Mitarbeiterüberwachung US-Konzern Honeywell installiert Schnüffelsoftware auf Zehntausenden Bürorechnern

130.000 potentielle Verdächtige: So viele Mitarbeiter hat der US-Konzern Honeywell - und auf nahezu jedem Rechner des Unternehmens ist nach SPIEGEL-Informationen eine Spionagesoftware installiert. Betroffen sind auch Tausende deutsche Mitarbeiter.

"Der Computer ist ein unfehlbarer Zeuge; er kann nicht lügen." Mit diesen Worten beginnt eine Broschüre, mit der das Unternehmen Guidance Software für seine Produktreihe EnCase wirbt - eine digitale Schnüffelhilfe, die es nach den Angaben des Unternehmens erlaubt, "schnell und kosteneffektiv" an Informationen zu kommen. Und zwar an Informationen aus den Computern nicht nur von Straftätern, sondern auch von Angestellten, die ihren Vorgesetzten nicht geheuer sind.

Denn diese Art von elektronischer Ermittlungshilfe wird nicht nur von Strafverfolgern eingesetzt - sondern auch von Unternehmen. Nach Informationen des SPIEGEL auch vom amerikanischen Technologiekonzern Honeywell. EnCase erlaubt demnach jederzeit, die Computer der weltweit 130.000 Honeywell-Mitarbeiter auszuforschen. Auch die der 6000 Angestellten des Unternehmens, die in Deutschland arbeiten.

"Digitale Beweismittel liefern eine ungefilterte Darstellung der Aktivitäten eines Verdächtigen, in seinen oder ihren Worten und Taten aufgezeichnet", preist Guidance Software sein Produkt. An diese Beweismittel soll man mit EnCase herankommen, einer "technischen Lösung für die Erfassung und Analyse digitaler Beweismittel und die anschließende Berichterstattung". EnCase sei der "Branchenstandard", lobt sich Guidance Software in der Werbebroschüre selbst.

Internen Unterlagen zufolge wurde die Software auf nahezu allen Rechnern im Unternehmen Honeywell installiert. Guidance Software selbst wirbt damit, Encase ermögliche den Aufbau von "Ermittlungs-Infrastrukturen für Unternehmen". Im Falle von "Problemen mit der Mitarbeiter-Integrität" erlaube die Software unmittelbare Nachforschungen, "ohne die Ziele zu warnen".

Bereits gelöschte Daten werden wieder sichtbar

EnCase kann laut Angaben des Herstellers in kürzester Zeit den Inhalt der kompletten Festplatte des angezapften Rechners auf einen zentralen Server kopieren und als Beweismittel sichern. Das Programm, das auch von deutschen Sicherheitsbehörden und dem FBI bei der Verbrechensbekämpfung benutzt wird, ist zudem in der Lage, bereits gelöschte Dateien wieder sichtbar zu machen.

Erfahren haben die deutschen Honeywell-Mitarbeiter von der Schnüffelsoftware auf ihren Rechnern erst durch den Tipp eines externen EDV-Dienstleisters. Seither versuchen die Arbeitnehmervertreter, die Anwendung von EnCase zumindest hierzulande zu verhindern und das Programm wieder von den Rechnern nehmen zu lassen, weil es aus ihrer Sicht "in unzulässiger Weise in die Persönlichkeitsrechte der Arbeitnehmer eingreift".

Honeywell dagegen erklärt, man habe EnCase in Deutschland bislang nicht aktiviert. Der Konzern werde die Software nur nutzen, um die Sicherheit seiner Informationen und die Mitarbeiter vor Bedrohungen aus dem Netz zu schützen.

Arbeitsgericht soll Legitimität klären

Ende März soll nun das Arbeitsgericht Offenbach klären, ob Honeywell durch die EnCase-Installation Mitbestimmungsrechte in Deutschland verletzt hat. Juristen halten Programme wie EnCase hierzulande aus Datenschutz- und Persönlichkeitsrechtsgründen für äußerst problematisch.

Bei Guidance Software sieht man das naturgemäß anders. Mit "genaueren, effizienteren und schnelleren Prozessen zur Überprüfung digitaler Beweismittel" könnten Organisationen "die öffentliche Sicherheit verbessern", so das Unternehmen.

cis
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