolle Konzept auf erhebliche Widerstände bei Privatanwendern wie Unternehmen stoßen dürfte. Otto-Normalnutzer wie Firmen-Admins horten ihre Programme und Daten gern vermeintlich sicherer auf dem eigenen Rechner, statt sie ständig über das Internet zu funken. Dass dies so ist, wissen die Software-Entwickler seit Mitte der Neunziger.

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.