Milliardenzocker Kerviel Von wegen Super-Hacker

Ein bisschen Excel, ein wenig Visual Basic: Mehr musste Jérôme Kerviel offenbar nicht beherrschen, um die Kontrollsysteme seiner Bank auszutricksen - und fast fünf Milliarden Euro zu verzocken.


Endlose Zahlenkolonnen, komplizierte Codes, Manipulationen an der Hardware: So stellt man es sich vor, wenn jemand wie Jérôme Kerviel seine Bank um Milliarden prellt. Doch die Realität sieht anders aus. Ein wenig Erfahrung mit Microsoft Office und regelmäßige Mittagessen mit den Kollegen genügten dem Franzosen offenbar, um Sicherheitskontrollen zu umgehen und Vorgesetzte zu foppen.

Jérôme Kerviel: man muss kein Hacker sein, um eine Bank zu hacken - nur ein Insider
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Jérôme Kerviel: man muss kein Hacker sein, um eine Bank zu hacken - nur ein Insider

Und das tat er sehr effektiv: Kerviel soll der Société Générale mit unerlaubten und vertuschten Spekulationen auf europäische Aktienindizes einen Verlust von fast fünf Milliarden Euro beschert haben.

Als der Skandal bekannt wurde, machten wilde Spekulationen die Runde. Kerviel sei ein Superhacker, habe seine intimen Kenntnisse der Bankcomputer genutzt, um Sicherheitssperren auszutricksen und Kontrollen zu umgehen. Doch diese Spekulationen erweisen sich zusehends als vollkommen überzogen. Nicht nur, dass Kerviel während erster Vernehmungen angab, er habe lange Zeit unter Duldung seiner Vorgesetzten agiert. Offenbar verfügte der Banker nur über grundlegende PC-Kenntnisse.

Low-Tech-Attacke

Das lege zumindest sein Lebenslauf nahe, der seit einigen Tagen durchs Web geistert, schreibt " The Register". Das gescannte Dokument, dem ein Sprecher der Société Générale hohe Authentizität zusprach, listet als Kerviels einzige Computerkenntnisse Microsofts Office-Paket sowie die einfache Programmiersprache Visual Basic auf. Die hat Kerviel offenbar genutzt, um Arbeitsabläufe in der Tabellenkalkulation Excel zu automatisieren, sogenannte Makros zu schreiben.

Mit ebensolchen Makros habe er dann vermutlich Excel-Tabellen manipuliert, die seinen Vorgesetzten zur Kontrolle der aktuellen Handelsabläufe vorgelegt wurden, vermutet "The Register". Darüber hinaus habe Kerviel Zugangscodes von Kollegen, mit denen er sich regelmäßig zum Essen traf, genutzt, um fingierte Konten zu erstellen, über die er seine Milliardengeschäfte abwickelte.

Von tiefen Eingriffen in die Rechnersysteme der Bank sind solche Low-Tech-Hackereien weit entfernt. Dass Kerviel damit durchkam, dürfte tatsächich eher den mangelhaften Sicherheitssystemen der Bank zuzuschreiben sein.

Und auch was Kerviel beruflich tun könnte, wenn sich der Aufruhr um seine Milliardengeschäfte gelegt hat, ist seinem Lebenslauf zu entnehmen: Er könnte als Sportlehrer arbeiten. Dem Dokument zufolge verfügt er über acht Jahre Erfahrung als Judotrainer für Kinder. Ob ihm seine Kollegen ihre Sprößlinge anvertrauen würden?

mak



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