Mobilfunk Masten auf dem Krippendach

Die Bundesregierung erwägt, die Leistung von Mobilfunkmasten schärfer zu begrenzen. Damit will sie die Furcht vor den ungeliebten Strahlenquellen zerstreuen.


Jürgen Trittin: Strahlt da was und mehr, als gesund wäre?
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Jürgen Trittin: Strahlt da was und mehr, als gesund wäre?

Bundesumweltminister Jürgen Trittin hatte bisher keine Angst, mit dem Handy zu telefonieren. Plötzlich jedoch scheint er sich da nicht mehr so sicher zu sein: "Wir prüfen zurzeit", so erklärt er nun, "ob wir zusätzliche Vorsorgewerte für Mobilfunkstrahlen einführen, die etwa um den Faktor zehn niedriger liegen als die bisherigen Grenzwerte."

Sind also jene hochfrequenten Strahlen der mittlerweile 50 Millionen Handys und 50.000 Mobilfunkmasten in Deutschland doch nicht so harmlos, wie es bisher immer hieß?

Die Beamten in Trittins Ministerium beruhigen: "Es gibt nach wie vor keinerlei wissenschaftlichen Nachweis, dass der Mobilfunk die Gesundheit gefährdet." Das Problem sei nicht die Strahlung selbst, sondern vielmehr die Angst vor ihr: Im Umweltministerium stapeln sich die Protestbriefe, immer mehr verängstigte Menschen suchen Rat.

Edmund Stoiber weiß, was beim Wähler ankommt: Er forderte am Montag "Verständnis für die Ängste" der Kunden
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Vor allem in Bayern und Baden-Württemberg, aber auch andernorts lässt sich kaum mehr ein Sendemast aufstellen, ohne dass sich eine Bürgerinitiative formiert. Menschen klagen über Ohrensausen, Kopfweh und Schlaflosigkeit. Oswald Birkenberger, Bauer im badischen Waldkirch, fürchtet gar, die Sendemasten verstrahlten sein Wasser.

Dass Beweise für mögliche Gesundheitsbeschwerden fehlen, das haben in der letzten Woche auch kritische Gutachter wie Peter Neitzke vom hannoverschen Ecolog-Institut auf einer Anhörung des Bundestages noch einmal klargestellt.

Doch im Lande verhallen die beschwichtigenden Worte. Die Installation des neuen UMTS-Netzes ­ bis zum Jahr 2005 sollen an 15.000 neuen Standorten 40.000 weitere Masten aufgestellt werden ­ mehrt sogar noch den Widerstand. Die Furcht vor den ungeliebten Sendeanlagen frisst sich durch Hunderte von Gemeinden ­ und hat jetzt auch die Berliner Politik erreicht.

"Es wird schon deshalb etwas passieren müssen, weil sich so viele Bürgerinitiativen gebildet haben", prophezeit der Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, Christoph Matschie (SPD). Und auch das Bundesamt für Strahlenschutz schenkt den Bürgerprotesten zunehmend Gehör.

"Auch wenn für Gesundheitsbeeinträchtigungen, die aus der Bevölkerung berichtet werden, Wirkungszusammenhänge derzeit nicht nachgewiesen werden können, nehmen wir solche Berichte ernst", sagt Wolfram König, Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz. "Deshalb muss die Vorsorge verstärkt werden. Die Felder sollten überall da, wo sich viele Menschen aufhalten, möglichst gering sein."

Handy-Nutzer: Ist dieser Mann völlig verstrahlt?
AP

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Ob der bisherige Grenzwert durch einen Vorsorgewert ergänzt wird, hängt auch vom Votum der Strahlenschutzkommission ab. Das unabhängige Gremium, dem 14 Forscher angehören, beriet am Mittwoch in Oberschleißheim darüber. Auch hier, so ein Teilnehmer, lautete das Resümee: Aus wissenschaftlicher Sicht ist strengere Vorsorge derzeit eigentlich nicht nötig. Trotzdem gibt es Befürworter des Schweizer Modells, wo die zulässigen Grenzwerte zehnfach unter den deutschen liegen.

Doch ob eine Verschärfung die Ängste der Menschen zerstreuen würde, ist zweifelhaft:

  • Ein neuer Vorsorgewert dürfte die verunsicherte Bevölkerung erst recht misstrauisch machen. Auch in der Schweiz ist trotz des niedrigeren Werts der Widerstand gegen den Mobilfunk ungebrochen.
  • Die seit Jahren andauernde Diskussion um so genannte biologische Effekte würde nicht verstummen. Denn diese sind ohnehin unbewiesen ­ bei höherer Strahlung ebenso wie bei niedriger.
  • Bei geringerer Leistung jedes einzelnen Funkturms müsste die Gesamtzahl der Masten unweigerlich steigen ­ und mit ihr auch die Zahl der besorgten Anwohner. Zudem würden die Netzbetreiber eine Maßnahme, die wissenschaftlich derzeit nicht begründbar ist, kaum klaglos hinnehmen. Denn Mehrkosten in Höhe von zwei bis vier Milliarden Mark kämen auf sie zu.

Die Mobilfunkfirmen setzen deshalb auf eine andere Strategie. Bisher zeigt die Erfahrung, dass der Volkszorn dort am heftigsten entbrennt, wo Konzerne ihre Masten auf die Dächer pflanzen, ohne die Kommunen und Anwohner vorab zu informieren. Damit solle nun Schluss sein, verspricht Michael Schüller von Mannesmann Mobilfunk: "Wir wollen in Zukunft mit den Kommunen zusammenarbeiten."

Die gemeinsame Suche nach den günstigsten Standorten könnte manchen Bürgermeister allerdings zu unpopulären Maßnahmen zwingen. Wer Kinder, Schüler und Gebrechliche vor Mobilfunkstrahlen schützen will, der setzt die Sendeanlagen am besten aufs Dach von Kinderkrippen, Schulen und Krankenhäusern. Denn Mobilfunkmasten funktionieren ähnlich wie Leuchttürme ­ direkt unter ihnen ist die Strahlung am schwächsten.

JÖRG BLECH



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