Militärs kaufen ein Werkzeuge für den modernen Krieg

Die öffentlichen Kassen sind zwar in allen europäischen Ländern leer, aber die Ausgaben für Rüstungstechnik steigen weiter an. Vor allem moderne Kommunikationstechnik steht auf dem Wunschzettel der Militärs.

Von Michael Voregger


US-Soldat mit Drohne: 92 Milliarden Dollar für Future Combat System
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US-Soldat mit Drohne: 92 Milliarden Dollar für Future Combat System

Die Bundeswehr soll in den nächsten zehn Jahren eine neue Daten- und Kommunikationstechnik erhalten. Das Projekt Herkules hat mit 6,65 Milliarden Euro auf jeden Fall gigantische Dimensionen. Es ist das größte Modernisierungsprojekt in der Geschichte der Truppe. Seit Anfang Juli ruht Herkules allerdings, da die Verhandlungen zwischen dem Bundesverteidigungsministerium und dem privaten Unternehmenskonsortium ISIC 21 gescheitert sind.

Das amerikanische Militär hat das Kernstück seines Modernisierungsprogramms, das Future Combat System (FCS), ebenfalls verschoben. Nach Berichten des "Wall Street Journal" soll es erst 2012 einsetzbar sein. Das FCS ist ein Verbund aus Drohnen, leichteren Panzern und gepanzerten Fahrzeugen, die mit Soldaten und Kommandeuren via Satellit vernetzt werden. Es soll 92 Milliarden Dollar kosten.

Unter der Leitung des US-amerikanischen Unternehmens Boeing sollen modernste Techniken integriert werden, aber Schwierigkeiten bei der Entwicklung haben schon zum zweiten Mal zu einer Verschiebung geführt.

Eine der technischen Grundlagen für das FCS ist das künftige Internet-Protokoll IPv6. Amerikanische Soldaten sollten ab 2010 das Uniform-System "Future Force Warrior" tragen, und für 2020 war die Weiterentwicklung zum "Future Warrior System" geplant. Die futuristischen Uniformen bieten individuellen Schutz vor Angriffen, ein Bord-Computer-Netzwerk und Energiequellen. Der Soldat wird über eine Netzwerkanbindung direkt in das gesamte "Future Combat System" integriert.

Hightech-Landser mit GPS

Bei der Bundeswehr gibt man sich bescheidener und spricht lieber vom "Infanteristen der Zukunft", den das Heer ab 2004 neu ausrüsten will. "Hierzu zählen neben dem tragbaren Kleincomputer mit GPS-Anbindung beispielsweise auch Restlichtverstärker, Laserentfernungsmesser und Wärmebildgeräte", verkündet die Homepage der Bundeswehr.

Grafik: Hightech-Soldat
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Grafik: Hightech-Soldat

Weiter heißt es: "Im Gegensatz zu den US-Streitkräften, die jeden einzelnen Infanteristen mit umfangreicher Computertechnik ausstattet, setzt die Bundeswehr auf eine zehn Mann starke Infanteriegruppe als Grundeinheit, in denen die einzelnen Mitglieder auf einen Aspekt des Infanteriekampfes spezialisiert sind." Neben der Erprobung an der Infanterieschule Hammelburg wurden die Komponenten bereits bei Einsätzen im Kosovo und in Afghanistan getestet.

Kontinuierlich expandieren soll in den nächsten Jahren der Europamarkt für taktische militärische Kommunikationstechnik. So erwartet die Unternehmensberatung Frost & Sullivan einen Anstieg des Jahresumsatzes von gegenwärtig 1,79 Milliarden Dollar auf 2,24 Milliarden Dollar im Jahr 2013.

Als Hauptwachstumsfaktoren nennt die vorgelegte Analyse technologische Fortschritte und die Übernahme einer neuen Militärdoktrin zur netzwerkzentrierten Kriegsführung (NCW - Network Centric Warfare) durch die europäischen Streitkräfte. Große technologische Entwicklungen erwarten die Analysten außerdem in der Sprach- und Datenübertragung innerhalb der Kampfverbände.

