Mobile Zukunft "So etwas wie ein Big Bang"

Der Medienkritiker Werner Lauff ist Vordenker und Kritiker der Breitbandwelten zugleich. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE beschreibt er neue Möglichkeiten im Mobilfunk, benennt aber auch die Grenzen.


Werner Lauff

Werner Lauff

SPIEGEL ONLINE:

Die SMS hat sich zu einem großen Erfolg entwickelt, bei WAP dagegen hapert es bis heute. Wo liegen die derzeitigen Probleme im Mobilfunk?

Werner Lauff: WAP ist in seiner jetzigen Form unbequem. Der Weg zur Information ist lang, die Darstellung ist spärlich, die Kosten sind hoch, der Nutzen ist begrenzt. Außerdem muss man sich immer wieder einwählen; WAP ist nicht "always on". Hinzu kommt, dass WAP reines "Pull" ist, also immer wieder Initiative vom Nutzer verlangt; der Push-Aspekt fehlt völlig. Die Summe aus allem ist ziemlich schrecklich; folglich gibt es auch auf der Anbieterseite keine großen Anstrengungen, zumal ein Revenue-Sharing-Modell fehlt und Werbeeinnahmen nicht zu erzielen sind. Nichts gegen die WAP-Technologie; sie ist ja, insbesondere in der neuen Generation, leistungsfähig. Aber die Umsetzung war bisher - gelinde gesagt - nicht gelungen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Potenziale sehen Sie für das "Mobile Computing" der nächsten Jahre?

Lauff: Große, wenn man die WAP-Fehler vermeidet und die Always-on-Funktionalität von GPRS und UMTS konsequent nutzt - insbesondere für Location Based Services, also Dienste, die spezifischen Nutzen in der augenblicklichen Situation des Kunden bieten. Immerhin entsteht durch die neuen Techniken erstmals die Möglichkeit, Dienste zu nutzen, die unterwegs den größten Sinn machen. Wenn ich in einer fremden Stadt bin, will ich zum Beispiel am Ende einer Sitzung wissen, wie ich jetzt zu meinem Hotel komme, welches Theaterstück ich besuchen könnte und wo es einen guten Italiener gibt. Das alles ist jetzt nur schwer möglich - auf einem Organizer kann ich die meisten Internetdienste nicht lesen, und ein Laptop ist teuer, ganz zu schweigen von Themen wie Übertragungsgeschwindigkeit und Verbindungskosten.

SPIEGEL ONLINE: Die Bedienung des Telefons überfordert schon heute die meisten Menschen. Sind die neuen mobilen Endgeräte nicht gerade wegen ihrer Funktionsvielfalt ein Problem?

Lauff: Darüber kann man streiten: Wenn ich sehe, mit welcher Geschwindigkeit meine Freunde SMS-Mitteilungen eintippen, dann ist das schon beachtlich. Aber ich glaube ohnehin nicht an den Markterfolg universeller Endgeräte, zumal die zu groß, zu schwer und zu teuer würden. Denken wir lieber zweigleisig: "kleines Telefon für Sprache und (Bild-)Kurznachricht" plus "Organizer mit UMTS-Modul und aufklappbarem Display". Die Bedienung hängt im Übrigen nicht nur von den Endgeräten ab. Das größere Problem sind die Inhalte, bei denen wir mehr Einfachheit benötigen. Das World Wide Web ist ja mit Frames, Scripts, Applets, Controls und Plug-ins geradezu überschwemmt. Wir brauchen für mobile Endgeräte eine neue Formenstrenge, zum Beispiel wie bei SPIEGEL ONLINE über "Avantgo". Da steht vieles drin, es bietet großen Nutzen, ist hoch aktuell und trotzdem schnell und einfach zu bedienen.

SPIEGEL ONLINE: Sind MMS und i-mode bereits die ersten Vorläufer der neuen UMTS-Technologie?

Lauff: Ja, aber man darf die Testwirkung nicht überschätzen. MMS läuft erst auf ein paar Geräten und i-mode nur bei einem Betreiber. Der Marketingaufwand ist unter solchen Voraussetzungen natürlich enorm hoch. Erst mit UMTS wird der Massenmarkt entstehen. Ich denke auch, dass man UMTS-Dienste nicht schleichend einführen kann. Erst ein umfangreiches Inhalte-Bouquet mehrerer Netzbetreiber wird genug Anreize bieten, UMTS-Endgeräte zu kaufen. Hier muss eine konzertierte Aktion stattfinden und so etwas wie ein "Big Bang".

SPIEGEL ONLINE: Werden die Mobilfunkunternehmen andere Abrechnungs- und Tarifmodelle einführen müssen, damit UMTS ein Erfolg wird?

Lauff: Natürlich. Eine Always-on-Technologie kann nicht zeitabhängig tarifiert werden. Man muss viel stärker nutzenorientiert denken. Erst wenn der Anwender zu dem Service vorgedrungen ist, den er will, darf es Geld kosten. Und eines ist ja auch klar: Die Netzbetreiber müssen einen Großteil ihrer Investitionen über Inhalte und E-Commerce refinanzieren; über die reine Übertragungs-Dienstleistung wird das nicht gelingen.

SPIEGEL ONLINE: Die eine Killerapplikation für UMTS wird es nicht geben, aber was werden die erfolgreichsten Anwendungen der mobilen Zukunft werden - wagen Sie eine Prognose?

Lauff: Die "Umfeldkarte", die mir zeigt, wo die nächste Haltestelle ist und wann die Bahn fährt, welchen Stau ich vermeiden sollte und dass es hundert Meter entfernt eine McDonald's-Filiale gibt, die Hawaii-Burger führt - das wäre so eine Anwendung, die Sinn macht. Im Grunde muss man so vorgehen: Wir müssen uns anschauen, welche Inhaltenutzungen jetzt im mobilen Bereich unbequem sind. Das sind die Potenziale. Dann müssen wir sehen, ob die neuen Netze das ändern können. Das ist so eine Art "Medienzukunfts-Formel": Wenn da ein Defizit ist, das sich verbessern lässt, dann kann es auch erfolgreich werden. Ist da aber gar kein Defizit, dann kann man diese Anwendung gleich streichen. Sie können mit UMTS nur die Welt verbessern, sie aber nicht verändern.

SPIEGEL ONLINE: Wird UMTS unsere mobile Kommunikation verändern?

Lauff: Kaum, wenn wir darunter "A spricht mit B" verstehen. Sehr, wenn wir über Mail und Instant Messaging, elektronische Ansichtskarten und alles das sprechen, was wir bisher sinnvoll nur stationär oder umständlich nutzen können. Der Maßstab ist einfach: Soweit UMTS Unbequemlichkeit in Bequemlichkeit verwandelt, werden wir die neue Technologie nutzen und uns auch an sie anpassen. Alle anderen Anwendungen, insbesondere solche, die neue Unbequemlichkeiten generieren, werden wir wie eine heiße Kartoffel fallen lassen.

Das Interview führte Niels Gründel

Werner Lauff: "Schöner, schneller, breiter. Die ungeahnten Möglichkeiten von Kabel, DSL, Satellit und UMTS". Redline Wirtschaft/Carl Ueberreuter Verlag, Frankfurt/Wien; 220 Seiten; 24,90 Euro.



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