Vernetzt über Satellit

Während des Einsatzes deutscher Soldaten 1993 in Somalia kamen erstmals auch satellitengestützte Kommunikationen zum Einsatz. In den ersten Ausbaustufen nutzen die Militärs noch geleaste Kapazitäten, was mit "SatCom Bw Stufe 2" anders werden soll. Vorgesehen ist der Aufbau eines eigenen Systems für eine satellitengestützte Kommunikationsinfrastruktur unter der alleinigen Kontrolle der Armee. Dieses System wird aus mehreren Satelliten, einer Anzahl von Bodenstationen und einem Netzsteuerungssystem bestehen.

Ab 2005 soll das System schrittweise erweitert und 2008 vollständig ausgebaut sein. Damit eröffnen sich für die Bundeswehr alle Möglichkeiten moderner IT-Vernetzung an jedem Standort in und außerhalb Deutschlands. "Die Einführung von SatCom in Europa dürfte durch die positiven Erfahrungen vorangetrieben werden, die die USA mit diesen Systemen in Afghanistan und im Irak gemacht haben, wo die Konflikte von hoher Mobilität geprägt waren", sagt Ben Moores, Analyst bei Frost & Sullivan.

US-Soldaten in Afghanistan: "Netzwerkzentrierte Kriegsführung"
AP

US-Soldaten in Afghanistan: "Netzwerkzentrierte Kriegsführung"

Wichtig für die Umgestaltung der Bundeswehr ist eine Denkfabrik im beschaulichen Waldbröl in der Nähe von Köln. Das "Zentrum für Analysen und Studien der Bundeswehr" trägt seit Juni den Namen "Zentrum für Transformation" und soll helfen, die Armee zu modernisieren. "Wir stehen vor der Aufgabe, die gesamte Bundeswehr dazu zu befähigen, rascher auf Herausforderungen reagieren und den dynamischen Anforderungen gerecht werden zu können", erklärt Generalleutnant Dirk Böcker, Stellvertreter des Generalinspekteurs der Bundeswehr.

Auf dem Wunschzettel deutscher Militärs stehen auch unbemannte Flugkörper. Das Verteidigungsministerium will in den nächsten Jahren für etwa 600 Millionen Euro bis zu sechs Drohnen des amerikanischen Unternehmens Northrop Gunman kaufen.

"Rücksichtsloses Lahmlegen ziviler Kommunikation"

Trotz aller Abkürzungen und wohlklingenden Beschreibungen darf man nicht vergessen, dass es immer noch um militärische Aktionen und das Führen von Kriegen geht. Dabei steht vor alle die Aufrechterhaltung der eigenen Einsatzfähigkeit im Vordergrund. "Sie würden das feindliche Terrain am liebsten durch Tausende von miniaturisierten Robotersensoren und winzige fliegende Videokameras erkunden lassen, die wie Heuschrecken 'ausschwärmen'", sagt der amerikanische Soziologe und Autor Mike Davis.

Deren Informationen würden zu einem panoptischen Bild zusammengefügt, das die gewöhnlichen Bodeneinheiten in ihren Kampffahrzeugen ebenso sehen könnten wie die Vier-Sterne-Generäle in ihren Befehlsständen in Katar oder Florida. "Dies bedeutet zwangsläufig ein rücksichtsloses Lahmlegen ziviler Telekommunikation, der Stromnetze und Autobahnknotenpunkte", erklärt Davis, "was aus Pentagon-Sicht gar nicht schlecht ist, weil es den für die psychologische Kriegsführung zuständigen amerikanischen Einheiten erlaubt, die Bevölkerung zu manipulieren oder, falls nötig, zu terrorisieren."

Ein leistungsstarkes System, das zeitnah alle verfügbaren Informationen bündelt, ist mit Sicherheit ein sehr begehrtes Objekt für Angriffe aus jeder Richtung. Die allumfassende Vernetzung soll nach dem Willen der Militärs die Schlachten der Zukunft entscheiden. Ob das so funktionieren kann, wird vor allem die Sicherheit der eingesetzten Systeme entscheiden. Einzige Schreckensversion für die Generäle: dass netzwerkzentrierte Kriegsführung, unbemannte Drohnen und Kommunikationssysteme von Hackern manipuliert werden könnten.



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